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17. August 2016, 16:52 Uhr

Mittelfinger-Geste des SPD-Chefs

Gabriels wunder Punkt

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Neonazis pöbeln, Sigmar Gabriel zeigt den Mittelfinger. Warum ließ sich der SPD-Chef provozieren? Die Rechtsextremen nahmen auch Bezug auf seinen verstorbenen Nazi-Vater - ein wunder Punkt in Gabriels Biografie.

Sigmar Gabriel ist für seine rhetorische Rauflust bekannt. Wenn er findet, dass ihm einer blöd kommt, dann fackelt der SPD-Chef nicht lange: Ob Fernsehmoderatoren, Juso-Chefinnen oder gestandene Ministerpräsidenten - sie alle haben schon erlebt, wie es sich anfühlt, von Gabriel verbal abgewatscht zu werden. Und wenn ihm eine Idee nicht passt, selbst wenn sie von der ehrwürdigen Bundesbank kommt, nennt er sie schon mal "bekloppt".

Nun ist der Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister einen Schritt weiter gegangen. Im Vorfeld einer Wahlkampfveranstaltung im niedersächsischen Salzgitter wurde er von Neonazis angepöbelt - erst lächelte Gabriel müde, dann zeigte er ihnen den rechten Mittelfinger.

Die Aufregung in den sozialen Netzwerken ist groß. Im Kern geht es um die Frage: Darf ein Spitzenpolitiker das? Zumal einer, der sich anschickt, die SPD als Kanzlerkandidat in die kommende Bundestagswahl zu führen, und damit - theoretisch jedenfalls - die Nachfolge von Angela Merkel antreten könnte.

Merkel würde sich niemals so provozieren lassen

Man kann der Meinung sein, Gabriel habe sich mit seiner Reaktion disqualifiziert. So wie Peer Steinbrück, der sich als SPD-Kanzlerkandidat im Bundestagswahlkampf 2013 mit ausgestrecktem Mittelfinger vom "SZ-Magazin" fotografieren ließ. Damals war es eine bewusste Inszenierung, keine spontane Geste wie nun bei Gabriel.

Wer Merkel zum Maßstab nimmt, wird zu keinem anderen Schluss kommen, als zu sagen: Das geht nicht. Dass die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende sich zu einer solchen Geste hinreißen ließe? Unvorstellbar. Merkel blieb cool, als sie im vergangenen Sommer vor der Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau aufs Übelste von Bürgern beschimpft wurde.

Aber man kann auch ein bisschen weiter zurückdenken: Wer den langjährigen CDU-Vorsitzenden und Kanzler Helmut Kohl als Vergleichsgröße nimmt, sieht die Sache möglicherweise schon wieder anders. Als Kohl im Mai 1991 bei einem Auftritt in Halle mit Eiern beworfen wurde, ging der deutsche Regierungschef in den Nahkampf: Der Kanzler der Einheit, der Staatsmann Kohl, wurde handgreiflich. Es hat ihm nicht geschadet.

Es gibt eben verschiedene Politikertypen. Nach fast elf Jahren ihrer Kanzlerschaft hat man sich an den Typus Merkel gewöhnt. Gabriel ist eher wie einst Kohl: leicht aufbrausend.

Vor allem aber hat Gabriel einen wunden Punkt in seiner Biografie. Und deshalb lohnt es sich, den Vorfall in Salzgitter nochmals genauer zu betrachten.

Die etwa ein Dutzend Demonstranten, die den SPD-Chef am Freitagnachmittag vor einer Parteiveranstaltung in der niedersächsischen Stadt beschimpften, pöbelten nicht nur gegen den Genossen Gabriel und die Politik der Sozialdemokraten. Sie brachten auch seinen Vater ins Spiel. "Mensch, dein Vater hat sein Land geliebt. Und was tust du? Du zerstörst es", ruft einer von ihnen, wie in einem Videomitschnitt des Vorfalls zu hören ist. Wenig später reckt Gabriel den Mittelfinger.

Sein 2012 verstorbener Vater Walter Gabriel war selbst überzeugter Nationalsozialist - "bis zu seinem letzten Atemzug", so erzählte der SPD-Chef es neulich vor Journalisten. Gabriel hatte über dieses Kapitel seiner Biografie lange geschwiegen. Vor einigen Jahren offenbarte er sich dem "Zeit"-Journalisten Bernd Ulrich, die beiden führten lange Gespräche über Gabriel und seinen Nazi-Vater. Ulrich hat darüber im Januar 2013 einen langen Text in der "Zeit" geschrieben und ein Buch, das allerdings bis heute nicht erschienen ist.

Gabriel ist beim Thema Rechtsextremismus besonders klar

Dass der SPD-Chef beim Thema Rechtsextremismus eine besonders klare Haltung hat, hat auch mit seinem Vater zu tun. Gabriel hat in seiner Heimatstadt Goslar Gedenkveranstaltungen auf dem jüdischen Friedhof zur Pogromnacht organisiert, in den Achtzigerjahren ist er regelmäßig in den Gedenkstätten der Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek gewesen und hat dort ehrenamtliche Arbeit geleistet. Und es war erstaunlich, wie heftig er seinerzeit gegen Thilo Sarrazin vorging und ihm eugenische Denkweisen vorwarf.

Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus - darauf reagiert Gabriel allergischer als selbst manche linke Sozialdemokraten. So wie in Heidenau, wo er die ausländerfeindlichen Demonstranten im vergangenen Sommer als "Pack" bezeichnete.

Walter Gabriel war aber nicht nur Nazi - er war seinem Sohn offenbar auch sonst ein furchtbarer Vater: Sieben Jahre lang musste der kleine Sigmar bei ihm bleiben, weil der Vater der von ihm getrennten Ehefrau nicht das Sorgerecht gönnte. Und als Gabriels Mutter, eine Krankenschwester, sich endlich gerichtlich durchgesetzt hatte, verweigerte der Beamte ihr den Unterhalt. "Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter in der Küche saß und sie geheult hat und sagte, sie überlege, sich aufzuhängen, wenn der Alte nicht zahlt." Auch das erzählte Gabriel kürzlich.

Wird Gabriels Mittelfinger angesichts dieser Details nachvollziehbarer? Ja. Ist die Geste damit gerechtfertigt? Nein. Sie hat im öffentlichen Umgang nichts zu suchen, sie gehört sich nicht, schon gar nicht für einen Politiker. Aber zum Skandal taugt die Sache deswegen nicht.

Gabriel persönlich hat sich nicht geäußert zu dem Vorfall in Salzgitter. Auf Bürger-Mails zu dem Thema antwortete die SPD-Zentrale am Mittwoch so: "Natürlich hält auch Sigmar Gabriel die Geste nicht für eine angemessene Form der Alltagskommunikation." Diese sei aber angesichts der "brüllenden und offenbar gewaltbereiten Neonazis" auch nicht möglich gewesen.

Und: "Angesichts der massiven Beleidigungen der Person und auch der Familie von Sigmar Gabriel war die Geste schlicht eine emotionale Reaktion, zu der Sigmar Gabriel auch steht."

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