Manifest in der "Berliner Zeitung" So viel, so schnell, um uns herum

Silke und Holger Friedrich, die neuen Eigentümer des Berliner Verlags, haben ihr erstes großes Werk vorgelegt: Ihre "Berliner Botschaft" ist zweifellos richtungweisend. Fragt sich nur, wohin.

Silke und Holger Friedrich: "Geht nur das, was Du verstehst?"
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Silke und Holger Friedrich: "Geht nur das, was Du verstehst?"

Eine Kolumne von


"Da Da Da" ist ein Song der Band Trio aus dem Jahr 1982. Mit seinem Erscheinen wurde deutlich, dass die später im selben Jahr an die Macht gekommene Regierung Kohl endlich sein würde, sehr endlich sogar, denn die zentrale Textstelle darin lautet: "Was ist los mit Dir, mein Schatz? Aha/ Geht es immer nur bergab? Aha/ Geht nur das, was Du verstehst? Aha"

Als ich unmittelbar nach dem Kauf der "Berliner Zeitung" (am Kiosk) begann, die "Berliner Botschaft" der beiden neuen Verlagseigentümer Silke und Holger Friedrich zu lesen, musste ich an diesen Songtext denken. Und an einen Text meines Schulfreundes Tobi, den er für unsere Schülerzeitung geschrieben hatte.

Wenn ich mich recht erinnere, war er mit dem Titel "Die Probleme der Menschheit" überschrieben, und in Erinnerung geblieben ist mir davon nicht sehr viel, nur das: Er war sehr, sehr lang und getragen von unübersehbarem Willen zur Weltendeutung. Ebenso unübersehbar war leider, dass sich Tobi damit ziemlich verhoben hatte. Heute ist er übrigens Inhaber eines kleinen, aber feinen EDV-Dienstleistungsunternehmens.

Es muss einsam sein ganz oben

Silke und Holger Friedrich haben den umgekehrten Weg gewählt und ihr alles erklärendes Manifest erst nach einer lukrativen Karriere in der IT-Branche aufgesetzt.

Jetzt gehört ihnen der Verlag und damit die Zeitung, und man darf annehmen, dass das der einzige Grund dafür ist, dass ihre "Berliner Botschaft" gedruckt wurde: Nackte Angst der ihnen nun untergebenen Journalistinnen und Journalisten. Niemand traute sich offenbar, die Chefs zu redigieren.

Für diese traurige Praxis sind die Friedrichs nur ein weiteres der sich bedenklich häufenden Beispiele:

  • Neulich veröffentlichte etwa Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer , einen ellenlangen, etwas wirren und daher mutmaßlich ebenfalls unredigierten Sermon im Nachgang des antisemitischen Anschlags von Halle in der "Welt".
  • Und seit der geschätzte Kollege Jan Fleischhauer die geistige Hoheit über den Burda-Verlag übernommen hat, wagt dort offensichtlich ebenfalls keiner, ihm redigierend in die Tastatur zu greifen.

Es muss sehr einsam sein ganz oben.

Andererseits natürlich sehr interessant, diese "Berliner Botschaft" des Ehepaars Friedrich: So klingt das also, wenn großes Sendungsbewusstsein und dickes Konto sich paaren und eine "Zeitenwende" gebären wollen. Seit dem seltsamen Fall des ähnlich deutungsbeseelten Kölner Imperiumssprößlings Konstantin Neven DuMont ist in der Branche wohl nicht mehr so genüsslich über Verlagseigner gespottet worden. Redet einer allzu lange ohne Punkt und Komma, so heißt es jetzt grinsend, der habe wohl den Berliner Verlag gekauft.

Versuch einer Stoffsammlung

Bisher war in dieser Kolumne noch mit keinem Wort die Rede davon, was die Friedrichs nun eigentlich konkret geschrieben haben, was sie denn wollen und vorhaben. Das hat einen einfachen Grund: Es ist gar nicht so leicht herauszufinden. Man liest die "Berliner Botschaft" und liest sie nochmal und bleibt auch nach dem dritten Mal einigermaßen ratlos zurück.

