SPIEGEL-Gespräch Gabriel warnt vor einer "wirklich gefährlichen Welt"

Seine missverständlichen Aussagen zu den SPD-Chancen am 24. September sorgten für große Aufregung. Dabei fand Sigmar Gabriel bei seinem SPIEGEL-Auftritt meist klare Worte - auch zum Wahlkampf.

Sigmar Gabriel im Hamburger SPIEGEL-Haus
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Sigmar Gabriel im Hamburger SPIEGEL-Haus


So hatte sich Sigmar Gabriel die Nachwirkungen seines Besuchs im Hamburger SPIEGEL-Haus sicher nicht vorgestellt. Den halben Donnerstag war der Vizekanzler damit beschäftigt, seine Worte zu den SPD-Chancen im Wahlkampf klarzustellen.

Hatte er wirklich nebenbei erklären wollen, dass sich seine Partei bereits damit abgefunden hat, bei der Bundestagswahl auf Platz zwei zu landen, hinter der Union? Nein, alles nur ein Missverständnis, natürlich habe man die Chance, "vor CDU und CSU zu liegen", betonte der frühere SPD-Chef schließlich.

Die Aufregung resultierte aus einer kurzen Passage aus dem Gespräch, das Gabriel am Mittwochabend mit SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und Auslandsressortleiterin Britta Sandberg führte. Insgesamt anderthalb Stunden stellte der Außenminister sich den Fragen der Journalisten und aus dem Publikum - und fand dabei meist klare Worte.

Hier finden Sie einen Video-Mitschnitt des Interviews.

Gabriel über den Bundestagswahlkampf und Martin Schulz:

Glaubt Gabriel noch an eine Chance der SPD, den nächsten Kanzler zu stellen? "Die Erfahrung der letzten Monate hat ja gezeigt, dass wirklich alles möglich ist", sagte er. Kanzlerkandidat Martin Schulz habe das Pech gehabt, "dass er oder wir mit der SPD nach diesen drei Landtagswahlen, vor allem die in Nordrhein-Westfalen, aber auch die in Schleswig-Holstein, auf die schiefe Ebene gekommen sind. Und dann ist das ganz schwierig, da wieder rauszukommen."

Gabriel zollte Schulz großen Respekt, "mit welcher Haltung und Klarheit und welchem Mut er diesen Wahlkampf führt". Er kenne das Gefühl, "wie das ist, wenn die Umfragen so sind wie sie sind und was einem da so durch Kopf und Seele geht. Und ich bewundere ihn dafür, mit welcher Gradlinigkeit er seine Furche zieht."

Den deutlichen Umfragerückstand seiner Partei auf die Union kommentierte Gabriel betont gelassen. "Wir müssen ja gar nicht 14 Prozent aufheben, aufholen. Wenn Sie drei, vier, fünf Prozent aufheben, sieht die Welt schon völlig anders aus. Also ich gehöre jetzt nicht zu denen, die sagen, das ist undenkbar."

Ein Teil des Problems für die SPD, genau wie für die CDU, sei "die Rückkehr der AfD" in den jüngsten Umfragen. "Das sind Menschen, die da verunsichert sind und die natürlich auch sehen, Terrorismus in Europa, auch in Deutschland, und die einen Schluss ziehen zwischen Flüchtlingen und Terror, was objektiv nicht stimmt, aber das ist ja erst einmal die subjektive Wahrnehmung. Und da haben wir, und genau wie die CDU, ein echtes Problem." Das Problem sei aber nun mal größer, wenn eine Partei vorher bei 25 Prozent liege, als wenn sie vorher bei 42 Prozent liege. Es gelte aber der alte Schröder-Spruch: "Hinten sind die Enten fett." Der Wahlkampf ende am 24. September um 18 Uhr und nicht vorher.

Über Gerhard Schröders Rosneft-Ambitionen:

Schröder sei seit 2005 "Privatmann", betonte Gabriel. Zudem habe er das Angebot, in den Rosneft-Aufsichtsrat zu gehen, nicht von russischer Seite, sondern von BP erhalten. "Und das ist jetzt ein Grund, dass Deutschland seit Wochen über die Frage diskutiert, ob die SPD das eigentlich zulassen darf, dass ihr ehemaliger Kanzler bei Rosneft im Aufsichtsrat sitzt", spottete der Außenminister. Dass Schröder sogar den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen soll, kommentierte Gabriel mit den Worten: "Na, wenn er Chef ist, umso besser, hat er wenigstens was zu sagen."

Man könne zu dieser "Sachentscheidung" unterschiedliche Auffassungen haben, räumte der Ex-SPD-Chef ein. "Aber ich glaube, dass in Wahrheit ein politisches Spiel stattgefunden hat, dass Schröder - Klammer auf - SPD - Klammer zu - genutzt wurde, um die Sozialdemokraten damit zu triezen. Und in der Situation, wo man ihn gebrauchen kann, weil er mit Herrn Putin mal über andere Probleme reden soll, da finden das alle super."

