Fotostrecke

Politiker im Shitstorm: Schimpfen, Pöbeln, Attackieren

Foto: dapd

Politiker-Protest gegen Wut im Netz Shitstorm, nein danke!

Er ist das Kampfinstrument des virtuellen Wutbürgers: der Shitstorm. Immer häufiger werden Politiker zum Ziel anonymer Beschimpfungen. Es wird gepöbelt, attackiert, oft unterhalb der Gürtellinie. Jetzt sprechen die Betroffenen über ihre Erfahrungen - und fordern mehr Anstand im Netz.
Von Florian Gathmann, Tatjana Heid und Veit Medick

Berlin - Angela Merkel mag die mächtigste Frau der Republik sein, aber vor den Wutwellen im Internet hat auch die Kanzlerin einen Heiden-Respekt. Es war neulich beim Bürgergespräch in Heidelberg, als Merkel gerade noch die Kurve kriegte. Ob man denn nicht über einen Führerschein im Netz nachdenken sollte, fragte der Moderator. Aber die Kanzlerin war auf Zack: "Ja, aber wir machen hier keine Vorschläge. Sonst haben wir morgen einen 'Shitstorm' zu gewärtigen", sagte die CDU-Chefin. Und fügte hinzu: "Da müssen wir jetzt vorsichtig sein."

Shitstorm - es ist schon jetzt das Wort des Jahres. Der Shitstorm ist zu einem wichtigen Kampfinstrument in der politischen Debatte geworden. Eine unbedachte, provokante Äußerung - und schon sehen sich Politiker einer gewaltigen Flut von meist anonymen Beschimpfungen ausgesetzt: Neben dem Mini-Nachrichtendienst Twitter oder dem sozialen Netzwerk Facebook werden auch gerne E-Mails oder Internetforen-Einträge genutzt, um virtuell zu wüten. Je netzaffiner diejenigen sind, die ein Politiker gegen sich aufbringt, desto mächtiger die Empörungswelle.

Ob jung oder alt, einfacher Bundestagsabgeordneter oder Kabinettsmitglied - immer mehr Politiker bekommen den Frust der Netznutzer in Form der elektronischen Eierwürfe zu spüren. Anders als in öffentlichen Debatten bleiben im Zuge von Shitstorms die herkömmlichen Umgangsformen auf der Strecke. Es wird gepöbelt, attackiert, denunziert. Mancher fragt sich, ob das mit der Aggression im Netz so weitergehen kann. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erklärte SPIEGEL ONLINE: "Wir brauchen auch im Netz eine Kultur der Auseinandersetzung, die einen zivilisierten Umgang miteinander ermöglicht."

Internetregeln sind problematisch

Gleichzeitig ist allen politischen Shitstorm-Opfern klar: Mit Regeln für das Netz ist es so eine Sache. Nicht nur die Piraten halten Eingriffe in Online-Debatten für undemokratisch. Wer für Klarnamenpflicht oder Anstandsregeln im Internet eintritt, gilt schnell als Zensor. Tatsächlich mögen Form und Tonlage mancher Kritik schwer zu ertragen sein. Aber nicht zuletzt der Arabische Frühling hat gezeigt, dass freie Kommunikation im Internet ein Segen sein kann, den es zu bewahren gilt.

Andererseits: Bei Shitstorms geht es um mehr als um Stilfragen. Durch das Phänomen der Online-Wutausbrüche drohen Politiker sich von einer virtuellen Stimmung einschüchtern zu lassen, von der nicht immer ganz klar ist, ob sie sich in dieser Ausprägung auch im wirklichen Leben wiederfindet - oder vielleicht doch nur einen Bruchteil der Realität abbildet.

Bei manchen in sozialen Netzwerken vertretenen Politikern ist deshalb eine Schere im Kopf entstanden. Aus vorauseilendem Gehorsam werden die eigenen Beiträge harmlos und netzopportun gehalten. Bloß keine Auseinandersetzung mit der Internetgemeinde, scheint die Devise. Peter Altmaier und Thomas Oppermann, die Fraktionsgeschäftsführer von Union und SPD, stehen beispielhaft für diesen Nichtangriffspakt. Von ihrer sonstigen politischen Schärfe ist online nicht viel zu sehen. Aber es gibt auch Politiker wie den Grünen-Abgeordneten Volker Beck - einen der scharfzüngigsten Twitterer des Bundestags -, die sich von Shitstorms nicht beeindrucken lassen. "Einmal kurz abschütteln und weitermachen", sagt er.

Fotostrecke

Politiker im Shitstorm: Schimpfen, Pöbeln, Attackieren

Foto: dapd

Wie läuft ein Shitstorm ab? Was erleben die Betroffenen? Zehn Politiker berichten auf SPIEGEL ONLINE von ihren Erfahrungen mit der Wut im Internet - und fordern bessere Umgangsformen im Netz:

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.