Selbstfindung im Wahlkampf Merkels Union gibt die Spülmuffel-WG

Das Rennen ums Kanzleramt wird spannender als erwartet: In der Union geht es zu wie in einer WG, in der keiner abwaschen will. Kanzlerin Merkel rangelt mit CSU-Chef Seehofer, die Konservativen mucken auf. Ein Glück für die SPD, denn die hat ihre Selbstfindung beinahe hinter sich.

Von Christoph Schwennicke


Berlin - In der Chemie gibt es den sogenannten Schwellenwert. Der Schwellenwert, oft mit dem Buchstaben k versehen, bezeichnet in einem Energiediagramm den Punkt, bis zu dem in einer Versuchsanordnung Energie zugeführt werden muss, bevor ein chemischer Prozess in Gang kommt und selbst Energie freisetzt.

Unionschefs Merkel, Seehofer: Schwer entflammbar
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Unionschefs Merkel, Seehofer: Schwer entflammbar

In der SPD liegt der Schwellenwert k sehr niedrig. Es muss nur relativ wenig Energie aufgewandt werden, um einen internen Prozess in Gang zu setzen, der alsbald die ganze Partei erhitzt. Die SPD ist leicht entflammbar.

Die Union hingegen hat einen sehr hohen Schwellenwert. Es muss eine ganze Menge passieren, bis sie Feuer fängt. Die Union ist schwer entflammbar.

Nun aber ist im Lauf der Amtszeit von Angela Merkel genug an kritischer Energie zusammengekommen, um den Schwellenwert zu überschreiten. Am kürzesten zusammengefasst hat den Missmut der ausgetretene frühere CDU-Ministerpräsident Werner Münch in seinem Abschiedsbrief an seine Partei. Noch kürzer geht es ungefähr so: Merkel sympathisiert mit Alice Schwarzer und kritisiert den Papst. Das ist die Umkehrung dessen, was das Wertesystem des orthodoxen Christdemokraten ausmacht. Er wünscht sich eine CDU-Kanzlerin in Solidarität zum Papst und in kritischer Distanz zu Frau Schwarzer.

Gereizt und nervös

Dazu kommt der schleichende Zweifel, wie das mit den Umfragewerten eigentlich wieder besser werden soll. Bisher hat der "schwarze Block" in der Union die Zähne zusammengebissen und die aus ihrer Sicht maternalistische "Gedöns"-Politik ihrer Kanzlerin still ertragen - immer in der Hoffnung, dass ihr Dulden mit einer Mehrheit belohnt wird.

So hatte sich auch SPD-Kanzler Gerhard Schröder einige Zeit im Sattel gehalten. Auch er machte Politik gegen die Überzeugungen seiner Sozialdemokraten, aber so lange er damit Erfolg hatte, ertrug die SPD-Orthodoxie das mit einigem Bauchgrimmen. So wie Schröder auf diese Weise versuchte, von links kommend in der Mitte das entscheidende Quentchen mehr zu holen, greift Merkel von rechts her in die Mitte. Der Erfolg aber bleibt aus oder stellt sich jedenfalls nicht in dem Maße ein, dass die Kritiker stillhalten würden. Mal liegen zehn, mal nur fünf Prozentpunkte in den Umfragen zwischen SPD und Union. Das ist weder ein Polster noch ein Ruhekissen.

Deshalb gebärdet sich im Moment die Union, als sei sie die SPD. Es gibt offene Kritik an der Kanzlerin, es geht zu wie in einer WG, in der lange keiner mehr abgewaschen hat. Die Union liefert den Stoff, aus dem die Berliner Geschichten sind: Beck und Müntefering, das Drama war gestern, Merkel und Seehofer ist heute. Gereizt sind die Unionisten, gereizt und nervös.

Lange unterdrückte Ressentiments brechen sich Bahn. Es ist wie bei einer posttraumatischen Stressstörung: Man kann die Aufarbeitung einige Zeit unterdrücken, es kann Jahre dauern, aber irgendwann drängt das Unterdrückte an die Oberfläche. Jeder Therapeut weiß: je später, umso vehementer. Das Trauma der Union ist die vergangene Bundestagswahl, ein scheinbar sicherer Sieg, der fast verspielt wurde.

Verstolpert die Union den Zieleinlauf?

Und dieses Mal ist die Ausgangslage schlechter. Zwar geht Merkel mit dem Amtsbonus in die Auseinandersetzung, aber die Union verstolpert den Einlauf ins Stadion, hinein in die letzte Runde, die 400 Meter bis ins Ziel. Dazu kommt eine politisch-wirtschaftliche Lage, von der man noch nicht weiß, wie viele zusätzliche Arbeitslose, wie viel Unzufriedenheit mit den Regenten sie noch hervorbringen wird. Bisher ist es fast unerklärlich ruhig im Land. Aber es geht los, anderswo, in Großbritannien und in Frankreich zum Beispiel. Das können Vorboten auch für Deutschland sein.

