Brandenburg Eine für alle

Kerstin Hoppe ist eine Kämpferin. Für ihren Job als Bürgermeisterin im brandenburgischen Schwielowsee gibt sie alles - auch ihr Privatleben.

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe, auf der Seewiese im Ortsteil Ferch
Steffen Kugler/ SPIEGEL ONLINE

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe, auf der Seewiese im Ortsteil Ferch

Aus Schwielowsee berichtet


Am Morgen "löscht" die Bürgermeisterin erstmal die Primeln vor dem Rathaus. Es ist der Tag der letzten Gemeinderatssitzung vor der Kommunalwahl in Schwielowsee in Brandenburg, und als erster Termin steht eine Brandschutzübung auf ihrem Programm. Also marschiert Kerstin Hoppe, 53, CDU, vorneweg und demonstriert, wie man einen Feuerlöscher einsetzt. "Nur die Ruhe!", sagt sie und kichert.

Ruhe, die hat Hoppe in ihrem Beruf eigentlich selten. 75 Stunden arbeite sie in der Woche, rechnet sie vor. Auch an diesem Tag sitzt sie wieder seit 7.30 Uhr in ihrem Büro, in einem Neubau in Seenähe, der erst ein Rathaus ist, seit es Kerstin Hoppe in diesem Amt gibt. Seitdem sind die Gemeinden Ferch, Caputh und Geltow südwestlich von Potsdam und Berlin eine Großgemeinde und haben eine hauptamtliche Bürgermeisterin.

Frauen in der Kommunalpolitik
    Am 26. Mai ist in vielen Teilen Deutschlands Kommunalwahl. Frauen sind auf kommunaler Ebene bislang nur selten in politischen Ämtern vertreten. Weniger als zehn Prozent aller Bürgermeister Deutschlands sind weiblich. In kleineren Gemeinden sind besonders wenige Frauen in politischen Führungspositionen zu finden.
Hier stellen wir einige von ihnen vor. Sie bestätigen die Statistik: Fast alle sind über 50 Jahre alt und haben keine oder bereits erwachsene Kinder. Sie verbindet ein sehr hohes Arbeitspensum mit manchmal bis zu 80 Wochenstunden.

DEUTSCHLAND
Berlin Fried­richs­hain-Kreuz­berg Taina Gärtner (Grüne), 53, Ab­geord­nete in der Be­zirks­ver­ord­neten­ver­samm­lung
Schwie­low­see Kerstin Hoppe (CDU), 53, Bürgermeisterin
Le­ver­ku­sen Eva Lux (SPD), 63, Bürger­meisterin
Chem­nitz Barbara Ludwig (SPD), 57, Ober­bürger­meisterin
Mün­chen Dorothea Wiepcke (CSU), 37, Stadt­rätin

Ihr Arbeitstag wird heute erst um 0.30 Uhr zu Ende sein, nach der Gemeinderatssitzung. Nachdem sie mit allen auf den faktischen Abschluss der Wahlperiode angestoßen und sich auf den nächsten Tag vorbereitet hat: ein Treffen der deutschen Bürgermeister im Bundestag. Hoppe will dort erklären, warum es für Gemeinden wie ihre schwer ist, das Gute-Kita-Gesetz umzusetzen, das kürzlich in Berlin beschlossen wurde. Auch an diesem Tag wird sie keine Pause machen, an ihrem Schreibtisch ihr mitgebrachtes Essen aus der Tupperdose essen und dabei nochmal über die Sitzungsordnung gehen.

Ihre Assistentin sagt: Manchmal komme man bei Hoppe nicht hinterher. Weil sie immer alles sofort will. Weil sie vor allen anderen im Rathaus ist und als letzte geht. In den Fluren hört man in regelmäßigen Abständen das rasche Klackern von Hoppes Absätzen.

Hoppes Arbeitstage sind vielleicht auch deshalb so lang, weil sie überall dabei sein will: in den Fachausschüssen, den Ortsbeiräten, den Hauptausschüssen. Sie will Probleme aus erster Hand erfahren, besonders gut vorbereitet sein. Sie hat das Gefühl, als Frau müsse das immer noch so sein, als müsse sie sich besonders beweisen. Schließlich ist sie als Bürgermeisterin einer so kleinen Gemeinde in Deutschland eine Rarität - wie gut sie ist, das bestimmt unter Umständen den Ruf vieler Frauen.

