Evolution Der grüne Übermensch

Vom Homo erectus zum Habeck-Menschen: Folgt man dem Entwicklungsmodell einer amerikanischen Psychologin, dann befindet sich an der Spitze der Grünen kein herkömmlicher Politikertyp - sondern die Krone der Schöpfung.

Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen)
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Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen)

Eine Kolumne von


Mein Kollege Stefan Schultz hat vor zwei Wochen in einem Artikel dargelegt, wie der Weg zum perfekten Menschen aussieht. Grundlage seiner Zukunftsanalyse waren die Arbeiten einer amerikanischen Entwicklungspsychologin, die ihr halbes Leben damit zugebracht hat, das Ich zu vermessen, wie Schultz schrieb. Da ich der Ansicht bin, dass man immer versuchen sollte, sich weiterzuentwickeln, habe ich den Text aufmerksam gelesen. Wer will nicht ein besserer Mensch sein als der, der er ist?

Im Zentrum der Überlegungen der mittlerweile verstorbenen Psychologin Jane Loevinger von der Washington University steht ein Modell der Ich-Entwicklung, in dem sich der Zivilisationsgrad eines Menschen anhand von Stufen ablesen lässt. Wer sich auf Stufe E3 befindet, fühlt sich schnell angegriffen und ist stark auf den eigenen Vorteil bedacht. Der Mensch auf E4 neigt zum Schwarz-Weiß-Denken, aber ist dafür sozial orientiert. Wer E6 erreicht hat, zeigt erste Anzeichen selbstkritischen Denkens und versucht, anderen "auf Augenhöhe" zu begegnen, wie es im Begleittext hieß.

Mich hat das ein wenig an die Stufenleiter erinnert, die sie bei den Scientologen anbieten. Ich habe nie ganz begriffen, wie es funktioniert, aber wenn man dort alle Kurse absolviert hat, dann schafft man es zum Operierenden Thetan in seiner höchsten Stufe, also einem Wesen, für das die herkömmlichen Gesetze der Schwerkraft keine Bedeutung mehr haben. Angeblich hat Tom Cruise diese Stufe erklommen, was ja insofern plausibel ist, als er seine Einsätze bei "Mission Impossible" meist ohne Double absolvierte.

E7 ist ausweislich des Loevinger-Modells die höchste Stufe, die man derzeit als Normalsterblicher erreichen kann. Das kommt dem Operierenden Thetan ziemlich nahe. Wer sich auf dieser Ebene des Menschseins befindet, kennt keinen Hass und keinen Neid mehr.

Das Auge des E7-Titans liegt gleichermaßen wohlgefällig auf den Fleißigen wie den Faulen, weshalb er sich auch für das bedingungslose Grundeinkommen engagiert. Da er nur noch Menschen und keine Herkunft mehr kennt, haben Grenzen keine Bedeutung. Auch traditionelle Familien- und Geschlechterbilder zählen zu den Dingen, die er überwunden hat, ebenso wie "Ethnozentrismus", "Autoritätsgläubigkeit" und "moralistische Einstellungen wie das Ablehnen von Abtreibungen oder außerehelichem Sex".

Sind die Grünen so perfekt?

Nicht zufällig korrespondiert die Entwicklungsdynamik mit dem Parteiprogramm der Grünen. Vom Homo erectus, so muss man die Analyse verstehen, führt eine direkte Linie zum Habeck-Menschen. Wenn dereinst fremde Kulturen unseren Planeten besichtigen, dann werden sie hoffentlich die Gebeine dieses Vertreters der Menschheit finden und als Krone der Schöpfung ausstellen und nicht die Überreste eines auf einer frühen Bewusstseinsstufe hängen gebliebenen Exemplars wie den Autor dieser Zeilen.

Der Text zum grünen Übermenschen hat fast 600.000 Leser gefunden, was den Schluss zulässt, dass viele SPIEGEL-ONLINE-Nutzer gern so wären wie Robert Habeck und Annalena Baerbock. Oder sie lesen solche Analysen contre coeur, also wider ihrer Überzeugung. Aber das scheint mir in dem Fall unwahrscheinlich. Der Artikel ist an einem Wochenende erschienen. Das ist nicht die Zeit, in der man Texte liest, um sich aufzuregen.

Die offene Frage ist, inwieweit der Weg zur Erleuchtung Rückschläge und Inkonsistenzen erlaubt. Es gibt gerade eine lebhafte Diskussion über die Flugtätigkeit von grünen Politikern. Bei Luisa Neubauer, einer Klimaaktivistin, die als Gesicht der "Fridays for future"-Demonstrationen Bekanntheit erlangte, verzeichnet der Instagram-Account eine Reisetätigkeit, die jeden Reisebüroagenten stolz machen würde. Auch Katharina Schulze, die sympathische Grünenfraktionsvorsitzende aus Bayern, hat übers Jahr so viele Flugmeilen angesammelt, dass man mit einem Flugstopp eine ganze Landebahn hätte einsparen können.