Versuch einer Stoffsammlung:

Die "etablierten Parteien" halten die Friedrichs für unfähig, mit den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft umzugehen. An der Europäischen Union stört sie die "undemokratische Verteilung von Posten in Brüssel", den Berliner Mietendeckel scheinen sie nicht gutzuheißen und überhaupt müsse alles viel schneller gehen, denn nichts sei nicht binnen zwei Jahren zu schaffen, weshalb nach Ablauf dieser Frist auch wieder neu gewählt werden solle. Vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeigen sie sich so enttäuscht, dass sie schon gar nicht mehr wahrnehmen wollen, dass die von ihnen erwähnten GEZ-Gebühren seit Jahren nicht mehr in dieser Form existieren.

Angela Merkel mögen sie, weil sie so fleißig ist, allerdings möge die Kanzlerin sich bitte Gedanken über folgende Erkenntnisse machen:

"Dass das Selbstverständnis vieler Politiker und der einsatzfindenden Machtmechanismen nicht mehr den Anforderungen der Realität entsprechen und es zu reagieren gilt. Mangels einleuchtender Alternativen machen längst viele Wähler genau das, mit teils fatalen Konsequenzen für die Verteilung der Kräfte im Land. Vielleicht bietet der sich zusehends leerende Kalender des Bundeskanzleramtes Gelegenheit zur kritischen Reflexion im erweiterten Sinne des Heimatschutzes, falls notwendig auch unter Nutzung der Richtlinienkompetenz? Es ist absehbar, dass die Seminargebühr aus dem Handeln der Schlafwandler 1914 bald gezahlt sein wird."

Da wird man tatsächlich einige Tage im Kanzleramt blocken müssen, um zu ergründen, was gemeint sein könnte.

Es bleibt wohl auch danach die große Frage: Hä? Heimatschutz? Womöglich machen sich die Friedrichs ja Sorgen um den Aufstieg rechtsnationaler Kräfte und einen drohenden Weltkrieg, aber das kann eigentlich nicht sein, denn das hätten sie doch ganz einfach so aufschreiben können.

Egon bedankt, IT programmiert

Und damit sind wir erst in der dritten von zwölf seitenfüllenden Spalten dieses Textes. Die Friedrichs werden im Folgenden noch Egon Krenz danken, der großzügigerweise nicht auf DDR-Bürger schießen ließ, Verständnis für Wladimir Putin und seine Expansionspolitik zeigen, irgendwie vielleicht die IT-gestützte Überwachung von Arbeitnehmern fordern (oder auch nicht, bleibt kryptisch), das Grenzregime der DDR und die Außengrenzen der EU in enge Beziehung setzen, Merkel mit Krenz gleichsetzen (beide haben Vernünftiges in Grenzfällen getan), in einem "erweiterten Kontext" auf Halle zu sprechen kommen, die Gruppe Rammstein loben, die deutsche Schuld am Holocaust erwähnen, aber nur, um den Deutschen sogleich auf die Schulter zu klopfen, dass sie ihrer Schuld besser gedenken als sonst wer auf der Welt, das deutsche Bildungssystem verdammen und den Föderalismus in diesem Zusammenhang zum Verbrechen erklären, sich selbst zur superschnellen Einführung einer neuen IT-Struktur im Berliner Verlag gratulieren, sich freuen, dass ihr Text "straflos" geschrieben und gelesen werden könne, sich selbst und/oder das Land zum "Wunschort" erklären, um schließlich und endlich, endlich mit einem Anbahnungsantrag zum Abschluss zu kommen: "Vielleicht probieren wir es als Berliner miteinander, egal wo wir leben, und ziehen zeitnah Bilanz."

Also Bilanz, aber zeitnah. Ein Autor des Blogs "Salonkolumnisten" hat sich die Mühe gemacht, "die fünf dämlichsten Sätze aus dem komplett bekloppten Manifest von Holger und Silke Friedrich" aufzuspüren und auseinanderzunehmen. Darum soll es hier gar nicht mehr gehen, es ist einfach zu viel und dauert zu lange und wir haben ja keine Zeit, weil "um uns herum so vieles schneller passiert", wie die Friedrichs wissen.

Oststolz und Start-up-Geschwurbel

Angesichts der vielen Fragezeichen, die die "Berliner Botschaft" bevölkern, bleibt nur noch, selbst ein paar Fragen zu stellen, voran die eine: Was ist dieser Text?

