Nikolaus Blome

Corona und Konsum Shoppen ist die erste Bürgerpflicht

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Einkaufen könne auch patriotisch sein, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier – Kapitalismus und Vaterlandsliebe in einem Satz. Da fliegt im Tempel der grün-linken Gewissheiten das Dach weg. Herrlich.
Verkaufsstand für Weihnachtsspezialitäten in Stuttgart, 28. November 2020

Verkaufsstand für Weihnachtsspezialitäten in Stuttgart, 28. November 2020

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Gerade in der umsatzstarken Adventszeit wird der Bürger alle Nas' lang daran erinnert, dass er nicht nur Tüten trägt, wenn er einkaufen geht, sondern auch Verantwortung. Überwiegend von links der politischen Mitte wird man in die Pflicht genommen, wie die Ursünde (ressourcenfressender Konsum) bereits an der Ladenkasse Ablass finden kann. Dazu sollte der Kaffee zum Beispiel »fair« sein, das Spielzeug nicht aus Plastik und das Auto auf gar keinen Fall ein Diesel. Ganz generell wird betont, man möge beim Einkaufen nicht Kinderarbeit, Dumpingentlohnung oder anonyme Großkonzerne unterstützen, sondern lieber vertrauenswürdige Produzenten aus der heimischen Region, die Tarif zahlen.

Nun, dieses Pflichtenheft ist zwar länger als die Einkaufsliste fürs Weihnachtsessen, aber damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Jeder kann beim Einkaufen auf Dinge Rücksicht nehmen, die ihm wichtig sind, und das ist gut so. Daraus ein polit-ökologisches, grün-linkes Projekt zu machen, ist ebenfalls völlig in Ordnung, ich muss ja nicht in jedem Detail zustimmen. In meiner kleinen Welt der Marktwirtschaft ist der Bürger Souverän und der Kunde König.

Nikolaus Blome
Foto: Daniel Reinhardt / DPA

Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der »Bild«-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender »Bild«-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv.

Nun hat sich der Bundeswirtschaftsminister vergangene Woche erlaubt, eine weitere Variante von Konsumverantwortung hinzuzufügen. Einkaufen könne auch patriotisch sein, sagte Peter Altmaier der »Bild«-Zeitung . Der Erhalt der kleinen Läden in den deutschen Innenstädten sei »eine nationale, ja auch eine patriotische Aufgabe«. Ganz ehrlich: Ich habe mich sehr gefreut über diesen Satz. Es ist ein Kunststück, die Ideen von Kapitalismus und konservativ in einem einzigen Atemzug zu verbinden. Patriotismus in den Alltag zu holen, ist zudem eine wunderbare Provokation, der Mann hat einfach recht. Die vielen Schnarchfüße in den seriösen Parteien rechts der Mitte sollten sich ein Beispiel nehmen.

Es schlugen aber auch Spott und Empörung über dem Minister zusammen. »Wird Deutschland an der Wursttheke verteidigt?«, wurde in Jusokreisen gelästert. Greta Thunberg mahnte auf Twitter: »Kauft kein Zeug, das ihr nicht braucht.« Sie hat vermutlich eine sehr klare Vorstellung davon, was ich an Zeug so brauche und was nicht. Für Fridays For Future muss die Rabattschlacht am Black Friday wahrhaft ein Schwarzer Freitag gewesen sein.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Kritik an Minister Altmaier kam aber auch von einigen, die ein Problem mit »Patriotismus« haben, wenn es um vordergründig banale Dinge wie Shoppen geht. Als Beispiel erwähne ich den Tweet von Igor Levit: »Die patriotische Aufgabe, gegen (in Parlamenten sitzende) Nazis zu sein und ihnen keinen Millimeter zu überlassen.« Das ist so tausendfach richtig, wie ein Elfer ohne Torwart tausendfach reingeht. Aber es sagt leider nichts darüber aus, ob der Minister nicht auch recht haben könnte. Wenn nämlich Patriotismus die überpolitische Gefühlsschnur zur eigenen Heimat und zur gemeinsamen gelebten Nation ist, dann könnte in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit Einkaufen gehen durchaus etwas mit Vaterlandsliebe zu tun haben. Mit der Liebe (so vorhanden) zu dem Land, wie es ist und in dem wir leben.

Zunächst einmal: Wenn Linke und Grüne aus dem Kanon ihrer politischen Interessen herleiten, wie ein guter Kunde sein Kaufverhalten bitte steuern möge, dann wird man einem CDU-Wirtschaftsminister Vergleichbares nicht per se verwehren können. Er hat auch Interessen, und auch er wünscht sich eine Steuerung. Er fordert ja nicht »Buy German«, er fordert »Kauft in Deutschland«, was übrigens in etwa der Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus ist.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Zudem muss blind sein, wer nicht sieht, was Corona-Pandemie und Kontaktbeschränkungen gerade mit Jobs und Einkommen machen, mit den kleinen oder großen Läden und den öffentlichen Räumen. Solche aus Handwerk, Handel und Dienstleistung ge- oder verwachsene Innenstädte sind der Stoff, aus dem Deutschland im Mittel nun einmal gemacht ist – ob die hippen Großstadtszenebewohner da die Nase rümpfen oder nicht. Die Franzosen nennen diesen Stoff, die tradierte Textur eines Landes, »patrimoine«: (kulturelles) Erbe. So ein Erbe kann man nicht kaufen, aber jeder kann einen Teil davon mit Kaufen erhalten. Konsum kann die Umwelt retten. Zumindest meine Umwelt ist nämlich mehr als Flora und Fauna.

Dazu kommt: Der Staat mobilisiert unter Applaus gerade Hunderte Milliarden, um die Wirtschaft in Gang und die Bürger bei Kasse zu halten. Getilgt werden die dafür aufgenommenen Kredite selbstredend von den Steuerzahlern, weshalb ich dazu neige, vor allem bei Produzenten und Läden zu kaufen, die auch Steuern zahlen. Bestimmte Internetgiganten vermeiden das nach Kräften, weil sie das Konzept von nationalen Grenzen und staatlicher Hoheit transzendiert zu haben meinen und natürlich auch, weil das ihre Eigentümer um jede Menge Milliarden reicher macht. Das kann man sich als Bürger bieten lassen. Aber man muss nicht.

Sind deshalb alle vorweihnachtlichen Konsumverweigerer »vaterlandslose Gesell*innen«? Nein, da kann ich beruhigen, sind sie nicht. Nichts zu kaufen, ist schließlich auch eine Entscheidung. Wie der deutschen Fußballnationalmannschaft in einem WM-Endspiel nicht die Daumen zu drücken.