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25. März 2009, 11:28 Uhr

Selbstfindung im Wahlkampf

Merkels Union gibt die Spülmuffel-WG

Von Christoph Schwennicke

Das Rennen ums Kanzleramt wird spannender als erwartet: In der Union geht es zu wie in einer WG, in der keiner abwaschen will. Kanzlerin Merkel rangelt mit CSU-Chef Seehofer, die Konservativen mucken auf. Ein Glück für die SPD, denn die hat ihre Selbstfindung beinahe hinter sich.

Berlin - In der Chemie gibt es den sogenannten Schwellenwert. Der Schwellenwert, oft mit dem Buchstaben k versehen, bezeichnet in einem Energiediagramm den Punkt, bis zu dem in einer Versuchsanordnung Energie zugeführt werden muss, bevor ein chemischer Prozess in Gang kommt und selbst Energie freisetzt.

Unionschefs Merkel, Seehofer: Schwer entflammbar
REUTERS

Unionschefs Merkel, Seehofer: Schwer entflammbar

In der SPD liegt der Schwellenwert k sehr niedrig. Es muss nur relativ wenig Energie aufgewandt werden, um einen internen Prozess in Gang zu setzen, der alsbald die ganze Partei erhitzt. Die SPD ist leicht entflammbar.

Die Union hingegen hat einen sehr hohen Schwellenwert. Es muss eine ganze Menge passieren, bis sie Feuer fängt. Die Union ist schwer entflammbar.

Nun aber ist im Lauf der Amtszeit von Angela Merkel genug an kritischer Energie zusammengekommen, um den Schwellenwert zu überschreiten. Am kürzesten zusammengefasst hat den Missmut der ausgetretene frühere CDU-Ministerpräsident Werner Münch in seinem Abschiedsbrief an seine Partei. Noch kürzer geht es ungefähr so: Merkel sympathisiert mit Alice Schwarzer und kritisiert den Papst. Das ist die Umkehrung dessen, was das Wertesystem des orthodoxen Christdemokraten ausmacht. Er wünscht sich eine CDU-Kanzlerin in Solidarität zum Papst und in kritischer Distanz zu Frau Schwarzer.

Gereizt und nervös

Dazu kommt der schleichende Zweifel, wie das mit den Umfragewerten eigentlich wieder besser werden soll. Bisher hat der "schwarze Block" in der Union die Zähne zusammengebissen und die aus ihrer Sicht maternalistische "Gedöns"-Politik ihrer Kanzlerin still ertragen - immer in der Hoffnung, dass ihr Dulden mit einer Mehrheit belohnt wird.

So hatte sich auch SPD-Kanzler Gerhard Schröder einige Zeit im Sattel gehalten. Auch er machte Politik gegen die Überzeugungen seiner Sozialdemokraten, aber so lange er damit Erfolg hatte, ertrug die SPD-Orthodoxie das mit einigem Bauchgrimmen. So wie Schröder auf diese Weise versuchte, von links kommend in der Mitte das entscheidende Quentchen mehr zu holen, greift Merkel von rechts her in die Mitte. Der Erfolg aber bleibt aus oder stellt sich jedenfalls nicht in dem Maße ein, dass die Kritiker stillhalten würden. Mal liegen zehn, mal nur fünf Prozentpunkte in den Umfragen zwischen SPD und Union. Das ist weder ein Polster noch ein Ruhekissen.

Deshalb gebärdet sich im Moment die Union, als sei sie die SPD. Es gibt offene Kritik an der Kanzlerin, es geht zu wie in einer WG, in der lange keiner mehr abgewaschen hat. Die Union liefert den Stoff, aus dem die Berliner Geschichten sind: Beck und Müntefering, das Drama war gestern, Merkel und Seehofer ist heute. Gereizt sind die Unionisten, gereizt und nervös.

Lange unterdrückte Ressentiments brechen sich Bahn. Es ist wie bei einer posttraumatischen Stressstörung: Man kann die Aufarbeitung einige Zeit unterdrücken, es kann Jahre dauern, aber irgendwann drängt das Unterdrückte an die Oberfläche. Jeder Therapeut weiß: je später, umso vehementer. Das Trauma der Union ist die vergangene Bundestagswahl, ein scheinbar sicherer Sieg, der fast verspielt wurde.

Verstolpert die Union den Zieleinlauf?

Und dieses Mal ist die Ausgangslage schlechter. Zwar geht Merkel mit dem Amtsbonus in die Auseinandersetzung, aber die Union verstolpert den Einlauf ins Stadion, hinein in die letzte Runde, die 400 Meter bis ins Ziel. Dazu kommt eine politisch-wirtschaftliche Lage, von der man noch nicht weiß, wie viele zusätzliche Arbeitslose, wie viel Unzufriedenheit mit den Regenten sie noch hervorbringen wird. Bisher ist es fast unerklärlich ruhig im Land. Aber es geht los, anderswo, in Großbritannien und in Frankreich zum Beispiel. Das können Vorboten auch für Deutschland sein.

Die Situation wiederum führt dazu, dass Merkel eine etatistische Politik macht wie sie der marktliberale Flügel ihrer Partei ablehnt. Sie wird also von der Lage dazu gezwungen, noch weiter von der reinen Lehre des Leipziger Parteitags abzuweichen. Also noch verschärfter eine Politik zu betreiben, die ihre parteiinternen Kritiker ihr schon bis hierher vorgeworfen haben.

Die SPD hingegen hat sich im Etatismus immer schon am wohlsten gefühlt. Und wenn demnächst nicht nur der SPD-Verkehrsminister sondern auch noch der Kanzlerkandidat dem Bahn-Börsengang abschwört, dann haben sich dort bald alle wieder lieb. Als habe es nie einen Agenda-Schröder gegeben.

Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass der Union - zur absoluten Unzeit - ein langwieriger Prozess der Selbstfindung bevorsteht, den die SPD ihrerseits gerade dabei ist zu beenden. Das Rennen ums Kanzleramt ist dadurch wider Erwarten wenigstens ein bisschen spannend geworden.

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