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Seehofers Triumph Der Super-Horst

Fünf Jahre musste er auf diese Genugtuung warten, jetzt hat Horst Seehofer seine CSU wieder zur absoluten Mehrheit in Bayern zurückgeführt. Für Kanzlerin Merkel könnte der wiedererstarkte Partner aus dem Süden noch richtig anstrengend werden.

Jeder will jetzt etwas von ihm, "Horst, Horst, Horst" rufen ihm manche hinterher, ein anderer klopft ihm auf die Schulter, "allein dein Sieg": Horst Seehofer wird am Sonntagabend durch viele Gänge des Münchner Landtages geschoben und vor Dutzende Mikrofone geführt. "Man wird hier durchgedrängt und durchgeschleust, da weiß man gar nicht mehr, wo man war", sagt der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident, als er ein weiteres Mal ein Mikrofon in die Hände gedrückt bekommt.

Auch wenn Seehofer an diesem Abend manche Winkel des Landtages zum ersten Mal sieht, in einer Frage verliert er nie die Orientierung: wo jetzt seine CSU steht. Das Jahr 2008 sei nun Geschichte, sagt Seehofer vor seinen Anhängern, sofort bricht Jubel aus, weil niemand in der Partei dieses Datum vergessen hat: 2008, das war das Schreckensjahr der CSU. Mit dem Spitzenduo Günther Beckstein (Regierungschef) und Erwin Huber (Parteivorsitzender) verlor sie damals bei der Landtagswahl 17,3 Punkte und schmierte auf 43,4 Prozent ab. Vorbei war es mit der absoluten Mehrheit, die für die Christsozialen lange eine Art Naturgesetz war.

Sonderstellung unter der Ministerpräsidenten der Union

Und jetzt: abgehakt, Betriebsunfall, die absolute Mehrheit ist seit Sonntagabend zurück. "Wir sind wieder da", sagt Seehofer. 47,7 Prozent der Stimmen errang die Partei laut amtlichem Endergebnis, weit abgeschlagen landete die SPD mit 20,6 Prozent auf dem zweiten Platz. Freie Wähler und Grüne schnitten mit 9 beziehungsweise 8,6 Prozent schwächer ab als vor fünf Jahren. Ein Debakel erlebte die FDP mit 3,3 Prozent.

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Wahl in Bayern: Triumph für Seehofer

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Seehofer gibt seiner Partei damit endgültig das Selbstbewusstsein zurück, das viele zuletzt trotz blendender Umfragewerte nicht zu offen zur Schau tragen wollten. Zu tief saß die Sorge, dass am Ende doch noch etwas schieflaufen könnte.

Seehofer steckt jetzt in einer komfortablen Lage: Fünf Jahre will er noch regieren, dann an einen Nachfolger übergeben. Ilse Aigner oder Markus Söder? Seehofer kann sich Zeit lassen, angesichts des Wahlerfolges wird ihn niemand drängen, frühzeitig den Thronfolger zu bestimmen.

Seehofer ist Profi genug, um am Abend seines Sieges nicht nur ein Zeichen der Stärke zu senden. Seine Parteifreunde mögen bitte "auf dem Teppich bleiben", impft er den Christsozialen ein. Zu präsent dürfte ihm die Erfahrung sein, wie seiner Partei einst unter Edmund Stoiber ein Wahltriumph zu Kopf stieg und dann der Ärger begann. Überhaupt: Auch mit der Opposition wolle er in Kontakt stehen und nach Gemeinsamkeiten suchen. Seehofer, der sanfte Sieger, der auch im Moment des Erfolgs nüchtern bleibt - das ist die eine Seite des gebürtigen Ingolstädters am Wahlabend.

Die andere zeigt ihn als kühlen Machtpolitiker, der genau weiß, dass sich mit dem Erfolg der CSU in Bayern auch die Gewichte in Berlin verschieben werden. Er hat jetzt unter den Ministerpräsidenten der Union eine Sonderstellung. Und wenn die CSU-internen Umfragen zutreffen, die den Christsozialen in Bayern sogar bis zu 50 Prozent bei der Bundestagswahl zutrauen, dann würde ein möglicher Wahlerfolg von CDU und CSU vor allem auch auf Seehofers Konto gehen.

Die Maut bleibt auf der Tagesordnung

Seiner Machtposition ist sich Seehofer durchaus bewusst. Ob er Zurückhaltung gelobe, fragt ihn Sigmund Gottlieb. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks spielt damit auf einen alten Spruch Seehofers an, mit dem er einst im Wahlkampf "Schüchternheit" angekündigt hatte. Seehofer gluckst: "Ich gelobe, dass ich die bayerischen Interessen in Berlin vertrete." Seine wichtigste Position ist bekannt. Damit sie niemand vergisst, nennt er sie noch einmal klar und deutlich: "Die Maut bleibt auf der Tagesordnung, und wir werden sie in einer neuen Bundesregierung auch durchsetzen." Dass er auch höhere Renten für Mütter fordert, erwähnt er nicht weiter - aber für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte seit dem bayerischen Wahlsonntag klar sein: Die CSU könnte schon bald eine sehr fordernde Schwesterpartei sein.

Ein freundliches Wort hat Seehofer auch noch für die FDP, die ihm jetzt in München als Bündnispartner verloren ging und die an der Fünfprozenthürde scheiterte: Die Liberalen, so Seehofer, hätten im Bund das Potential für fünf Prozent und mehr. Als am Sonntagabend allerdings die erste Spitzenpolitikerrunde im Bayerischen Rundfunk lief, war kein Liberaler zu sehen. CSU, SPD, Grüne, Freie Wähler waren da, die FDP brauchte man ja nicht mehr. FDP-Spitzenkandidat Martin Zeil starrte am Sonntagabend lange auf seinen Blackberry, als suche er nach guten Nachrichten in seinem E-Mail-Eingang, aber seine Tage als Vizeministerpräsident sind gezählt.

Ude zieht es nach Sibirien

Und die SPD, die mit Christian Ude darauf gesetzt hatte, zusammen mit Grünen und Freien Wählern das große Wunder zu schaffen und Seehofer als Ministerpräsident abzulösen? Sind Verlierer und irgendwie auch nicht, weil sie bei den Wählerstimmen zulegen konnten. Ude sieht erleichtert aus, dass er am Ende besser abgeschnitten hat, als es in Umfragen vorhergesagt wurde. "Es geht endlich wieder bergauf für die Genossen", rief Ude vor jubelnden SPD-Anhängern - im Hintergrund eine Stellwand mit bayerischem Bergidyll.

Auch seine Frau Edith von Welser-Ude konnte dem Ergebnis etwas Positives abgewinnen: "Für uns brechen jetzt reizvolle Zeiten an", sagte sie mit Blick auf die kommenden Monate mit deutlich mehr Ruhe für ihren Mann. Kommendes Wochenende wird er das Bierfass auf dem Oktoberfest anstechen, noch ein halbes Jahr Oberbürgermeister sein und dann in den Ruhestand geben. Aus Altersgründen darf er nicht erneut für den Posten kandidieren. Sie plane eine gemeinsame Reise mit der transsibirischen Eisenbahn für kommenden Sommer, verriet sie. Für den Spitzenkandidaten der SPD heißt es also: ab nach Sibirien.