Sieger im Debakel-Schönreden Sozialdemokraten sehen Union schon im Abwärtssog

Die SPD feixt und blickt "fröhlich nach vorne". Ausgerechnet nach der Bayern-Wahl schöpfen die Genossen neuen Mut - dabei konnten sie vom CSU-Desaster kein bisschen profitieren. Trotzdem wähnen sich die Sozialdemokraten im Aufwind.

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Berlin - Sie strahlen noch immer, auch am Tag danach. Als Frank-Walter Steinmeier den bayerischen Spitzenkandidaten Franz Maget am Montagvormittag zum obligatorischen Blumenstrauß-Termin begrüßt, wird im Willy-Brandt-Haus weiter gute Laune verbreitet. Von der Galerie applaudieren die Genossen kräftig und lange, unten im Atrium genießen der amtierende SPD-Chef und sein Münchner Parteifreund breitgrinsend den Augenblick.

So sehen Sieger aus. Könnte man meinen.

Spitzenkandidaten Steinmeier, Maget: Gute Laune im SPD-Präsidium
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Spitzenkandidaten Steinmeier, Maget: Gute Laune im SPD-Präsidium

Nur, Steinmeier und Maget sind keine Sieger. Mehr als 17 Prozentpunkte hat die CSU am Sonntag in Bayern verloren, doch die SPD hat vom Debakel der Christsozialen nicht profitieren können. Ganz im Gegenteil. Nachdem man schon vor fünf Jahren dachte, dass es schlimmer nicht geht, sackten die bayerischen Genossen noch einmal ab. 18,6 Prozent - eine neue historische Marke, so schlecht waren die traditionell linken Süd-Sozis nach dem Krieg noch nie. Der Steinmeier- und Müntefering-Effekt ist ausgeblieben.

Da traf es sich gut, dass das CSU-Desaster irgendwie noch historischer war und alles andere in den Schatten stellte. Ein bayerisches "Erdbeben" verspürte Steinmeier am Sonntagabend um kurz vor sieben noch im fernen Berlin. Dem eigenen Ergebnis widmete er da nur einen knappen Satz. Klar, man habe sich das besser vorgestellt - aber sei's drum. In München freute sich Florian Pronold, Chef der SPD-Landesgruppe im Bundestag gar über den "schönsten Tag in meinem politischen Leben". Zwar mit einem Wermutstropfen - "doch der macht den Wein nicht sauer". Und Parteivize Andrea Nahles grinste die eigene Schwäche am Sonntagabend in der ARD-Talkrunde bei Anne Will einfach weg.

So geht es am Montag weiter. Die SPD-Schlappe wird in einem Nebensatz abgehandelt, viel lieber reden die Sozialdemokraten ausführlich über das Debakel von Beckstein, Huber und Co.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit findet das SPD-Ergebnis zwar bitter, freut sich aber vor allem, dass die CSU zum "Anhängsel der CDU" degradiert worden sei. Schleswig-Holsteins Landeschef Ralf Stegner sieht noch "eine Menge Aufbauarbeit" für die SPD, erklärt aber "die guten Zeiten von Frau Merkel" schon mal für beendet. Und Thüringens Fraktionschef Christoph Matschie sieht in Bayern tatsächlich eine Stabilisierung der SPD, nach der die Aufholjagd beginnen könne: "Die Union hat jetzt richtig ein Problem."

So viel Schadenfreude war selten nach einer Wahl, vor allem aus dem Munde derer, die wohl am wenigstens zur Verschiebung der politischen Koordinaten im Süden der Republik beigetragen haben. Allein das Blumenbouquet für Franz Maget fällt am Montag eher bescheiden aus, da bleibt in der Größe noch deutlich Spielraum nach oben. Trotzdem: "Das war ein schöner Wahlabend gestern", konstatiert Frank-Walter Steinmeier. "Herzlichen Glückwunsch", sagt er auch - und man weiß nicht so recht wozu eigentlich.

Den SPD-Anteil an der CSU-Katastrophe erklärt dann der bayerische Spitzenmann, der nun zum zweiten Mal grandios gescheitert ist. Die Menschen, sagt Maget, seien im Wahlkampf vor allem zu den SPD-Veranstaltungen gekommen, um sich zu versichern, dass sie die CSU nicht wählen. Dann aber seien sie auf halbem Wege stehen geblieben. Das nächste Mal, so lautet die Botschaft, wählen sie alle SPD.

