TV-Interview Seehofer verteidigt Abrechnung mit Röttgen

Der Auftritt im "heute-journal" hat seine Wirkung nicht verfehlt. Horst Seehofers Schimpftirade gegen NRW-Wahlverlierer Röttgen und die CDU sorgen in der Union für heftige Reaktionen. Seehofer ist das egal. Er pocht weiter auf Forderungen nach Konsequenzen aus dem Debakel.
CSU-Chef Seehofer: "Für eine Überzeugung kämpfen"

CSU-Chef Seehofer: "Für eine Überzeugung kämpfen"

Foto: dapd

München - Die Lust am Zündeln war ihm Montagabend schon anzusehen. Als Horst Seehofer ZDF-Moderator Claus Kleber gestattete, auch das Nachgespräch zum Interview über die NRW-Wahl zu senden, konnte sich der CSU-Chef einen schelmischen Gesichtsausdruck nicht verkneifen. Am Dienstag legt Seehofer nach und erklärte gern und bereitwillig, wie der ungewöhnliche TV-Moment zustande gekommen war.

Der Herr Kleber habe ihn ein bisserl angestachelt. "Als ich den Eindruck hatte, er spricht mir den Mut ab, habe ich gesagt: Senden Sie's." Es sei ihm nicht um Reaktionen gegangen, sondern um den Erfolg der Union, beteuert Seehofer in München. Die "nicht beabsichtigten Reaktionen" seien aber alle positiv und zwar in "gigantischer Zahl."

"Wir sollten etwas nicht schönreden, was nicht schön ist", hatte Seehofer zuvor bei seiner Generalabrechnung im ZDF mit Blick auf den Absturz der CDU auf 26,3 Prozent bei der Wahl im bevölkerungsreichsten Bundesland am Sonntag erklärt. Dies sei ein Desaster gewesen. Auch kritisierte er das Verhalten des CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen scharf. "Das war ein ganz großer Fehler", sagte Seehofer über Röttgens Weigerung, sich auch bei einer Niederlage für einen Verbleib in Nordrhein-Westfalen auszusprechen (siehe YouTube-Video).

Der bayerische Ministerpräsident bohrt weiter in der Wunde der schmerzhaften CDU-Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen. Für die Union seien mit Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen Wahlen in zwei wichtigen Ländern verloren worden. "Es kann doch nicht sein, dass das Thema NRW und die Wirkung für die bürgerlichen Parteien unterbelichtet wird", sagt Seehofer nach einer Sitzung seines Kabinetts. Für einen Erfolg bei der Bundestagswahl 2013 seien zwei starke Partner nötig: "Es nutzt nichts, wenn die FDP neun Prozent hat und die Union 31." Ihm gehe es darum, dass das Schwungrad "in Bewegung gesetzt wird".

Kritik aus der CDU für seinen ZDF-Auftritt wischt er beiseite - und pocht auf seine Forderung nach Konsequenzen aus dem Debakel. Die Bundesregierung müsse nun verhindern, dass der Eindruck eines politischen Stillstands entstehe. Deshalb dringe er auf ein Treffen mit den Vorsitzenden von CDU und FDP, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Und will da auch nicht locker lassen: "Ich bin gewohnt, für eine Überzeugung zu kämpfen." Dies werde er auch sehr nachdrücklich in den nächsten Wochen tun. Das muss für die CDU wie eine Drohung klingen.

Dahinter steckt Kalkül. Seehofer präsentiert sich einmal mehr als Mann der klaren Worte. 2013 wird für ihn ein wichtiges Jahr. Dann ist nicht nur Bundestagswahl - und die Union in miesem Zustand. Für den Bayern fast noch wichtiger: Im Freistaat steht ebenfalls ein Urnengang an. Die CSU fürchtet, dass sich der Abwärtstrend der Schwesterpartei auf das Wahlergebnis auswirken könnte. Unbedingt will Seehofer daher auch getrennte Termine für die beiden Entscheidungen. Und unbedingt muss er sich schon jetzt profilieren. In dem angezählten NRW-Wahlverlierer Röttgen findet er ein denkbar leichtes Opfer.

In der Union reagiert man mit Unverständnis auf die Schärfe der Attacke aus München. "Wenn jemand am Boden liegt, sollte man ihm die Hand reichen und nicht noch nachtreten", sagte der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach SPIEGEL ONLINE. Die schweren Vorhaltungen Seehofers sorgen auch in der nordrhein-westfälischen CDU für Unmut. "Ich wünsche Horst Seehofer, dass er in einer Niederlage nie so von anderen Landesverbänden behandelt wird, wie er im Moment die CDU behandelt", sagte der stellvertretende Vorsitzende der NRW-CDU, Armin Laschet. Andere, wie der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Peter Altmaier, geben sich völlig gelassen. "Auch gute Sachen kann man immer besser machen. Deshalb freuen wir uns auf jeden konstruktiven Vorschlag in jede Richtung."

Beim ZDF ist inzwischen wieder etwas Ruhe eingekehrt. Über den Triumph wollte Nachrichtenmann Kleber nicht mehr viel sagen. Nur dies: "Manche Dinge entfalten ihre Wirkung nur, wenn man sie so stehen lässt, wie sie sind", ließ er übers ZDF mitteilen. "Der vorliegende ist ein solcher Fall." Der Sender bat dann noch um "Verständnis, dass Herr Kleber das Gespräch nicht im Nachhinein kommentieren möchte. Das können aber natürlich gerne andere übernehmen."

ler/dpa/AFP/Reuters
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