Serie Bonner Klimabilanz (3) Die Schlupflöcher schließen

Heiße Luft? Kyoto light? Ein klimapolitisches Desaster? SPIEGEL ONLINE fragte Experten nach ihrer Einschätzung des Klimagipfels in Bonn und zu dem, was fehlt. Heute zieht der Klimaspezialist Bill Hare von Greenpeace International Bilanz.


Bill Hare, Klimaexperte von Greenpeace International
AP

Bill Hare, Klimaexperte von Greenpeace International

SPIEGEL ONLINE:

Greenpeace hat den Klimagipfel mit Dauerprotesten begleitet. Mit Erfolg?

Bill Hare: Das beste Ergebnis war: Wir haben einen Deal. Das ärgerlichste: Der umweltspezifische Gehalt ist nur dürftig, weil sich einige Länder so große Schlupflöcher schufen, speziell Kanada, Japan, Australien und Russland. Aber die Architektur des Abkommens ist lobenswert und dürfte dazu führen, dass auch die nächste US-Administration beitreten wird.

SPIEGEL ONLINE: Nicht mehr unter Bush?

Hare: Da überwiegt sicherlich die Angst vor einem Gesichtsverlust durch Meinungsänderung. Leider.

SPIEGEL ONLINE: Greenpeace spricht nur von "Kyoto light" als Ergebnis. Wie wird mehr daraus?

Hare: Die Länder müssen aufhören, nach Schlupflöchern zu suchen. Jedes Land muss zu Hause endlich für strengere Umweltvorschriften sorgen und erneuerbare Energien wie in Deutschland fördern. Bei Europa bin ich da zuversichtlicher als bei Kanada, Australien oder Japan. Was alle begreifen müssen: Jedes verlorene Jahr müssen wir mit erheblich gesteigerten Umweltproblemen bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss in der nächsten Runde mit auf den Verhandlungstisch?

Hare: Es ist eine traurige Geschichte, dass Flugzeugabgase und Schifffahrtstreibstoffe nicht mit Limits ins Kyoto-Protokoll einbezogen wurden, das muss dringend geschehen, so schwer das manchen Staaten fallen dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Wie optimistisch sind Sie denn, dass nun alle beteiligten Länder das Kyoto-Protokoll ratifizieren?

Greenpeace-Protest während der Bonner Klimakonferenz
AP

Greenpeace-Protest während der Bonner Klimakonferenz

Hare: Sehr, auch wenn Kanada, Japan und Australien Risikofaktoren bleiben. Auf der anderen Seite sind die Entwicklungsländer zu einer positiven Überraschung geworden. Deren überwältigende Mehrheit steht hinter dem Deal und nahm dafür sogar Probleme mit den Opec-Staaten in Kauf, zog sie aber mit ins Boot. Zu einer Enttäuschung ist leider Russland geworden, dessen Delegation den Eindruck hinterließ, in Bonn nicht sauber zu verhandeln oder das Kyoto-Protokoll nur bedingt verstanden zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Übernahm Russland den amerikanischen Part als gezielter Bremser?

Hare: Nein, das würde ein Komplott im Hintergrund voraussetzen. Aber da dürfte Putin kein Interesse dran haben. Schließlich profitiert Russland erheblich vom Kyoto-Protokoll.

SPIEGEL ONLINE: Haben Energie-Lobbyisten Einfluss ausgeübt?

Hare: Tatsächlich sind die Versuche dieser Lobbygruppen, Einfluss zu nehmen, immer noch stark. Sie haben allerdings ihr größtes Sprachrohr in den Verhandlungen verloren, die USA. So versuchen sie, einzelne Länder zu bearbeiten. Eine beträchtliche Zeit war das bei Russland zu beobachten, den Opec-Staaten oder Polen. Aber so erfolgreich schien das in Bonn nicht mehr zu verlaufen - den politischen Deal konnte das nicht stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Weil auf der anderen Seite der Einfluss von Umweltverbänden und Nichtregierungsorganisationen, den NGOs, gewachsen ist?

Hare: Wir sind zwar nicht mehr isoliert, aber haben nicht mehr Einfluss seit Kyoto. Es gab sogar einen Rückschritt: Wir waren nicht in der Lage, die Verhandlungen direkt zu verfolgen, wie in der Vergangenheit, das hat das Präsidium nicht gewollt. Das schränkt die Möglichkeiten von Regierungen ein, uns zu konsultieren. Transparenz und Demokratie müssen aber sein, wenn Globalisierung groß geschrieben werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Drohen sonst auch Klimagipfeln gewalttätige Proteste wie gegen den G-8-Gipfel in Genua?

In Bonn während des Klimagipfels plakatiert: Greenpeace-Plakat von Klaus Staeck

In Bonn während des Klimagipfels plakatiert: Greenpeace-Plakat von Klaus Staeck

Hare: Das würde nicht weiterhelfen. Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen auf solchen Gipfelgesprächen. Was bringt es, Staatschefs davon abzuhalten, sich zu treffen, um gemeinsame Probleme zu lösen? Natürlich verstehen wir die Ungeduld darüber, wie zäh solche Konferenzen sind, bis ein Fortschritt erreicht ist. Aber was wäre die Alternative? Eine globale Diktatur?

SPIEGEL ONLINE: Aber politischer Druck muss schon sein?

Hare: Aber noch mehr in den einzelnen Staaten, um zum Beispiel Umweltbeschlüsse auch national umzusetzen oder die Ratifizierung des Kyoto-Abkommens. Und überzeugender Druck muss auch erfolgen, damit die Länder überhaupt mit dem politischen Willen zusammenkommen, um zu einem Abschluss zu gelangen. Das zählt! Bei diesem Klimagipfel ist das weitgehend geglückt.

Die Fragen stellte Holger Kulick

Lesen Sie am Mittwoch die letzte Folge: Neue Chancen für Europa. Eine Analyse des iranischen Uno-Botschafters und Sprechers der Entwicklungsländer, Bagher Asadi



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