Über Nordkorea:

Auf die Frage hin, ob die aktuelle Nordkorea-Krise ihm Angst mache, warnte Gabriel vor einem neuen nuklearen Wettrüsten. "Nordkorea ist ein Beispiel dafür, dass wir in einer Phase sind, wo vermutlich unterschiedliche Staaten auf der Welt sich überlegen, ob sie nicht doch in den Besitz von nuklearen Waffen kommen können. Das berühmte Proliferationsverbot, also der Versuch der fünf Atommächte, die Atomwaffenfähigkeit unter Kontrolle zu behalten, das ist, glaube ich, in Gefahr." Sollte Nordkorea endgültig zur Atommacht werden, "wären wir ganz schnell in einer ganz anderen Welt als heute". Die Anrainerstaaten wie Japan und Südkorea würden nachziehen, womöglich auch andere Staaten in anderen Weltregionen. "Dann wären wir in einer wirklich gefährlichen Welt."

Über Donald Trump und die Folgen:

Gabriel warnte davor, dass weltweit autoritäre Einstellungen auf dem Vormarsch seien. "Wenn Sie fragen, was macht mir Sorgen, dann nicht Einzelaspekte, sondern die Sorge, dass sich so eine Ideologie wieder ausbreitet, dass die Welt diese Arena ist, in der am Ende nur der Stärkere das Recht hat zu überleben und sich durchzusetzen. Das fände ich eine gefährliche Welt, von der ich nicht möchte, dass meine drei Töchter sie erleben."

phw



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Berg 31.08.2017
1.
Ich verstehe die Logik der SPD und ihrer Kritiker nicht: die SPD hat 6 Ministerien, übrigens auch die CDU hat nur 6. Die SPD konnte nun 4 Jahre lang z.B. alles Soziale, Familie, Kinder, Rentner, Arbeit in eigenen Ministerien regieren. Ja, die Finanzen hat Schäuble. Aber war es denn nicht viel besser, die Kompromisse am Regierungstisch zu erarbeiten und einzuführen als nur im Bundestag Oppositionsreden halten zu können?
vonschnitzler 31.08.2017
2. einiges nicht nachvollziehbar
Es müssen also nicht 14% aufgeholt werden sondern 4-5 - interessante Aussage. Das mag für ihn reichen in der nächsten GroKo Außenminister zu werden, zur Kanzlerschaft von Schulz reicht es sicher nicht. Und was macht es für einen Unterschied welcher Anteilseigner von Rosneft Schröder in den AR bringen will. Es bleibt dabei, dass es ein Unternehmen ist, das von seinen Tätigkeiten als Kanzler profitiert hat.
zahnspangenfee 31.08.2017
3. Gabriel
hat sich selbst aus der von ihm mit zu verantwortenden Schusslinie genommen und Schulz vorgeschoben. Nun sieht er, was er angerichtet hat. Die Uhr lässt sich nun mal nicht zurück drehen, Siggi. Steh dazu, hast Dich doch irgendwie auch in der GroKo wohlgefühlt. Jetzt, als Außenminister, schön durch die Welt reisen und auf wichtig tun. Was beschwert er sich. Hätte er es anders haben wollen, hätte er es einfach in den letzten vielen Jahren anders machen können. Mithin, jeder ist seines Glückes Schmied. Und nach 3 bis 4 Wochen neue GroKo Gemäcker, ist doch alles wie gewohnt. So what.
MehrSeinalsSchein 31.08.2017
4. Da brat mir einer einen Storch!
"Es wird Zeit die Probleme in Europa wieder zu lösen, statt sie auszusitzen." - das habe ich heute auf einem Wahlplakat der SPD und ihrem Kanzlerkandiaten gesehen - für wie blöd halten die die Leute eigentlich. Der war 5 Jahre der Präsident des Europäischen Parlaments, die SPD ist seit Jahren in und an der regierung! Ich fass es nicht! Da kann man ja Angst bekommen, bei soviel Abgebrühtheit!
lasalette13 31.08.2017
5. Gabriel eiskalter Rechner !
Für mich ist es klar, dass Gabriel genau gewusst hat, als er Schulz in die tolle Position des Kanzlerkandidaten reinhievte ! Er ist viel schlauer als er sich gibt ! Ich muss nur schmunzeln wenn Gabriel solch hochintelligente Aussagen macht, dass er warnt die Welt wirklich gefährlicher !!! Und - die SPD sackt gewaltig ab, genau wie die CDU/CSU, weil die immer noch nicht kapiert haben, dass Deutschland schon längt nicht mehr das ist, was es einmal wahr : korrekt, bodenständig, wirkliche Werte ! Diese Machtgetue mit der EU ist alles Schein : die EU ist am auseinanderbrechen !!! das ist die bittere Wahrheit !
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