Sexualstraftäter "Wegschließen bringt nichts"

Kanzler Gerhard Schröder hat angesichts der jüngsten Kindesentführungen ein härteres Vorgehen gegen Sexualstraftäter gefordert und damit eine Debatte ausgelöst.


Die getötete Julia. In ihrem Fall gehen die Ermittler nicht von einer Sexualstraftat aus
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Die getötete Julia. In ihrem Fall gehen die Ermittler nicht von einer Sexualstraftat aus

Berlin - Eine härtere Bestrafung von Sexualstraftätern ist nach Ansicht des Stuttgarter Therapeuten Siegfried Bayer wenig Erfolg versprechend. "Wegschließen bringt nichts, es ist erheblich sinnvoller, diese Straftäter zu behandeln", sagte Bayer, Geschäftsführer des Stuttgarter "Bewährungshilfe"-Vereins.

Der Psychologe widersprach damit indirekt Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der sich am Wochenende vor dem Hintergrund des ungeklärten gewaltsamen Todes der achtjährigen Julia in Hessen für eine härtere Bestrafung von Sexualstraftätern ausgesprochen hatte. Der Kanzlers hatte in einem Interview gesagt, erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergingen, seien "nicht therapierbar".

Diese Männer sind nach Auffassung Bayers sehr wohl therapierbar. "In den vergangenen drei Jahren haben wir insgesamt 109 Sexualstraftäter aus Baden-Württemberg behandelt, von diesen sind drei rückfällig geworden", bilanzierte Bayer. Eine derartige Rückfälligkeit sei keineswegs auf den Bereich des Missbrauchs beschränkt: "Jeder Kaufhausdieb und jeder Schwarzfahrer kann wieder straffällig werden", sagte Bayer. Schröders Forderung nach der "ganzen Härte des Gesetzes" sei ein "Schnellschuss".

Erheblich sinnvoller als eine härtere Strafe sei eine verpflichtende ambulante Therapie der Vergewaltiger während ihrer Bewährungszeit. "Nach unseren Erfahrungen verringert sich die Rückfallgefahr der Täter durch eine solche Therapie deutlich", sagte Bayer.

Grünen-Politiker: Therapie für alle Sexualverbrecher

Auch der Grünen-Rechtsexperte Volker Beck widerspricht indirekt dem Kanzler. Beck will durchsetzen, dass sich alle Sexualverbrecher einer Therapie stellen müssen. Dies solle auch für die gelten, die nur kleinerer Delikte beschuldigt würden, sagte er am Montag im ZDF- Morgenmagazin. Er forderte die einzelnen Bundesländer auf, die dazu notwendige Infrastruktur zu schaffen. Beck wies darauf hin, dass bereits vor fünf Jahren eine entsprechende Weisung ergangen sei und die Länder sich immer noch "drückten". Faktisch würden Sexualverbrecher derzeit nur weggesperrt. Deswegen sei auch keine Besserung möglich.

Unterstützung für Schröder aus Schwerin

Mecklenburg-Vorpommerns Justizminister Erwin Sellering unterstützt indes die Schröder-Forderung. Der SPD-Politiker schlug vor, zusätzlich zur Haftstrafe wegen Vergewaltigung und Tötung eine lebenslange Sicherungsverwahrung vorzusehen, um jegliches Rückfallrisiko zu vermeiden.

Nur wenn die Wiederholungsgefahr "ausnahmsweise ausgeschlossen werden kann", dürfe die Sicherungsverwahrung vorzeitig enden, erklärte Sellering. "Diese Umkehr des Regelausnahmeverhältnisses beim Rückfallrisiko für Sexualstraftäter ist überfällig", betonte er. Die Gesellschaft habe ein elementares Recht darauf, vor solchen schwerstgestörten Tätern sicher zu sein. Es könne nicht angehen, dass den Heilungschancen der Täter Vorrang vor dem Sicherheitsanspruch der Bevölkerung eingeräumt würden.



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