Seehofer Stehaufmännchen der Christsozialen

Gefallener Polit-Star? Keineswegs. Agrarminister Seehofer ist zwar Konkurrent Huber im Kampf um den CSU-Vorsitz unterlegen, hat aber ein gutes Ergebnis bekommen. Nun gehört er mehr denn je zur engeren Führung der CSU.

Von , München


München - Man kann Horst Seehofer nicht vorwerfen, er habe nicht gekämpft: Zwischen Januar und September absolvierte er 143 Termine in Bayern, darunter war viel Wahlkampf in Bierzelten. Von Beginn an litt seine Kandidatur für den CSU-Vorsitz unter seiner Berliner Liebesaffäre. Er verspielte viele Sympathien, doch er kämpfte sich zurück.

Gescheiterter Seehofer: "Wunderbares Beispiel gehobener demokratischer Kultur"
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Gescheiterter Seehofer: "Wunderbares Beispiel gehobener demokratischer Kultur"

Auf dem entscheidenden CSU-Parteitag an diesem Wochenende kam Seehofer auf 39,1 Prozent Zustimmung - damit unterlag er zwar seinem Konkurrenten Erwin Huber (58,2 Prozent), erlitt aber auch nicht das Debakel, dass manche in der Partei befürchtet hatten: Man solle bitteschön aufpassen, dass man den Horst nicht so stark beschädige, dass er möglicherweise in seinem Berliner Amt nicht mehr zu halten sei.

Die Sorgen waren grundlos. Am Ende lobten sie sich in der CSU-Führung wegen eines "Parteitags der kollektiven Vernunft" (Stoiber). Und Seehofer, der später noch mit einem Ergebnis von 91,8 Prozent zum CSU-Vize gewählt wurde, zeigte sich sofort loyal gegenüber Huber: Er betonte, die CSU habe "ein wunderbares Beispiel gehobener demokratischer Kultur gezeigt". Er werde "weiter mitkämpfen, dass wir diese Geschichte zum Erfolg bringen".

Seehofers Stahlbäder

Horst Seehofer ist das christsoziale Stehaufmännchen schlechthin. Vor der Bundestagswahl 2002 entging er nur knapp dem Tod, überstand eine lebensbedrohliche Herzmuskelentzündung. Im Sommer 2004 legte er im Streit um die von der damaligen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel favorisierte Kopfpauschale im Gesundheitswesen seinen Posten als Vize-Chef der Unionsfraktion im Bundestag nieder. Das schien das Ende seiner politischen Karriere. Doch der Widersacher kehrte zurück: Im Jahr 2005 trat er als Minister für Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Merkels Kabinett der Großen Koalition ein.

Vielen galt er als Favorit auf die Stoiber-Nachfolge in der Partei. Als es dann tatsächlich ernst wurde, im Januar 2007 nach Stoibers Rückzugsankündigung, da taumelte Seehofer wegen seiner Liebesaffäre. Ein Mann, der Vorsitzender einer christlichen Partei werden will, zwischen zwei Frauen? Seehofers Beliebtheitswerte in der CSU sanken. Seehofer entschied sich lange Monate nicht zwischen seiner Familie in Ingolstadt und der Freundin in Berlin. Im Juni wurde seine Tochter geboren, zu der er sich umgehend bekannte. Kurz darauf kehrte er zu seiner Frau zurück. Im Rückblick bezeichnete er die Zeit seit Januar als "Stahlbad", durch das er gegangen sei.

Horst Seehofer ist wieder da. Wenn auch nicht als Vorsitzender, so doch als mächtigster Vize, den die CSU je hatte. Der neue Parteichef Erwin Huber wird sich bis zur Bundestagswahl 2009 hauptsächlich um Bayern kümmern. Dort stehen im Frühjahr 2008 Kommunal-, im Herbst Landtagswahlen an – 50 Prozent plus X sind dabei für die CSU so etwas wie eine Existenzbedingung. Seehofer wird derweil in Berlin kräftig mitmischen. Seitdem das Soziale wieder Konjunktur hat, kann der auch gern als Herz-Jesu-Sozialist bezeichnete Seehofer dort punkten – und den eher konservativ-liberal ausgerichteten Huber ergänzen.

Des Katholiken Seehofers Politik wird bestimmt durch seine Herkunft: Als Sohn eines Bauarbeiters hat er sich von Beginn an für die Schwachen eingesetzt. Als Verwaltungsfachmann arbeitete er an den Landratsämtern Ingolstadt und Eichstätt. 1980 gelang ihm erstmals als direkt gewählter CSU-Abgeordneter der Einzug in den Bundestag. Seehofer profilierte sich als sozialpolitischer Sprecher der Landesgruppe und wurde 1989 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Norbert Blüm. Drei Jahre später berief Kanzler Helmut Kohl den 42-Jährigen zum Bundesgesundheitsminister. Nur drei Wochen nach Amtsantritt legte Seehofer einen umfassenden Gesetzesentwurf zur Sanierung des Gesundheitssystems vor.

Nach der Abwahl von Kohl 1998 geriet Seehofers politische Karriere ins Stocken: Die Unionsfraktion übertrug dem ehemaligen Gesundheitsminister nur die Zuständigkeitsbereiche Europa, Landwirtschaft und Umwelt. Erst nachdem die CDU-Spendenaffäre auch zu Machtverschiebungen zwischen den Unionsparteien geführt hatte, erhielt Seehofer im Frühjahr 2000 als einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden seinen angestammten Bereich zurück. Dann kamen Merkel und die Kopfpauschale.



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