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29. Juli 2001, 13:07 Uhr

Serie Bonner Klimabilanz (2)

Ein Boot mit Lecks

Heiße Luft? Kyoto light? SPIEGEL ONLINE fragte Experten nach ihrer Einschätzung zum Klimagipfel in Bonn. Heute zieht der Klimaspezialist Christoph Bals von der deutschen Nord-/Südinitiative Germanwatch Bilanz.

Christoph Bals von der NGO Germanwatch

Christoph Bals von der NGO Germanwatch

SPIEGEL ONLINE:

Herr Bals, kommt Kyoto jetzt auf Kurs?

Christoph Bals: Was hier gebaut worden ist, ist ein Boot, in dem eine schwere Reise über Jahrzehnte angetreten wird, hin zu ernsthaftem Klimaschutz. Positiv ist, dass wir nicht mehr schwimmen müssen. Die Enttäuschung liegt darin, dass das Boot wenig Fahrt aufgenommen hat. Wir können nur hoffen, dass der Rückenwind, der durch die Verabschiedung entstanden ist, nun das Boot auch kräftig nach vorne treibt. Dazu müssen die Industriestaaten anfangen, ihre Hausaufgaben zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie denn davon aus, dass alle, die das Boot zu Wasser ließen, auch zusteigen, also ratifizieren?

Bals: Wir werden sicherlich bis 2002, wenn das Abkommen in Kraft treten soll, noch einige Krisen erleben. Möglicherweise gibt es auch eine Verzögerung bis 2003, dem Klimagipfel in Moskau.

SPIEGEL ONLINE: Und die USA werden nur vom Ufer winken?

Bals: Jetzt haben sie die Chance verpasst, Kyoto durch ein Veto zu blockieren. Einzelne Länder von der Ratifizierung abhalten, werden sie wohl nicht. Sie müssen eher überlegen, ab wann sie beitreten. Ich schätze etwa in sieben Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Weil dann die US-Regierung wechselt?

Auf Kurs gebracht: Die Klimaarche. Aber wo steuert sie hin?
AP

Auf Kurs gebracht: Die Klimaarche. Aber wo steuert sie hin?

Bals: Selbst wenn die Regierung die gleiche bleiben sollte, wird der Druck der Naturereignisse als Beleg für den globalen Klimawandel erheblich wachsen. Auch der Druck der Bevölkerung und der Druck der Industrie, die an den flexiblen Mechanismen des Kyoto-Protokolls teilnehmen will. Ab 2008 soll schließlich auch der Emissionshandel beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Weil Kritiker so häufig von "Kyoto light" sprechen: Was muss Kyoto schwergewichtiger machen?

Bals: Die Architektur des Abkommens ist kein Kyoto light. Aber die vorläufigen Ziele sind Kyoto light, aber ich halte es für möglich, dass der Handlungsdruck so gravierend wird, dass die Ziel noch in dieser Verpflichtungsperiode verschärft werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen fehlen bisher?

Bislang unterschätzter Faktor Flugverkehr
DPA

Bislang unterschätzter Faktor Flugverkehr

Bals: Einige ganz dringend. So ist der Luftverkehr das große kommende Klimaproblem. Bis 2012 wird er die Emissionen genauso viel ansteigen lassen, wie die gesamten Wälder und anderen Kohlendioxid-Senken, die im Kyoto-Protokoll einbezogen sind, ausmachen. Im Herbst tagt erstmals der Verband des internationalen Luftverkehrs zu diesem Thema in Kanada um dieses Problem ausführlich zu behandeln. Deutsche Regierung und Nicht-Regierungsorganisationen müssen mit darauf einzuwirken, dass hier auch gehandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt noch?

Bals: Bisher ist das Kyoto-Protokoll ein Reduktionspapier und der Einstieg in Anpassungsmaßnahmen an den globalen Klimawandel in den Entwicklungsländern. Was aber fehlt, ist die darüber hinaus gehende positive Unterstützung von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. Das ist auf dem G-8-Gipgel gescheitert und wäre sicherlich besser hier im Kyoto-Prozess untergebracht.

SPIEGEL ONLINE: In Bonn ist aus der Klimapolitik vor allem Entwicklungspolitik geworden. Konnte diese Kooperation zwischen Europa und den Entwicklungsländern nur gut gehen, weil Amerika im Abseits stand?