Ursachenforschung fällt weitgehend aus

Auch hinter verschlossenen Türen bei der Sitzung des SPD-Präsidiums soll die Stimmung gut gewesen sein, so ist zu hören. Der Verweis darauf, dass man - natürlich - mit dem eigenen Abschneiden nicht zufrieden sein könne, fehlt zwar auch hier bei keiner Wortmeldung. Doch mit einem Kantersieg war in Bayern ja nun wirklich nicht zu rechnen, so der Tenor, nicht nach diesem zerstrittenen Jahr, nicht angesichts der neuen Konkurrenz von links. Was machen da schon ein oder zwei Prozentpunkte mehr oder weniger aus. "Ein Gegentor ist zwar bitter", sagt einer aus dem Präsidium, "aber wenn der andere fünf bekommt?" Da spielt es dann auch keine Rolle, wer hier wen abgeschossen hat.

Nur kurz betreibt einer am Montag Ursachenforschung: Bayerns Landeschef Ludwig Stiegler verweist indirekt auf das schlechte Ansehen des inzwischen gestürzten Parteichefs Kurt Beck. Dafür fängt er sich aus der Heimat des Ministerpräsidenten umgehend einen Konter ein. Das sei der größte Schmarrn seit langem, wettert Roger Lewentz, Chef des rheinland-pfälzischen SPD-Parteirates.

Das war's dann aber auch. Die Sehnsucht nach Ruhe in den eigenen Reihen ist groß, deswegen blickt die SPD am Montag statt in die Vergangenheit lieber "fröhlich nach vorne", wie Generalsekretär Hubertus Heil den Berufsoptimismus im Willy-Brandt-Haus beschreibt: Viel ist von Chancen und Perspektiven die Rede, die sich nun eröffneten. Der Blick richtet sich dabei auf das anstehende Superwahljahr.

Man setzt auf einen Abwärtssog, in den die CSU die Schwester reißen soll. "Das Wahlergebnis in Bayern hat die Chancen für die SPD zur Bundestagswahl enorm verbessert", sagt der parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Thomas Oppermann, im Deutschlandfunk. Heiko Maas, Chef der Saar-SPD, geht in der "Leipziger Volkszeitung" jede Wette ein, dass die Union "vor einer Serie von Wahlniederlagen mit durchschnittlich zehn Prozent" stehe. Seine hessische Amtskollegin Andrea Ypsilanti weist darauf hin, dass nun schon die zweite Wahl für die Union "komplett schiefgegangen ist" - erst minus zwölf Prozentpunkte in Hessen, nun minus 17 in Bayern.

Die Chancen für Schwarz-Gelb auf Bundesebene sind damit in den Augen der Sozialdemokraten gesunken - vorausgesetzt die sonst so zuverlässige CSU schwächelt auch bei der Bundestagswahl. Dass die Union für sich reklamiert, die abtrünnigen Wähler der CSU seien im bürgerlichen Lager geblieben und damit noch nicht endgültig verloren, lässt man in der SPD nicht gelten. "So einfach ist das doch alles nicht", winkt man ab. Auch die SPD habe schließlich Wähler von der konservativen Konkurrenz gewonnen.

80.000 sollen das sein, rechnen die Wahlforscher von der ARD vor. Das allerdings ist vergleichsweise wenig zu den 230.000, die von der CSU allein zu den Freien Wählern gewandert sind - die wiederum bei der Bundestagswahl nicht dabei sind. 180.000 Stimmen sollen die einstigen Alleinregenten an die FDP verloren haben, noch einmal genau so viele gingen erst gar nicht zur Wahl.

Jenseits prophetischer Rechenspielchen hoffen die Sozialdemokraten, dass das Bayern-Debakel in der Union für so viel Unruhe sorgen wird, dass die SPD daneben in der Koalition als Hort der Verlässlichkeit erscheint. Das Kalkül: Jetzt geht die innerparteiliche Debatte über Personal und Strategie in den Schwesterparteien los, während man selbst die Querelen hinter sich hat. Ein führender Genosse macht sich Mut: "Die Probleme, die wir gestern und heute bewältigt haben, sind morgen die Probleme der Union."

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