Übermenschliche Disziplin

Darf man als grüner Politiker fliegen? Selbstverständlich, wäre meine Antwort. Aus der Tatsache, dass jemand den Klimawandel für ein drängendes Thema hält, folgt ja nicht notwendigerweise, dass er seinen politischen Überzeugungen alles unterordnen muss. Das ist wie bei der AfD. So nett ein AfD-Anhänger im Einzelnen zu Flüchtlingen sein mag, so knallhart kann er dennoch für das Ziel streiten, möglichst viele Fremde außer Landes zu weisen.

Das Problem beginnt dort, wo man versucht, aus seiner politischen Haltung moralischen Mehrwert zu schlagen. Wenn man anderen gegenüber so auftritt, als wäre man ihnen überlegen, muss man sich auch persönlich an den Maßstäben messen lassen, die man öffentlich vertritt. Es ist logisch gesehen immer heikel, wenn man die Lösung politischer Fragen von individuellen Verhaltensänderungen abhängig macht, das eigene Verhalten in diesem Zusammenhang aber für unbedeutend erklärt. Vom Übermenschen erwartet man erst recht übermenschliche Disziplin.

Das andere Problem, das sich beim Streben nach Perfektion ergibt, ist die aus der Tugendhaftigkeit ergebende Tristesse. Manchen mag es erstrebenswert erscheinen, nur von Menschen umgeben zu sein, die keinen bösen Gedanken mehr kennen. Schreiben sie es meiner Charakterschwäche zu, aber ich stelle es mir grauenhaft langweilig vor.

Die utopische Literatur ist voll von Idealgesellschaften, die daran kranken, dass die Beseitigung aller Laster zu einer schrecklichen Leere führt. Worüber soll man reden, wenn alle sich am Riemen reißen? Nicht einmal für Spott oder üble Nachrede ist dann noch etwas da.

Ich glaube, ich bleibe lieber auf Stufe E5. Im beschriebenen Entwicklungsmodell heißt es dazu: "Typisches Auftreten: legt Wert auf die eigenen Besonderheiten und Meinungen. Pragmatisch. Mitunter perfektionistisch. Typische Denkweise: Aufbau von Expertenwissen. Feste, mitunter starre Vorstellungen, wie die Dinge laufen sollten. Mitunter Probleme beim Priorisieren." Damit kann ich leben.



insgesamt 249 Beiträge
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Seite 1
Leser_01 21.02.2019
1.
Nietzsche dürfte sich im Grab umdrehen.
Haarfoen 21.02.2019
2. Selbstüberschätzung von Herrn Fleischhauer
Herr Fleischhauer, man kommt ja nicht umhin Ihre Jubel- Kommentare z. B. zur fortwährenden Autobahnraserei, Mehrwert oder dem Neo- Liberalismus zu lesen. Insoweit leiden Sie dann doch an Selbstüberschätzung, denn über E3 kommen Sie persönlich nicht hinaus.
theos001 21.02.2019
3.
Basierend auf dem Inhalt dieses Textes müsste ich wohl E6,5 sein Ôo Wenn ich mir die Skala ansehe, schwanke ich zwischen E5 und E7. Die Beschreibung ist zu schwammig und klareres Ergebnis zu erhalten.
Andraax 21.02.2019
4.
Wenn ich Herrn Fleischhauer's Kolumne diesmal richtig verstehe, versucht er Argumente zu finden die rechtfertigen, warum er sich persönlich nicht weiterentwickeln will. Das ist sein gutes Recht, er sollte aber nicht anderen Vorwerfen, dass sie es zumindest versuchen. Ich zitiere einen der schönsten Sätze von Captain Jean-Luc Picard (es gibt viele Weisheiten von ihm): "The economics of the future is somewhat different. You see, money doesn't exist in the 24th century. The acquisition of wealth is no longer the driving force in our lives. We work to better ourselves and the rest of humanity"
thompopp 21.02.2019
5. Habeck ist gut aber kein Übermensch
und Sie Herr Fleischhauer machen es sich als politischer Autor viel zu einfach wenn Sie ausdrücken wollen, dass Sie sich nicht mehr weiterentwickeln können. Sie wollen ganz einfach nicht, Ihr Weltbild ist fertig und abgeschlossen. Schade! Mit einer anderen Sozialistion, eben gerade nicht der auch nur einseitigen westlichen Wertekultur, wäre auch wir, Sie und ich schon weiter.
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