Sexismus-Debatte reloaded Brüderle trommelt für sein Buch - und nervt seine Partei

Die FDP ist auf Bundesebene weitgehend abgemeldet. Jetzt gibt es wieder Wirbel, aber anders, als sich die Partei das wünscht: Ex-Spitzenkandidat Brüderle hat ein Buch veröffentlicht - auch über die Sexismus-Vorwürfe gegen ihn.
Früherer FDP-Spitzenkandidat Brüderle: "Jetzt rede ich"

Früherer FDP-Spitzenkandidat Brüderle: "Jetzt rede ich"

Foto: Daniel Naupold/ dpa

Berlin - Dieses Buch muss die FDP nun einfach ertragen. "Es ist hoffentlich das letzte Abschiedsgeschenk unseres ehemaligen Spitzenkandidaten", sagt genervt ein Liberaler, der einst in Berlin Politik machte und sich nun am Telefon in Rage redet: "Wie kann er wenige Wochen vor der Europawahl sein Buch präsentieren und die alten Dinge aufwärmen, das ist doch ungeheuerlich!"

Der schmale Band, um den es geht, heißt "Jetzt rede ich". Diese Woche wird es von Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, mit dem sich Rainer Brüderle gut versteht, in Berlin vorgestellt.

Es geht darin um den Politikbetrieb ganz generell, aber eigentlich interessiert nur eines: jener Vorfall mit der "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich an einer Hotelbar im Januar 2012. Und die Berichterstattung der Illustrierten ein Jahr später, die Brüderle vor Beginn des Bundestagswahlkampfs hart traf und eine Sexismus-Debatte auslöste. Damals schwieg Brüderle, jetzt äußert er sich. Die mediale Aufmerksamkeit dürfte dem 68-Jährigen, zuletzt FDP-Spitzenkandidat und Fraktionschef im Bundestag, damit sicher sein.

Seine Partei amüsiert das Buch eher weniger.

Bundespolitisch ist die FDP weitestgehend abgemeldet, seit sie im September aus dem Bundestag geflogen ist. Sie dringt mit ihren Botschaften kaum durch. In den Umfragen liegt die Partei zwischen drei und vier Prozent.

Und ausgerechnet jetzt, wenige Wochen vor der Europawahl am 25. Mai, kommt Brüderle mit seinem Buch, in dem er sich den Fragen des "Bild"-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg stellt. Zwiespältig wird es von manchem aufgenommen, der ihm wohlgesonnen ist. Der Ex-FDP-Bundestagsabgeordnete Lars Lindemann sagt: "Es hilft nicht unbedingt der FDP, aber gibt erneut einen Anstoß für eine längst überfällige Debatte. Für mich hat die Scheinheiligkeit eines Teils der Presse ein nicht mehr akzeptables Maß erreicht." Das zielt auf den "Stern"-Artikel. Über den sagt Brüderle in seinem Buch,er habe ihn "empfunden als das, was er war: eine gezielte Aktion gegen mich als Politiker und als Mensch".

FDP-Vize Wolfgang Kubicki hingegen sieht Brüderles Medienschelte skeptisch: "Ich halte es für wenig sinnvoll, sich über 'Medienkampagnen' zu beklagen. Dies wirkt ziemlich hilflos, denn es bedeutet ja - man hat seine eigene Kommunikation nicht richtig im Griff. Vielmehr gilt doch, dass jeder für seine Kommunikation immer selbst verantwortlich ist."

Ein Werk mit Potential zum Bestseller

Der Vorfall an der Bar in Stuttgart, das anschließende Gespött in der Öffentlichkeit, das in eine allgemeine Sexismusdebatte mündete - all das kommt jetzt zur Sprache. Den Satz gegenüber der "Stern"-Reporterin - "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen" - bestreitet Brüderle gar nicht: "Was ich gesagt habe, war nicht böse gemeint. Weder die Dame noch ihre umstehenden Kolleginnen und Kollegen empfanden es als anstößig. Es gab überhaupt keine negative Reaktion. Sonst hätte ich mich sofort entschuldigt."

So geht es einige Absätze lang. Brüderles Buch könnte es, wie manche Bücher von Ex-Politikern, durchaus auf eine der Bestsellerlisten schaffen. Die FDP aber wird davon nichts haben - außer noch einmal daran erinnert zu werden, dass sie mit ihm scheiterte.

Der einstige Spitzenmann hat in diesen Tagen gesagt, den politischen Menschen Rainer Brüderle werde es auch in Zukunft geben. Das klang wie eine Drohung an die neue Garde, sich auch weiterhin einmischen zu wollen. Die neue FDP-Generalsekretärin Nicola Beer kommentiert das am Montag vor Journalisten in Berlin diplomatisch so: Brüderle habe selbst erklärt, nicht als Oberlehrer daherzukommen, "ich bin nicht immer seiner Meinung gewesen, werde aber auch künftig seine Argumente wägen."

Ergebnis der Sinnsuche: Die FDP macht Hausbesuche

Dabei ist das Problem der FDP nicht mehr Brüderle. Das eigentliche Problem ist, dass ihr Image lädiert ist; auch nachdem die Riege der Minister - Guido Westerwelle, Daniel Bahr, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Philipp Rösler, Dirk Niebel - abgetreten ist.

Kürzlich hielt Parteichef Christian Lindner eine Power-Point-Analyse auf einer Kreisvorsitzenden-Konferenz in Erfurt, es ging dabei auch um das Bild der FDP. Er präsentierte den Funktionären unter anderem zwei Zahlen: Auf die Frage, ob die FDP eine sympathische Partei sei, hatten im November 2013 zwei Prozent der Befragten mit Ja geantwortet, im Januar 2014 waren es drei Prozent. An der Beliebtheitsfront hat die FDP also noch sehr viel vor sich.

Ein erstes vorläufiges Ergebnis der Sinnsuche liegt bereits vor: Das FDP-Spitzenpersonal setzt künftig auch auf Hausbesuche. Ein Parteimitglied lädt Freunde zu sich, ein FDP-Spitzenpolitiker kommt zur Runde, um mit dem Kreis zu diskutieren.

Mancher in der FDP dürfte froh sein, dass Rainer Brüderle nicht dabei ist.

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