"Länger als ein halbes Jahr ist die nicht da"

Als die CDU-Politikerin mit 38 Jahren ins Amt gewählt wurde, war sie die jüngste Bürgermeisterin Brandenburgs. Heute gibt es nur eine weitere, die es in Brandenburg ebenso lange durchgehalten hat. Hoppe wurde im vergangenen Jahr mit 64,5 Prozent wiedergewählt, sie ist nun in ihrer dritten Amtszeit, es soll ihre letzte sein. Wenn alles gut geht, hätte sie den Job am Ende 24 Jahre gemacht.

Damals, als sie ihre Arbeit aufnahm, habe es Wetten unter männlichen Kollegen gegeben: "Länger als ein halbes Jahr ist die nicht da." Weil sie als ausgebildete Bauingenieurin aus der Wirtschaft und nicht aus der Verwaltung kam. Und weil sie eine Frau ist, davon ist Hoppe überzeugt.

Doch in der Bauwirtschaft hatte Hoppe bereits gelernt, sich unter Männern durchzusetzen. Und der damalige Innenminister Brandenburgs, Jörg Schönbohm (CDU), unterstützte sie. Er sagte immer wieder: "Eins muss uns allen klar sein, Bürgermeister ist das schwierigste Amt was es gibt. Man wird von unten getreten und von oben." Wenn sie einen Fehler mache, sagt Hoppe, dann spüre sie das direkt. Von beiden Seiten.

Eine Gemeinde "wie eine große Familie"

Wenn sie ein paar Minuten Zeit hat, geht sie gern den kleinen Weg vom Rathaus hinunter zur Südseite des Schwielowsees. Am Ufer stehen seit Neuestem neben dem Spielplatz auch zwei neue "Seniorenspielgeräte". Dahinter wurden vor Kurzem zwei Häuser mit Seeblick fertig gestellt. Die Gemeinde wachse um 100 Menschen pro Jahr, 1600 Neubürger, sagt Hoppe stolz, im Laufe ihrer 16-jährigen Amtszeit.

Hier leben Menschen, denen es gut geht. Menschen, die an der nahegelegenen Uni Potsdam arbeiten oder ins nahegelegene Berlin pendeln, Familien, Rentner, solche, die sich Seeblick oder Segelboot leisten können. Rund 10.800 Menschen sind es insgesamt. "Wie eine große Familie", sagt Hoppe.

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Kommunalpolitik: Frauensache

Die Bürgermeisterin ist stolz darauf, was sie für die Gemeinde erreicht hat, vor allem darauf, dass Schwielowsee nun staatlich anerkannter Erholungsort geworden ist. "Wir arbeiten, wo andere Urlaub machen."

Auf ihrer Website hat sie die Errungenschaften ihrer Amtszeit als Meilensteine aufgelistet. Die ausgebildete Bauingenieurin liebt es, Dinge zu optimieren. Bei der Gemeinderatssitzung am heutigen Abend soll deshalb auch der Vertreter einer Unternehmensberatung die Ergebnisse seiner Studie präsentieren. Wie kann die Gemeinde noch effektiver werden?

Um viertel nach elf ist Hoppe auf dem Weg zum nächsten Termin: Das Ehepaar Felsch feiert an diesem Mittwoch seinen 65. Hochzeitstag. 65 Jahre, das wird sie selbst nicht mehr schaffen. Nach 27 Jahren Ehe hat sie sich scheiden lassen, ist Einzelkämpferin geworden, fünf Jahre lang ganz allein. "Wenn Sie es ernst meinen mit diesem Job, dann haben Sie kein Privatleben mehr."

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe, fährt in ihrem Dienstwagen zu einem Termin im Ortsteil Ferch
Steffen Kugler/ SPIEGEL ONLINE

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe, fährt in ihrem Dienstwagen zu einem Termin im Ortsteil Ferch

Wenn Bürger ein Anliegen haben, dann sprechen sie die Bürgermeisterin gern im Supermarkt an. Zum Beispiel wenn der Nachbar zu laute Musik macht oder vor der Haustür Müll liegt. Wenn es besonders dringend ist, dann stehen sie auch mal vor ihrer Haustür. Die Familie, die kurz vor dem Urlaub am Wochenende ihren Reisepass verlängern muss etwa. Dann telefoniert Hoppe so lange herum, bis sich jemand gefunden hat, der noch kurz das Bürgeramt aufsperren und neue Reisedokumente ausstellen kann. "Sie werden über alles informiert", sagt Hoppe. Und sie dürfe niemals sagen: "Lasst mich in Ruhe."

