Rücktritt und Strafverfahren Schweizer Politiker stürzt über "Kristallnacht"-Tweet

Ein Lokalpolitiker der rechtspopulistischen Schweizer SVP hat mit einer Reihe islamfeindlicher Tweets einen Eklat ausgelöst. Darin regte er einen Angriff auf Moscheen an, analog zur "Kristallnacht". Der 37-Jährige löschte und leugnete die heiklen Botschaften - und ist nun zurückgetreten.

Twitter-Profil von Alexander Müller: "Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht"

Twitter-Profil von Alexander Müller: "Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht"


Berlin/Zürich - Auf seinem Blog gibt sich Alexander Müller wertebewusst und konservativ: "Ich stehe ein für eine weitgehend eigenständige und souveräne Schweiz und unser demokratisches System", schreibt der 37-jährige Kreditanalyst über sich. Jetzt ist der Schulpfleger und Zürcher Quartierpolitiker der Schweizerischen Volkspartei (SVP) über eine Reihe islamfeindlicher Tweets gestolpert.

Die Geschichte schlägt in der Schweiz derzeit hohe Wellen. Am Dienstagabend erklärte er gegenüber seinen Vorstandskollegen seinen Rücktritt von sämtlichen politischen Ämtern und den Austritt aus der Partei, schreibt die "Neue Zürcher Zeitung". Damit kommt Müller einem Ausschlussverfahren zuvor, das die SVP-Stadtpartei in Zürich am Dienstag angekündigt hatte, hieß es weiter. Müller will im Rückblick missverstanden worden sein, wie er in einem Interview ausführte.

"Dreck weniger auf Erden wäre gut"

Müller hatte Schweizer Medienberichten zufolge am Wochenende über seinen Twitter-Account namens "DailyTalk" brisante Kurzmeldungen abgeschickt. "Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht... diesmal für Moscheen", schrieb Müller demnach. Er reagierte damit auf die Debatte über ein Gerichtsurteil, bei dem ein Islamist in zweiter Instanz freigesprochen wurde, obwohl er Gewalt gegenüber sexunwilligen Ehefrauen als "okay" bezeichnet hatte.

Das Portal "20Minuten online" gab eine Wiederherstellung auf einer Monitoring-Plattform in Auftrag - die ergab, dass Müller die Tweets anscheinend selbst verfasst hatte. Auch andere Einträge wie "Ich würde gewisse Leute tatsächlich gerne an die Wand stellen und erschießen. Dreck weniger auf Erden wäre gut" stammen gemäß der Archiv-Plattform von ihm.

Nach ersten wütenden Reaktionen löschte Müller seinen "Kristallnacht"-Tweet wieder und bestritt die Anregung einer Kristallnacht gegen Moscheen - wobei er seine Formulierung weder erläuterte noch sich für sie entschuldigte. Dies wurde als Bestreiten der Existenz des Tweets verstanden.

Laut der Schweizer Zeitung "Blick" hat die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Verdachts auf Verstoß gegen die Anti-Rassismus-Strafnorm eröffnet. Beamte führten eine Razzia in Müllers Wohnung durch. Aufgrund der Vorfälle war Müller bereits am Montag von seinem Arbeitgeber, einem internationalen Kreditversicherer, gekündigt worden. Im Laufe des Mittwochs will sich der SVP-Politiker gegenüber der Öffentlichkeit äußern.

In der "Reichspogromnacht" 1938, auch "Kristallnacht" genannt, ermordeten die Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November etwa 400 Menschen, steckten 1400 Synagogen in Brand und zerstörten jüdische Geschäfte und Friedhöfe.

Hinweise der Redaktion: In der ersten Version dieses Artikels hieß es, Müller sei Stadtrat in Zürich gewesen - das war falsch. Wir haben den Text korrigiert und bitten um Entschuldigung für den Fehler. Auch legt Herr Müller mittlerweile seine Sicht der Dinge in Schweizer Medien dar. Auf ein entsprechendes Interview haben wir im Text verlinkt.

amz



insgesamt 33 Beiträge
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prontissimo 27.06.2012
1. Bravo !
Zitat von sysopEin Stadtrat der rechtspopulistischen Schweizer SVP hat mit einer Reihe islamfeindlicher Tweets einen Eklat ausgelöst. Darin regte er einen Angriff auf Moscheen an, analog zur "Kristallnacht". Der 37-Jährige löschte und leugnete die heiklen Botschaften, wurde aber überführt - und ist nun zurückgetreten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841222,00.html
Die Schweiz geht wenigstens gegen Solches vor. In D mussten erst Menschen sterben ehe man sich bewegte.
wilddornrose 27.06.2012
2. 20 Minuten
20 Minuten Online gab keinen Wiederherstellungsauftrag - die Tweets von Müller waren im sysomos-monitoringstool automatisch gespeichert. Entdeckt hat sie ein von 20 Minuten unabhängiger Social Media-Experte.
UdoL 27.06.2012
3. Titel
Wieso hat er nicht einfach behauptet, beim Abschicken der Sprüche massiv unter Alkohol oder Drogen gestanden zu haben? Das wäre doch noch die glaubhafteste Ausrede gewesen. Aber "nicht selbst verfasst" ... wie peinlich.
wilddornrose 27.06.2012
4. Stadtrat
Im Stadtrat sass der Herr übrigens auch nicht. Er war nur Mitglied der Kreisschulpflege.
alexbln 27.06.2012
5.
Zitat von UdoLWieso hat er nicht einfach behauptet, beim Abschicken der Sprüche massiv unter Alkohol oder Drogen gestanden zu haben? Das wäre doch noch die glaubhafteste Ausrede gewesen. Aber "nicht selbst verfasst" ... wie peinlich.
als ob alkohol und drogen es besser machen würden. widerlich bleibt widerlich. und solche geschmacklosen äußerungen sind und bleiben widerlich, um es noch höflich zu formulieren.
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