Struktureller Sexismus Sollte man den Karneval verbieten?

Schlechte Witze, zu viel Alkohol, liederlicher Umgang der Geschlechter: Das einfache Volk pflegt eine fragwürdige Liebe zum Karneval. Wer progressiv denkt, weiß: So kann es nicht weitergehen.

Karnevalist in Köln
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Karnevalist in Köln

Eine Kolumne von


Ein Kollege berichtete mir vom Auftritt der Funkenmariechen im Kanzleramt. Beine bis zum Po, derselbe in ein kleines Glockenröckchen gezwängt. Einen "Augenschmaus" versprach der die Delegation anführende Karnevalist den versammelten Gästen, darunter die unergründlich lächelnde Kanzlerin.

Keine Frage, wenn einer der Journalisten in einem Bericht Alarm geschlagen hätte, dann wäre eine Wiederholung für das nächste Jahr und alle noch folgenden Jahre ausgeschlossen. Junge Frauen, darunter mutmaßlich Minderjährige, die im Takt der Musik die Beine hochwerfen, aus keinem anderen Grund als zur Freude der überwiegend männlichen Zuschauer? Ein Skandal, von dem "Bento" Wochen zehren könnte.

Was ist Karneval? Eine Kulturpraxis, die ins Mittelalter zurückreicht und deren originärer Zweck es ist, dem Volk für eine begrenzte Zeit ein Ventil zu lassen. Der inszenierte Tabubruch, die Verspottung und Verhöhnung der Obrigkeit, die Feier des Grotesken - all das steht am Anfang des Karnevals, wie der Kulturwissenschaftler Michail Bachtin in "Rabelais und seine Welt", der grundlegenden Studie über die Ursprünge der Lachkultur, gezeigt hat.

Dass es sich beim "Gelächter von unten", wie Bachtin die Faschingszeit nennt, im Kern um Elitenkritik handelt, muss man nicht wissen. Was gilt in der flirrenden Twitter-Welt schon ein russischer Literaturwissenschaftler, den Stalin in die Provinz verbannt hatte? Ganz sicher wissen es aber die Leute nicht, die sich jetzt darüber empören, dass der Büttenredner Bernd Stelter einen Namenswitz gemacht hat.

Stelter hat sich über Doppelnamen lustig gemacht. Hätte nicht ein Standesbeamter Frau Kramp-Karrenbauer warnen müssen, fragte er ins Publikum.

Die Frage ist nicht so abwegig. Auch vor 35 Jahren herrschte in Deutschland kein Zwang, bei Eheschließung seinen Namen mit dem des Ehegatten zu verbinden. Vermutlich kann man die Doppelnamen-Trägerin soziologisch sogar relativ gut eingrenzen: Juristin oder Artverwandtes mit Neigung zur FDP/SPD, frauenbewegt, aber auch nicht so frauenbewegt, dass sie deshalb den Haussegen gefährdet hätte.

Ich mag den Begriff "PC" nicht. Ich finde, er riecht immer ein wenig nach WC-Reiniger. Aber wie soll man die Aufregung nennen? Der WDR hat sich nach heftiger Diskussion dazu durchgerungen, den Namenswitz nun ins Hauptprogramm am Rosenmontag zu übernehmen. Der Rundfunkrat hat tagelang rotiert, da bin ich mir sicher. Wer die Wiederholung von Talkshows verlangt, weil die Sache der Gleichberechtigung nicht angemessen vertreten wurde, der kann so eine flagrante Übertretung der Witzgrenze eigentlich nicht dulden.

Nach heutigen Maßstäben ist am Karneval alles falsch. Es werden laufend anzügliche Späße gemacht, ohne dass jemand einschreitet. Es wird zu viel getrunken. Die Mädels werfen sich Männern an den Hals, die sie im nüchternen Zustand nie und nimmer in ihre Nähe lassen würden. Überhaupt, so muss man sagen, ist ein schrecklich liederlicher Umgang der Geschlechter zu beklagen.

Der einzige Brauch, den man unbesorgt empfehlen kann, ist die Weiberfastnacht. Wer an diesem Jeckentag Schlips trägt, läuft Gefahr, dass ihm dieser abgeschnitten wird. Das hat ein feministisches Element, womit der Beginn des Straßenkarnevals als "weibliche Selbstermächtigung" durchgeht, ein Konzept, das derzeit im politischen Feuilleton und den angrenzenden Medienabteilungen hoch im Kurs steht.

Der Karneval selbst hat sich nicht geändert. Er ist im Kern so, wie er immer war: ein wüster Aufruhr gegen die Regeln des Anstands. Was gewechselt hat, ist das Establishment. Früher ging es gegen die Fürsten und Prälaten, heute sind es die modernen Hüter der Wohlanständigkeit, die zur Zielscheibe des vulgären Spotts werden.

Am besten, man würde den ganzen Karneval verbieten. Mir wäre es egal. Ich komme aus dem Norden, da hat man die Begeisterung für die fünfte Jahreszeit nie wirklich nachvollziehen können. Ich kenne Menschen, die nehmen sich Monate zuvor frei. Ein Kollege schwärmte diese Woche vom Karneval als einer großen zivilisatorischen Errungenschaft, weil für sechs Tage Ausnahmezustand herrsche, ohne dass anschließend nennenswerte Verheerungen zu beklagen seien. Da, wo ich her bin, bedeutet Fasching eine Kostümparty, auf der man sich einen Fummel umwirft, um dann so zu tun, als habe man den Spaß seines Lebens.

Das einzige, was einer Abschaffung des Karnevals entgegensteht, sind die Karnevalisten. In den höheren Etagen der Gesellschaft hat man keine Vorstellung, was es bedeutet, sich den ganzen Tag hinter einer zugigen Kasse die Beine in den Bauch zu stehen. Für viele Menschen ist der Karneval die Zeit im Jahr, in der sie nachholen, was ihnen sonst an Spaß fehlt.

Der breiten Masse ist es dabei herzlich egal, ob ein 57-Jähriger Herrenwitze zum Besten gibt oder sich über Doppelnamen lustig macht. Im Zweifel teilen die Leute seine Vorbehalte und Abneigungen. Die Frauen in den unteren Schichten sind oft erstaunlich robust, was männliches Fehlverhalten angeht. Für längere Betrachtungen über strukturellen Sexismus hat man hier keine Zeit - und auch nicht die passende Fachausbildung.

insgesamt 323 Beiträge
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Seite 1
jamguy 28.02.2019
1. einfaches Volk
ich sehe da in den Sauereien keinen Unterschied zwischen oben und unten ,einfach die Party.
felisconcolor 28.02.2019
2. So
eine Rückkehr ins viktorianische Zeitalter wäre sicher sehr interessant.
isi-dor 28.02.2019
3.
Fleischhauer hat nicht mal begriffen, dass der Karneval im Mittelalter nichts mit Funkenmariechen und kurzen Röckchen zu tun hatte. Peinlich.
r_dawkins 28.02.2019
4. Wer progressiv denkt...
Was hat dieser Satz in einer Kolummne von Fleischhauer zu suchen? Herr Fleischhauer versteht doch nur was von reaktionärem Denken.
isi-dor 28.02.2019
5.
9 Monate nach Karneval gibt es im Rheinland seit jeher eine wunderbare Geburtenflut. Wer kann etwas dagegen haben?
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