Hoppe weist auf der Fahrt immer wieder auf die vielen Neubauten hin: die neue Feuerwache hier, die neue Kita dort. "Jeder bekommt bei uns immer noch zum Wunschtermin seinen Kitaplatz." Kitaplätze scheinen das größte Problem der Gemeinde - und sogar das ist bereits gelöst. Hoppe biegt ab auf den Naturschotterparkplatz. Hier trifft sie Ortsvorsteher Büchner.

Kerstin Hoppe mit Ortsvorsteher Roland Büchner, auf dem Weg zu Ehepaar Felsch
Steffen Kugler/ SPIEGEL ONLINE

Kerstin Hoppe mit Ortsvorsteher Roland Büchner, auf dem Weg zu Ehepaar Felsch

Das Ehepaar Felsch sitzt im Wohnzimmer, Hoppe legt zur Begrüßung die Arme auf die Schultern der beiden, dann nimmt sie ihr Sektglas in die Hand und auf der Fußablage der Couch platz. Ortsvorsteher Büchner setzt sich neben Frau Felsch auf die Couch. Er hat die gute Laune eines Mannes, dem die Wiederwahl sicher ist. "Gesunder Menschenverstand" steht schlicht unter seinem Bild, das an etwa jeder vierten Laterne im Ort prangt.

"Du hast es ganz schön weit gebracht!", sagt Jubilar Felsch anerkennend zum Ortsvorsteher. Zu Kerstin Hoppe sagt er: "Pass auf, dass die, die da von außen kommen, euch nicht alles wegnehmen."

Kerstin Hoppe, gratuliert dem Ehepaar Felsch zur eisernen Hochzeit
Steffen Kugler/ SPIEGEL ONLINE

Kerstin Hoppe, gratuliert dem Ehepaar Felsch zur eisernen Hochzeit

"Außen", klärt Hoppe rasch mögliche Missverständnisse auf, das ist die Nachbargemeinde Beelitz. Dort lebt der SPD-Kandidat, der bei der letzten Bürgermeisterwahl gegen Hoppe antrat. Man müsse in Schwielowsee tief verwurzelt sein, um hier gewählt zu werden.

Nach 45 Minuten bricht Hoppe auf und fährt zurück zum Rathaus. An den Straßenlaternen hängen die Wahlplakate, die Bürger und Gemeinde gerade vor große Aufgaben stellen. Die Bürger können nicht mehr unterscheiden zwischen den 170 Kandidaten für die Kommunalwahlen und den ebenfalls zahlreichen für die Europawahl am Sonntag, sagt Hoppe. Zudem hat die Gemeinde noch nicht ausreichend Wahlhelfer.

Wieder im Büro steht als nächstes die Besprechung mit einer von Hoppes Fachausschussleiterinnen an. Doch erstmal will die Bürgermeisterin herausfinden, warum gegenüber vom Rathaus eine Polizeistreife parkt. Sie ruft ein paar Leute an. "Die Streife ist schon zum zweiten Mal hier vorbei gefahren", sagt sie aufgeregt in den Hörer. Schließlich atmet sie auf: "Nachbarschaftsstreit."

Um 19 Uhr sitzt Hoppe wieder neben Ortsvorsteher Büchner. Er eröffnet die letzte Gemeinderatssitzung vor der Wahl. Zu Beginn gibt es nur Schönes zu besprechen: Der erste Leseclub hat stattgefunden, ein Sportclub einen neuen Trainer, der neue Spielplatz endlich einen Namen. Hoppe breitet es ausführlich in ihrem Bericht aus. Auch die Bürger haben nichts zu bemängeln: Vielleicht könnte sich die Gemeinde dafür einsetzen, dass die Bäume im Wildpark West regelmäßig gegossen werden?

Dann erklärt der Unternehmensberater, wie man die Effizienz der Gemeinde noch steigern kann: Digitalisierung und Arbeitsteilung seien wichtig. Am wichtigsten aber: die Entlastung der Bürgermeisterin.

Hoppe nickt und sagt leise: "Das wünsche ich mir."



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