Ist er (für mich Westdeutschen jedenfalls) vielleicht deshalb so unverständlich, weil wir 30 Jahre seit dem Mauerfall in Deutschland konsequent aneinander vorbeigeredet haben und es jetzt noch immer oder schon wieder kein gemeinsames Verständnis nicht nur der Gesellschaft im Allgemeinen und der Demokratie im Speziellen gibt, sondern uns West- und Ostdeutschen viel grundlegender eine gemeinsame Sprache fehlt, in der dieselben Vokabeln auch dasselbe bedeuten? Ein unfreiwilliges Dokument des gegenseitigen Unverständnisses und der Sprachlosigkeit also?

Oder ist diese "Berliner Botschaft" doch nur die ganz private Melange aus nostalgischem Oststolz und neoliberalem Start-up-Geschwurbel des Ehepaars Friedrich, das nicht wusste, wohin mit dem Geld und der Zeit, und das sich jetzt eben aus Langeweile anschickt, der langen, bewegten Geschichte der "Berliner Zeitung" ein hochbizarres Kapitel hinzuzufügen?

Die Zukunft der "Berliner Zeitung" bleibt jedenfalls spannend - in der Art, wie auch ein riskantes Überholmanöver spannend ist. Sollte es misslingen, können sich die Friedrichs ja immer noch eine Straße kaufen und nach sich selbst benennen.

So eine fehlt in Berlin gerade noch.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein Blog aufgrund eines Tippfehlers mit dem Namen "Salonkommunisten" zitiert. Tatsächlich heißt er "Salonkolumnisten". Wir haben die Fehler korrigiert.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
der Bulle 11.11.2019
1. Warum wohnen die 2
Heilsbringer nicht am Scharmützel oder Müggelsee sondern am Großen Wannsee? Mit der Ruhe am Sandwerder ist es jedenfalls oft vorbei, wenn die Limousinen zu irgendwelchen Partys anrollen und die ganze Anwohner Straße blockieren.
meike667 11.11.2019
2.
Danke für die Zusammenfassung! Allerdings dachte ich die 'Salonkommunisten' seien eigentlich 'Salonkolumnisten' - auch wenn es sicher die eine oder andere Schnittmenge gibt.. Anyway: made my day!
mark&mark 11.11.2019
3.
"Ist er (für mich Westdeutschen jedenfalls) vielleicht deshalb so unverständlich, weil wir 30 Jahre seit dem Mauerfall in Deutschland konsequent aneinander vorbei geredet haben und es jetzt noch immer oder schon wieder kein gemeinsames Verständnis nicht nur der Gesellschaft im Allgemeinen und der Demokratie im Speziellen gibt, sondern uns West- und Ostdeutschen viel grundlegender eine gemeinsame Sprache fehlt, in der dieselben Vokabeln auch dasselbe bedeuten?" Kurze Antwort: Ja, natürlich. Etwas länger: Vielleicht hätten Sie in den letzten 30 Jahren doch etwas zuhören sollen/können/müssen?Naturgemäß nicht die Stärke von Spiegel.
loboloco 11.11.2019
4. In der Kürze liegt die Würze
"Kannst Du's nicht in aller Kürze erklären, hast Du's nicht verstanden.", frei nach Einstein. "Eins, zwei, drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit!" wusste schon Wilhelm Busch, der auch einen solventen Bart sein eigen nannte ... wie sovieles heuer...
nesmo 11.11.2019
5. Die Friedrichs sind schlicht Amateure
die meinen das wichtigste im Journalismus sei eine gewisse Offenheit und der Mut seine Meinung zu sagen, auch wenn sie noch unausgegoren und ohne klares Ziel ist. Die Friedrichs sind eben noch auf der Suche, haben aber zu vielem eine Meinung, tatsächlich eben wie ein Chefredakteur einer Schülerzeitschrift. Das muss nicht schlecht sein, wenn sie sich schnell weiter entwickeln, Ratschläge annehmen und viel Durchhaltewille und -kraft haben. Sonst hätten sie es erstmal mit einem kleineren Medium versuchen sollen. Möglicherweise wird aber in Zeiten des Umbruches auch eine andere Art des Journalismus von den Lesern goutiert, immerhin sind viele Interneterfolge auch amateurhaft gestartet.
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