Bals: Das liegt auch daran, das beide Seiten begriffen haben, dass es hier auch um die Zukunft der UNO und ihrer Bedeutung ging. Letztlich ging es um die Frage, wer wie Entscheidungen fällt. Verdient ein multilateraler Ansatz wie in Bonn eine Zukunft, in dem jedes Land mit gleichberechtigter Stimme über das gemeinsame Schicksal entscheidet? Oder soll alles durch andere bilaterale Abkommen und Handlungsakteure wie die Weltbank oder den IWF geregelt werden? One dollar, one vote, das wäre der Ansatz der USA. Aus den Bonner Abschlussstatements kann man lesen , wie gut diese Alternative begriffen worden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen nicht zum ersten Mal als Nichtregierungsorganisation an solchen Gipfel teil. Wie hat sich der Einfluss von NGOs im Gegensatz zu den auch anwesenden Industrielobbyisten gewandelt?

Unerwartet erfolgreicher Verhandler: Bundesumweltminister Trittin mit Japans zaudernder Umweltministerin Kawaguchi.
AP

Unerwartet erfolgreicher Verhandler: Bundesumweltminister Trittin mit Japans zaudernder Umweltministerin Kawaguchi.

Bals: Die Positionierung der NGOs hat sich geändert. Nicht nur die großen sind vertreten, auch viele kleine Gruppen von unmittelbar betroffenen kleinen Völkern, die vor Augen führen, wie dringend es ist, zu handeln. Innerhalb der Industrie findet auch ein Wandel statt. 1995 gab es in Berlin nur einen Block, der zu allem was Klimaschutz betrifft, nein gesagt hat. Der ist aufgeweicht. Auf dem Bonner Gipfel überzeugte jetzt vor allem die Gruppe "emissions 55" von Unternehmen, die sich Klimaschutz zum Anliegen machen. Dazu kam die Gruppe der Vereinigten Versicherer.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Versicherer?

Bals: 1996 auf den Genfer Klimagipfel sind die erstmals aufgetreten, aber nicht nur, weil sie natürlich bemerken, welche Klimaschäden angerichtet werden, für die sie aufkommen müssen. Sie haben das meiste Langfrist-Kapital in Deutschland und Europa, vor allem durch das Geld der Lebensversicherungen. Die überlegen sich nun, diese Gelder im Klimaschutz anzulegen, einerseits als Zukunftsmarkt, aber auch um Fortschritte zu fördern. Wenn es also gelingt, künftig Klimakriterien für Investitionen zu berücksichtigen, kann eine sehr große Dynamik entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Spielt Umweltminister Trittin künftig einen stärkeren Part?

Bals: Trittin war einer der vier, fünf entscheidenden Personen auf dem Klimagipfel, der einen Erfolg herbeigeführt hat, mit dem nur noch ganz wenige gerechnet haben. Doch der Stellenwert aller Umweltminister wird jetzt wachsen. Sie müssen keine freiwilligen Selbstverpflichtungen mehr erfüllen, sondern die Vorgaben des Kyoto-Protokolls. Damit können sie viel mehr Druck auf ihre Kabinettskollegen ausüben, notwendige Gelder und Strukturen zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Noch einmal zurück zu Ihrem Bild vom Boot, das nun ins Wasser gelassen wurde. Ist auf dem Klimagipfel eigentlich viel über Bord gegangen, was auf dem Gipfel in den Haag auf der Ladeliste stand?

Bals: Ich empfinde das Papier aus Bonn sogar als eine Stärkung. Die Architektur ist stärker, die Schlupflöcher sind begrenzter, also die Lecks sind nicht mehr ganz so groß. Oder um ein anderes Bild für die Bedeutung von Kyoto zu gebrauchen: Es ist eine Raupe, die irgendwann zum Schmetterling werden kann. Aber erst wenn das soweit ist, können wir wirklich zufrieden sein. Deshalb müssen jetzt die Voraussetzungen und Verschärfungen in den Industrieländern geschaffen werden, damit der Schmetterling bald fliegen kann. Sonst war alles für die Katz.

Die Fragen stellte Holger Kulick

Klicken Sie hier und lesen die Gipfelbilanz von Greenpeace-Klimaspezialist Bill Hare

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