Parteitag der Grünen Shitstorm nach Bericht über angeblichen Holocaust-Vergleich

In einer Gastrede auf dem Parteitag der Grünen, behauptet »Bild«, habe die Publizistin Carolin Emcke »Klimaforscher mit verfolgten Juden« verglichen. Aber stimmt das auch?
Publizistin Carolin Emcke: Antisemitismus-Vorwurf wegen eines angeblichen Vergleichs

Publizistin Carolin Emcke: Antisemitismus-Vorwurf wegen eines angeblichen Vergleichs

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Rund sieben Minuten sprach die Publizistin Carolin Emcke am Freitag auf dem virtuellen Parteitag der Grünen über Hetze und gewollte Wirklichkeitsverzerrung im Netz durch Populisten. Sie hatte der Rede den Satz vorangeschickt, dass es »eine neue Aufklärung« brauche. Weil Hetze, rechtslastige Fehlinformationen und antiwissenschaftliches Denken immer mehr an Einfluss gewönnen, und zwar mit Kalkül seitens der Populisten: »Die soziale Spaltung, die sie zu bedauern behaupten, ist ihre tiefste politische Sehnsucht.«

In einem Satz sagte sie »Juden« und »Klimaschützer« – und erntet nun einen orchestrierten Shitstorm: Am Samstagvormittag warf ihr zuerst das Springer-Boulevardblatt »Bild« vor, »Klimaforscher mit verfolgten Juden« verglichen zu haben. Kurz nach Mittag folgte die »Welt« mit gleicher These. Zu diesem Zeitpunkt kochte auf Twitter und anderen sogenannt sozialen Medien längst der (ge-)rechte Volkszorn.

Auf dem Twitter-Kanal von »Bild« wurde Emcke, die unter anderem 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, als »Volltrottelin« bezeichnet, als »Holocaustverharmloserin« und »komplett balla-balla«. Die Grünen, auf deren Parteitag sie sprach, seien »die radikalste Partei« überhaupt und müssten »vom Verfassungsschutz beobachtet werden«. Der Partei wie ihrer Gastrednerin wurde dort am Samstag wiederholt vorgeworfen, antisemitisch zu sein. Das Social-Media-Team der »Bild« griff nicht in diese »Diskussion« ein.

Was genau hatte Emcke aber gesagt? Zum Beispiel das hier:

»Es ist Zeit, endlich die Frage nach der Verbindung von Demokratie und Wahrheit zu stellen. Es ist Zeit, dass wir uns eingestehen: Eine in sozialen Medien fragmentierte und durch Desinformation und Ressentiments aufgeladene Öffentlichkeit rührt an den legitimatorischen Kern einer Demokratie. (…) Aber in der Gegenwart ist die öffentliche Kommunikation faktisch privatisiert und in die ungefilterte Macht der Plattformökonomie überführt worden, die kein Interesse an der Unterscheidung von richtig und falsch hat.«

Es ging ihr in der Rede also darum, das politische Kalkül in der Desinformation darzustellen:

»Das Objekt, auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig. (…) Wir werden das im Wahlkampf sehen. Wir werden Manipulationen und Lügen sehen. (…) Es wird keine Rolle spielen, welche Personen oder welche Parteien es trifft.« Denn treffen werde es »alle in unserer Demokratie«.

Kurz darauf kommen die Sätze, die »Bild« nun zum »Eklat auf dem Grünenparteitag« erklärt:

»Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher.«

»Wie bitte«, fragte daraufhin »Bild« im Artikel über die Rede: »Gegen Klimaforscher wird genauso gehetzt wie einst (und auch heute noch) gegen Juden?«

DER SPIEGEL

Man könnte das so lesen, allerdings nur, wenn man die letzten zwei Sätze aus ihrem Kontext löst. Dann wäre Emckes Argumentation vielleicht zumindest »geschmacklos«, wie »Bild« befindet.

Dem folgten prompt auch einzelne Stimmen aus anderen Parteien: »Das Leid vieler verfolgter, ermordeter und ausgegrenzter Juden, Antisemitismus wird hier für die Klimafrage ausgenutzt, und Klimaforscher werden stigmatisiert?«, fragte am Samstagmittag Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, CDU, auf Twitter und verlinkt dazu eine 14-Sekunden-Passage aus der Rede: »Ich kann es nicht glauben.«

»Carolin Emcke ist über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben«

Das muss sie wohl auch nicht, wenn man Michael Kellner, dem politischen Bundesgeschäftsführer der Grünen, glauben kann: »Carolin Emcke ist über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben und hat in ihrer Rede die Logik der Demagogie aufgedeckt.«

Tatsächlich vergleicht Emcke ja keineswegs die Judenverfolgung oder den virulenten Antisemitismus mit Kritik an Klimaforschern. Sie stellt dar, dass Fehlinformation gerade im Wahlkampf jeden treffen werde: das Objekt, »auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig«.

Juden, Kosmopoliten, Feministinnen und Virologen zählt sie dann als beispielhafte Ziele mutwilliger Proteste der Vergangenheit auf. Und bezogen auf den kommenden Wahlkampf der Grünen würden dann eben Klimaforscher zum Ziel solcher kampagnenhafter Fehlinformationen.

Ein Vergleich sei das deshalb gerade nicht, erklärte der Lyriker und Publizist Max Czollek bei Twitter: »Logisch wird hier niemand mit Klimaforscherinnen gleichgesetzt, auch nicht die Juden. Sondern Emcke unterstreicht, dass Konjunkturen bestimmter Zuweisungen und Angstkonstellationen existieren. Und wer wüsste das besser als die ›Bild‹-Zeitung?«

Was Emcke in ihrer Rede beschrieb, sei doch ein bekanntes Phänomen: »Die Vorstellung, dass eine Elite aus Juden, Frauen, Klimawissenschaftlerinnen und Virologen die Welt regieren, ist fester Bestandteil der neurechten Ideologie. Das zu benennen, ist keine Relativierung des Holocaust, sondern eine wichtige Lektion in Intersektionalität.«

Carolin Emcke, die unter anderem von 1998 bis 2006 für den SPIEGEL arbeitete, möchte sich selbst zurzeit nicht zu der einseitig losgetretenen Debatte über ihre Rede äußern, wie ihre Agentur dem SPIEGEL auf Anfrage mitteilte: »Jeder, der sich die Mühe macht, die gesamte Rede anzuschauen, weiß die Inhalte einzuordnen.«

Wir dokumentieren ihre vollständige, ungekürzte Rede im oben eingebundenen Video.

pat
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