Ferda Ataman

Selbsthass bei Einwanderern Migranten, die gegen Migranten hetzen

Ferda Ataman
Ein Kommentar von Ferda Ataman
Attila Hildmann, Xavier Naidoo, Migranten in der AfD - wie ist es zu verstehen, wenn Menschen aus Einwandererfamilien rechtsextreme Verschwörungen verbreiten oder Hass auf die eigene Gruppe schüren?
Rechtsextreme Drohszenarien: Attila Hildmann bei einer Demonstration gegen Corona-Regeln in Berlin

Rechtsextreme Drohszenarien: Attila Hildmann bei einer Demonstration gegen Corona-Regeln in Berlin

Foto: Christian Thiel / imago images

Können nur weiße Menschen Rassisten sein? Nein, natürlich nicht. Zum einen gibt es auch Ressentiments innerhalb von Minderheitengruppen : Türken gegen Kurden, Griechen gegen Türken, Muslime gegen Juden oder umgekehrt. Zum anderen gibt es auch Menschen, die zum Beispiel als Muslime wahrgenommen werden und sich selbst rassistisch über Muslime äußern. Oder Leute mit offensichtlichem Migrationshintergrund, die gegen Migranten hetzen.

Aktuell wurde das sichtbar im Fall von Xavier Naidoo, Schmusebarde der deutschen Reichsbürger und melodischer Aluhut-Agitator. Der Soulsänger mit eingewanderten Eltern trällert seit Jahren antisemitische und rechtsgesinnte Codes zum Mitsingen. Doch erst 2020 hat RTL ihn als Juror der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" gefeuert. Warum hat man ihn so lange gewähren lassen? Dachte man vielleicht, die fragwürdigen Liedpassagen seien ein Missverständnis, weil - ein Schwarzer könne ja schlecht gegen Migranten hetzen?

Ebenso bemerkenswert der Einpeitscher des Verschwörungsmilieus: Attila Hildmann, Kochbuchautor und selbst ernannter "Veganerkönig". Bei ihm ist es etwas komplizierter. Er hat weiße, deutsche Adoptiveltern, aber seine leiblichen Eltern und sein Vorname sind türkisch. Auch Hildmann hält mit seinen rassistischen Standpunkten nicht hinterm Berg. Als Star der Corona-Leugner-Szene kaut er rechtsextreme Drohszenarien wieder, propagiert Gewalt und hat Strafanzeigen wegen Volksverhetzung  am Hals.

Mittlerweile fast vergessen hingegen ist Akif Pirinçci, der sein Geld in den Neunzigerjahren mit Katzenromanen verdiente. Seit einigen Jahren reüssiert er als vulgärer Muslimenhasser, dessen Bücher auch im AfD-Fanshop zu bekommen sind. Bei einer Pegida-Demonstration bedauerte er 2015 sogar ironisch, dass es keine Konzentrationslager mehr gibt.

Rechtsextremismus bei Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind? Obwohl in diesem Sommer ausführlich über Naidoo und Hildmann diskutiert wurde, fand dieses Thema wenig Beachtung. Es ist auch schwer zu verstehen: Wieso schürt jemand Hass auf eine Gruppe, zu der er oder sie von außen selbst zugeordnet wird? Das Thema ist bislang kaum erforscht, es gibt wenig Literatur.

Erklärungsversuch: migrantischer Selbsthass

Vermutlich sehen sich Xavier, Attila, Akif und Co. selbst nicht als Teil der ihnen verhassten Gruppe und wollen das klarstellen, indem sie sich brutalstmöglich abgrenzen. In manchen Fällen geht das so weit, dass Züge von Selbstverleugnung und Selbsthass zu erkennen sind. Selbsthass, weil sie aus der Identität ausbrechen wollen, die sie offenbar als minderwertig empfinden, und sich auf die feindliche Seite schlagen. Eine Flucht in den Rechtsextremismus, um die ersehnte Anerkennung als Deutsche zu gewinnen?