Die Situation wiederum führt dazu, dass Merkel eine etatistische Politik macht wie sie der marktliberale Flügel ihrer Partei ablehnt. Sie wird also von der Lage dazu gezwungen, noch weiter von der reinen Lehre des Leipziger Parteitags abzuweichen. Also noch verschärfter eine Politik zu betreiben, die ihre parteiinternen Kritiker ihr schon bis hierher vorgeworfen haben.

Die SPD hingegen hat sich im Etatismus immer schon am wohlsten gefühlt. Und wenn demnächst nicht nur der SPD-Verkehrsminister sondern auch noch der Kanzlerkandidat dem Bahn-Börsengang abschwört, dann haben sich dort bald alle wieder lieb. Als habe es nie einen Agenda-Schröder gegeben.

Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass der Union - zur absoluten Unzeit - ein langwieriger Prozess der Selbstfindung bevorsteht, den die SPD ihrerseits gerade dabei ist zu beenden. Das Rennen ums Kanzleramt ist dadurch wider Erwarten wenigstens ein bisschen spannend geworden.

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Seite 1
cathys 24.03.2009
1. ??
Zitat von sysopKritik an der Kanzlerin, Frust über miserable Umfragewerte: Die Zeiten für die Union werden schwieriger. Wie angeschlagen ist Angela Merkel?
"Angezählt" wäre der bessere Ausdruck! Bis September werden wir uns noch alle sehr wundern!
Nov 24.03.2009
2. ...
Zitat von sysopKritik an der Kanzlerin, Frust über miserable Umfragewerte: Die Zeiten für die Union werden schwieriger. Wie angeschlagen ist Angela Merkel?
Von "angeschlagen" kann man bei ihrer persönlichen Zustimmung in der Bevölkerung nicht sprechen. Die Union ist die Angeschlagene, weil Merkels Programmwilderei bei Grünen und Sozialdemokraten der Partei weitgehend ihr bürgerliches, christliches und wirtschaftsliberales Profil gekostet hat. Merkel selbst dagegen ist, trotz ihrer zahlreichen politischen Feinde, immernoch felsenfest im Sattel. Ob das nun so gerechtfertigt ist, ist wieder eine andere Sache. War aber auch nicht gefragt.
K. S. 24.03.2009
3.
Zitat von NovVon "angeschlagen" kann man bei ihrer persönlichen Zustimmung in der Bevölkerung nicht sprechen. Die Union ist die Angeschlagene, weil Merkels Programmwilderei bei Grünen und Sozialdemokraten der Partei weitgehend ihr bürgerliches, christliches und wirtschaftsliberales Profil gekostet hat. Merkel selbst dagegen ist, trotz ihrer zahlreichen politischen Feinde, immernoch felsenfest im Sattel. Ob das nun so gerechtfertigt ist, ist wieder eine andere Sache. War aber auch nicht gefragt.
Anscheinend mögen die Deutschen Politiker die statt Stellung zu beziehen lieber alles aussitzen. ;-)
Hubert Rudnick, 24.03.2009
4. Kritik ist berechtigt
Zitat von sysopKritik an der Kanzlerin, Frust über miserable Umfragewerte: Die Zeiten für die Union werden schwieriger. Wie angeschlagen ist Angela Merkel?
Die Kritik gegen die Bundeskanzlerin ist in vielen Dingen berechtig, es gibt keine Person die immer alles richtig macht, aber als Mitglied der eigenen Partei sollte man auch wissen wie man es anbringt. Viel CDU/CSU Mitglieder die ihre Parteivorsitzende in der Öffentlichkeit kritisieren tun es nur aus ihren Ego heraus, sie wollen sich für die anstehenden Wahlen profilieren und nichts anderes steht dahinter. Wer im Bundestag die Gesetzesvorlagen der eigenen Regierung seine Zustimmung gibt, der sollte hinterher auch schweigen. Frau Merkel ist nun mal die CDU Parteivorsitzende und gibt also auch die Richtung in der Politik ihrer Partei an, aber die Parteimitglieder der CDU hätten sich ja auf ihren Parteitagen gegen ihrer Politik aussprechen können und dort diskutieren sollen, aber da haben sie fast alle den Wünschen dieser Vorsitzenden entsprochen. Wenn Frau Merkel den Papst wegen seiner Politik kritisiert, so ist es auch ihr gutes Recht, denn der Papst steht nicht außerhalb der Gesellschaft, er ist kein Gott und wer das nicht will, der sollte dann bitte schön sich auch nicht darüber aufregen, wenn Diktatoren sonst was machen. Das unsere Frau Bundeskanzlerin alles andere ist, als eine Führungsperson, dass sollte mit der Zeit wohl allen bewußt geworden sein, aber gibt es in den Parteien denn wirklch gute Führungspersönlichkeiten, nicht wer vor den Kameras laut seinen Mund aufmacht, der hat auch was entsprechendes zu sagen, er ist oft nur einer, der nur sich selbst ins gute Licht setzen will, aber damit hat er meistens Unrecht.
Ludwig Schmidt 24.03.2009
5.
Zitat von sysopKritik an der Kanzlerin, Frust über miserable Umfragewerte: Die Zeiten für die Union werden schwieriger. Wie angeschlagen ist Angela Merkel?
Gar nicht.
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