Serie Bonner Klimabilanz (4) "Europa ist der Champion"

Zum Abschluss der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Bonner Klimagipfel zieht der iranische Uno-Botschafter und Vertreter der Entwicklungsländer, Bagher Asadi, eine überraschende Bilanz.


Bagher Asadi ist Sprecher der Gruppe G-77 der Entwicklungsländer und Chinas
AP

Bagher Asadi ist Sprecher der Gruppe G-77 der Entwicklungsländer und Chinas

SPIEGEL ONLINE:

Herr Asadi, den nun zurückliegenden Klimagipfel haben Sie als Verhandler für die Entwicklungskänder intensiv mit geprägt. Von Beginn an boten Sie eine Politik der helfenden Hände an, der "helping hands". Wer half da wem?

Asadi: Wir haben die Hände gereicht, um mit unserer Hilfe etwas voranzubringen, bei dem uns die Hände gereicht wurden. Denn das Kyoto-Abkommen sieht vor, die Entwicklungsländer mit Finanzhilfen gegen die Folgen des Klimawandels zu unterstützen und ihre Industrie klimaschonend zu entwickeln. Damit reichten uns die Industrieländer ihre Hände. Nun wollten wir ihnen helfen, das Kyoto-Abkommen abzusichern, das durch das Ausscheren der amerikanischen Regierung stark gefährdet war. Wir alle wollten den Erfolg, nur ganz wenige nicht, aber es bringt nichts, mit dem Zeigefinger auf jemanden zu deuten.

SPIEGEL ONLINE: Schweißte Amerikas Haltung die Entwicklungsländer besonders zusammen?

Asadi: Viel mehr hat es die EU vereint, mehr noch als in der Vergangenheit. Die EU hat das Kyoto-Abkommen zu ihrem Anliegen gemacht und treibt es auch weiter voran um es 2002 in Kraft zu setzen. In dieser Hinsicht sind die wahren Champions die Europäer. Auch, weil sie eine neue Politik unterstützen: Den Triumph des Multilateralismus über den Unilateralismus. Denn wir halten es für unakzeptabel und schädlich, mit einseitigen nationalen Interessen einen vielschichtigen, multilateralen Prozess anzugehen. Ich hoffe, dass Politik auf vielen anderen Ebenen auf dieser Einsicht aufbauen kann und nach dem Vorbild der Bonner Kyoto-Verhandlungen Fortsetzungen findet.

SPIEGEL ONLINE: Dachten Sie manchmal, die Verhandlungen platzen noch?

Politisches Tauwetter nach dem Klimagipfel?
DPA

Politisches Tauwetter nach dem Klimagipfel?

Asadi: Nein, ich wollte mir meinen Optimismus nicht nehmen lassen. Mit dem Scheitern von Den Haag im Rücken wollte ich mir diese Katastrophe kein zweites Mal vorstellen. Als in der letzten Verhandlungsnacht nur noch ein strittiges Thema übrig blieb und es nur noch darum ging, Japan an Bord zu holen, wurde mir klar, jetzt sind wir durch. Danach habe ich zu Tagungspräsident Jan Pronk gesagt: Es werden noch Millionen kleiner Hürden auf uns zukommen, aber die größte ist geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie denn damit, dass auch alle beteiligten Staaten das Kyoto-Abkommen ratifizieren?

Asadi: Im Prinzip ja. Auch alle neuen Hürden, die noch in den letzten Gipfel-Tagen beispielsweise von der russischen Seite aufgeworfen wurden, geben keinen Anlass daran, zu zweifeln. Aus taktischen Gründen mögen einige Länder mit der Idee spielen, nochmals Abstand von der Ratifizierung zu nehmen. Aber ohne sich selbst in große Schwierigkeiten zu bringen, kann sich das kein Land mehr leisten. Und wer diesen unvergesslichen Moment des Aufatmens in Bonn miterlebt hat, als 2000 Delegierte der Einigung applaudierten, der kann gar nicht mehr zurück.

SPIEGEL ONLINE: Was muss nach Bonn noch passieren?

Asadi : Definitiv ist Bonn nicht das Ende des Kyoto-Prozesses. Noch eine Menge Punkte sind abzuarbeiten und weiter zu entwickeln. Das wird im Oktober in Marrakesch beginnen. Bonn hat aber bewiesen, dass Fortschritt möglich ist. Belgiens Umweltminister Olivier Deleuze sprach mir aus dem Herzen, als er Reportern sagte: Besser ein unperfektes Abkommen, das arbeitet, als ein perfektes, das nicht existiert.

SPIEGEL ONLINE: Alle ihre Ansprüche erfüllt das Bonner Abkommen also nicht?

Asadi: Sie können immer nach einem perfekten Vertrag Ausschau halten, der jedoch unerreichbar bleibt. Aber nun liegt etwas auf dem Tisch liegt, das als guter Anfang nutzbar ist. Den sollte niemand verspielen, denn wer spielt, will nicht zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn, Amerika folgt noch nach?

Asadi: Das ist meine Hoffnung, die ich zum Schluss auch geäußert habe: Lasst uns hoffen, dass dieses Abkommen allen beweisen kann, wie sinnvoll es ist, möglichst frühzeitig mit einzusteigen. Die USA haben in Bonn teilgenommen und nicht blockiert, das war sehr hilfreich. Nun muss sich Amerika ermutigt fühlen, einen Weg zu finden, wieder mit an Bord zu kommen, und wenn es nach einem eigenen Fahrplan ist. Wenn Sie dafür mehr Zeit brauchen, sollen sie sie sich nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Gerät die USA nicht sogar in Zugzwang?

"Auch die USA sind wieder eingeladen"
DPA

"Auch die USA sind wieder eingeladen"

Asadi: Sicherlich fühlen sich die USA jetzt in dieser Frage isoliert und spüren Druck. Es ist der mächtigste Staat, für einige auch die einzige verbliebene Weltmacht. Jede Entscheidung und Bewegung von ihnen wird Einfluss haben, ob sie an Bord sind oder nicht. Die anderen Nationen haben hier allerdings bewiesen, dass Fortschritt auch ohne sie möglich ist. Auch Japan lernte in Bonn, wie unpopulär es ist, sich abhängig zu machen und welche Anerkennung es bringt, eine unabhängigere Linie zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wird denn der Bonn-Kyoto-Pakt helfen, auch neue Brücken zu bauen?

Asadi: Wir haben in Bonn den Grundstein für eine neue Annäherung, für bessere Kooperation untereinander gelegt. Insbesondere Europa und die Entwicklungsländer sind jetzt in der Lage, sich mehr zu vertrauen und offener und ehrlicher miteinander umzugehen. Beide Seiten haben konstruktiv und nicht destruktiv an diesem gemeinsamen Erfolg gefeilt und viel Respekt für einander gewonnen. Ich habe dies als einen "honorable Deal", ein "ehrenwertes Abkommen" bezeichnet, in dem jeder Beteiligte etwas gutes finden kann.

SPIEGEL ONLINE: Zeichnet sich denn für Sie aus der Sicht des Irans auch eine neue Brücke nach Deutschland ab?

Asadi: Ich bin zwar nicht für bilaterale Verhandlungen zuständig. Aber ich bin sicher, dass die positiven Auswirkungen dieses Abkommens beizeiten spürbar werden - auf beiden Seiten. Ich bin auch überzeugt, dass beide Regierungen die gute Entwicklung des Geschehens in Bonn würdigen und das beste daraus machen werden. Ich wünsche mir das.

Die Fragen stellte Holger Kulick



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.