Es gibt unzählige Migranten und People of Color, die ihr migrantisches Handicap - die Angriffsfläche für Diskriminierung - ausgleichen wollen, indem sie sich über die Maßen anpassen und perfekte Deutsche abgeben. Zum Beispiel, indem sie Bier trinken, Schweinshaxe essen und bei rassistischen Witzen besonders laut mitlachen. Einige gehen noch weiter und biedern sich bei Rechtsradikalen und Rechtsextremen an, wie die Migranten in der AfD .

Eine andere Erklärung wäre der internalisierte Rassismus. Auch People of Color und Schwarze Menschen haben negative Klischees und Stereotype über Minderheiten verinnerlicht - manche mehr, manche weniger. "Internalisierter Rassismus kann sich auch durch die Ablehnung der kulturellen Praktiken der eigenen ethnischen oder rassifizierenden Gruppe bemerkbar machen", erklärt die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder in einem Video  im afrodeutschen Frauenmagazin "Rosamag".

Die rassistische Hetze kann aber auch mit Nationalismen und Rassismen in den Herkunftsländern zusammenhängen. In manchen iranischen Diaspora-Communities finden sich arische Überlegenheitsgefühle  und Hass gegenüber Muslimen . Manche Menschen, die in der Türkei zur gehobenen, laizistischen Schicht der "weißen Türken" gehörten, verhalten sich in Deutschland ebenfalls herablassend gegenüber anderen Türken und gläubigen Muslimen. Solche Beispiele gibt es viele.

Kein Entkommen aus der Diskriminierung

People of Color geraten in rechtsextremen Milieus auf kurz oder lang in eine Zwickmühle: Sie können mit noch so viel Inbrunst rassistische Stammtischparolen schmettern, sie bleiben ein Teil der diskriminierten Gruppe. Xavier, Attila und Akif werden in Deutschland immer als "Migrant", "Mensch mit Migrationshintergrund" oder "Deutschtürke" gesehen - egal, was sie tun oder sagen. In geschlossenen, völkischen Weltbildern gibt es nämlich nur schwarz und weiß, die Grauzone ist schon Multikulti. Migranten oder (Ex-)Muslime dürfen zwar bei der Legitimierung von Rassismus mitmachen, aber in den Augen ihrer rechtsextremen "Freunde" werden sie nie richtig dazugehören.

Schwarze Menschen, die sich in der AfD engagieren , oder Muslime, die Vorträge bei Rechtspopulisten halten , spielen daher ein gefährliches Spiel. Sie lassen sich instrumentalisieren und dienen als Kronzeugen des Kulturhasses. Sie verhelfen Rechtsradikalen oder -extremisten zur Salonfähigkeit: "Schaut her, bei uns sind auch Muslime, Juden, Türken, Afrikaner unterwegs und teilen unsere Standpunkte - also können wir gar keine Rassisten oder Antisemiten sein." Das ist erstaunlich effektiv. Rassisten und Rechtsextreme dürfen aber nicht damit durchkommen, dass sie auf Minderheiten in ihren eigenen Reihen verweisen.

Ärgerlich ist auch, dass manche die Existenz rassistischer Migranten dazu verwenden, sich selbst moralisch zu entlasten: Die sind ja auch nicht besser. Dass aber alle Menschen rassistische Einstellungen haben können, ändert nichts daran, dass Rassismus nicht alle gleich betrifft: Nur weiße Menschen werden dadurch aufgewertet und haben Vorteile, die anderen nicht. Rassismus geht immer zuungunsten von Minderheiten - egal von wem er ausgeht. Also stehen Regierungen und Gesellschaften weiterhin in der Verantwortung, ihre Minderheiten vor Rassismus zu schützen.

Anmerkung der Redaktion: In der Passage über Akif Pirinçci haben wir das Wort "ironisch" eingefügt, um klar zu machen, dass Pirinçci diesen Satz nicht auf Migranten bezogen hatte. Vielmehr hatte er dem später von einem Neonazi ermordeten hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke implizit unterstellt, er würde Kritiker der deutschen Asylpolitik am liebsten ins KZ sperren lassen - aber diese seien "ja leider derzeit außer Betrieb".

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