Sophie Garbe

Sexismus im Wahlkampf Vorsicht mit den Vorwürfen

Sophie Garbe
Ein Kommentar von Sophie Garbe
Der Wahlkampf hat einmal mehr gezeigt, dass Sexismus immer noch ein großes Problem in Politik und Öffentlichkeit ist. Aus dieser Erkenntnis darf jedoch kein leerer Vorwurf werden.
Annalena Baerbock spricht beim Parteitag der Grünen

Annalena Baerbock spricht beim Parteitag der Grünen

Foto: Steffi Loos / AP

Je länger der Wahlkampf andauert, desto häufiger hat man den Eindruck, dass Sexismus zu einem Pauschalvorwurf geworden ist – meist an jene, die es wagen, die grüne Kanzlerkandidatin zu kritisieren. Das ist insofern schwierig, als Fehler und die Auseinandersetzung mit ihnen zur Politik gehören. Noch problematischer daran ist jedoch, dass diejenigen, die ständig Sexismus anprangern, den Begriff so zunehmend aushöhlen. Durch inflationäre Vorwürfe wird das eigentliche Problem bagatellisiert.

Dass Sexismus und Misogynie in Politik und Öffentlichkeit nach wie vor existieren, ist im Wahlkampf mehr als deutlich geworden. Annalena Baerbock wurde zum Hassobjekt einer anonymen Internetmeute. Die Angriffe auf sie hatten – wie so oft bei Frauen in der Öffentlichkeit – häufig eine sexualisierte Komponente. Ihr Aussehen wurde herabgewürdigt, montierte Fotos mit ihrem Kopf auf einem nackten Körper als vermeintliche »Jugendsünde« verbreitet.

Aber auch in den weniger dunklen Ecken der öffentlichen Debatte wurde schnell ersichtlich, wie allgegenwärtig Sexismus immer noch ist. Baerbocks Kandidatur wurde von den ARD-»Tagesthemen« auf Twitter mit »Es ist ein Mädchen« angekündigt, in einem Triell fiel Unionskandidat Armin Laschet Baerbock mit einem altväterlichen »Jetzt aber mal langsam« ins Wort, und von einem Journalisten wurde Baerbock später großzügig attestiert, sie sei eine »strebsame Dame« und habe zumindest das Potenzial zur »Unterstaatssekretärin«. Die Quotenfrau, die Infantilisierung als überehrgeiziges Mädchen – all diese sexistischen Stereotype finden sich im Umgang mit Baerbock wieder.

Weibliche Macht ist keine Normalität

Dass Frauen von der Öffentlichkeit anders behandelt, anders wahrgenommen werden, wurde dann spätestens bei den TV-Triellen deutlich. Nach den Debatten wurde Baerbock stets als die »Sympathische« bewertet, aber nicht als die »Kompetente«. Und das, obwohl sie laut verschiedenen Faktenchecks inhaltlich eigentlich die wenigsten Fehler bei den Triellen machte. Auch das ist wohl kein Zufall. Studien zeigen, dass Frauen als weniger kompetent wahrgenommen werden, wenn sie energisch auftreten. Und dass Männer allein aufgrund ihres Aussehens häufig als fähiger eingeschätzt werden.

Die drei Kanzlerkandidierenden beim ersten TV-Triell

Die drei Kanzlerkandidierenden beim ersten TV-Triell

Foto: Michael Kappeler / dpa

Diese Mechanismen sind im Wahlkampf wohl auch so sichtbar, weil Angela Merkel sich zurückzieht. Lange war sie das Feigenblatt für Sexismus in der Politik. Ihre Präsenz fungierte als Element der Selbstvergewisserung, dass es mit der Benachteiligung von Frauen ja nicht so schlimm sein kann, wenn sie schon so lange an der Spitze steht. Aber Merkels Leistung bestand letztlich weniger darin, weibliche Macht zu normalisieren, als viel eher darin, die Öffentlichkeit vergessen zu lassen, dass sie eine Frau ist.

Deshalb ist es so wichtig, diesen Wahlkampf als Zeichen zu sehen und daraus zu lernen. Es hat sich für Frauen in der Politik nicht nichts getan in den vergangenen Jahren. Aber es hat sich zu wenig getan – und das sollte auch immer wieder benannt werden. Dabei muss man allerdings dringend differenzieren.

Denn selbstverständlich sollten etwa Medien in dieser Frage reflektieren, ob sie sich manchmal doch bereitwilliger auf die Fehler der jungen Frau einschießen als auf die des älteren Herrn. Ob es okay ist, Baerbock am Ende eines Interviews zu fragen, wie sie ihren Kindern erklärt, dass die Grünen im Wahlkampf vielleicht ihre Chance auf konsequenten Klimaschutz verspielt haben, während es bei Laschet an derselben Stelle darum ging, wo er das EM-Finale schauen wird. Oder ob es nicht ein bedenklicher Reflex ist, bei Fehlern der Kandidatin direkt nach dem nächstbesten Mann als Ersatz zu rufen.

Der Sexismus-Rammbock

Aber es muss auch möglich sein, Politikerinnen für Fehler zu kritisieren, ohne dafür als sexistisch oder gar misogyn betitelt zu werden. Man kann es problematisch finden, dass Baerbock ihre Nebeneinkünfte nicht gemeldet hat, ohne ihr deshalb jegliche Kompetenz absprechen zu wollen. Und man kann es unklug finden, sich ein halb gares Buch aus dem Ärmel zu schütteln, ohne dass dies ein Angriff auf die Kandidatin als Person oder Frau ist.

Wenn aber vornehmlich grüne Anhängerinnen und Anhänger Sexismusvorwürfe wie einen Rammbock vor sich hertragen, um jegliche Kritik aus dem Weg zu hauen, verhindert das nicht nur eine offene Debatte über Fehler in der Politik. Jene, die dann Sexismus so bereitwillig verurteilen, erschweren das Gespräch darüber – weil Ungleichbehandlung plötzlich nur noch wie ein Vorwand wirkt, um die eigenen Fehler zu kaschieren. Eine differenzierte Betrachtung, wo Kritik aufhört und Sexismus anfängt, fällt so persönlichen Betroffenheitsgefühlen zum Opfer.

Das ist heikel, eben weil die Ungleichbehandlung von Frauen an vielen Stellen noch so verbreitet ist. Es braucht daher einen klaren Blick auf die Strukturen dahinter – statt einer Debatte, in der der Begriff Sexismus zunehmend zur abwehrenden Floskel verkommt.

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