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Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Skandalschiff "Gorch Fock" Besatzung soll Alkohol-Exzesse gefeiert haben

Hemmungslos betrunkene Soldaten, Todesdrohungen, sexuelle Nötigung: Offiziersanwärter berichten erschreckende Details von ihrem Segel-Lehrgang auf der "Gorch Fock". Besonders beklagen sie sich über den massiven Alkoholkonsum der Stammbesatzung.

Gorch Fock

Hellmut Königshaus

Berlin - Mehrere auf der " " eingesetzte Offiziersanwärter haben sich beim Wehrbeauftragten des Bundestags über massive Alkohol-Exzesse an Bord des skandalumwitterten Schulschiffs der Marine beklagt. In einem neunseitigen Bericht des Teams von werden ihre Beschreibungen wiedergegeben, wie sich die Stamm-Mannschaft des Schiffs hemmungslos betrank, wie ein Offizieranwärter das Erbrochene der Offiziere von Deck schrubben musste und dass ein Besatzungsmitglied ihnen im Rausch sogar mit dem Tod gedroht habe.

Die neuen Enthüllungen in dem Report, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, gehen über die bisherigen Vorwürfe über die harsche Behandlung der Kadetten bis hin zur Nötigung weit hinaus. Je mehr über die Zustände auf dem einstigen Paradeschiff der deutschen Marine herauskommt, desto mehr stellt sich die Frage nach Disziplin und Ordnung auf dem Segler: Die Schilderungen der Offiziersanwärter wirken wie Erzählungen aus dem Rotlichtmilieu.

Die ersten Erinnerungen an die Alkohol-Exzesse der Besatzung stammen vom Beginn des sogenannten 3. Törn von Offiziersanwärtern, die am späten Abend des 5. November 2010 auf der "Gorch Fock" im brasilianischen Hafen von Salvador de Bahia eingetroffen waren. In der folgenden Nacht, so berichtete ein zurück gekehrter Soldat in der Marineschule in Mürwik dem Team von Königshaus, hätte die Stammbesatzung heftig gefeiert. Zu später Stunde sei dann ein Ausbilder in den Schlafraum gestolpert und habe gelallt, "dass er Offiziersanwärter hasse und sie töten würde".

"Beinahe wie Könige"

Der Vorfall, der sich in der Nacht vor dem tödlichen Sturz der Offiziersanwärterin Sarah Lena S. ereignete, ist kein Einzelfall. Grundsätzlich habe sich das Verhalten der Stammbesatzung "nur lose an der Inneren Führung" orientiert, berichteten die Soldaten. So hätten sich die Mannschaftssoldaten "beinahe wie Könige" aufgeführt, ein echter Kontakt zwischen den Auszubildenden und der Besatzung sei nie zustande gekommen. Kommandant Norbert Schatz, mittlerweile abgesetzt, sei "besonders häufig in Badehose gesehen worden", ansonsten habe er nur Pflichttermine wahrgenommen.

Norbert Schatz

Karl-Theodor zu Guttenberg

Nach dem Todesfall wollte die Schiffsführung den Lehrgang zunächst weiterlaufen lassen. Erst als es zu massiven Auseinandersetzungen mit den Kadetten kam, bei denen sich einige weigerten, in die Masten und Segel aufzuentern, entschied sich die Marine zum Abbruch des Lehrgangs. Die Schüler wurden nach Deutschland ausgeflogen, die Mannschaft segelte allein weiter. Seit Freitag nun ist der Kommandant auf Geheiß von Verteidigungsminister abberufen, die "Gorch Fock" soll alsbald nach Deutschland zurückkehren.

Stimmen die Berichte der Soldaten, ist auf der "Gorch Fock" nicht nur bei der Ausbildung einiges aus dem Ruder gelaufen. So berichtete einer der Offiziersanwärter dem Team von Königshaus, dass sich die Offiziere in einem angelaufenen Hafen "hemmungslos besoffen" hätten. Als Hafenwache habe er mehreren falschen Alarmen wegen Feuer auf dem Schiff nachgehen müssen, die seiner Ansicht nach von den betrunkenen Offizieren ausgelöst worden waren. Schließlich habe er "auf dem Deck Erbrochenes der Offiziere wegputzen müssen", so das Dossier.

Vorwurf der sexuellen Nötigung

Der Bericht von Königshaus bestätigt auch Aussagen von Soldaten, die sich in den vergangenen Tagen anonym in verschiedenen Medien Luft gemacht hatten. Vor allem wird die Trauerarbeit nach dem Tod der Offiziersanwärterin im November kritisiert. Im Visier steht Kommandant Schatz. Dieser habe nach dem Tod "trockene" Reden gehalten: Der Todesfall sei ein Unglück, jedoch normal wie ein Flugzeugabsturz. Die Offiziersanwärter empfanden es zudem als unpassend, dass die Besatzung kurz nach dem Tod "zur Tagesordnung überging" und heftig und lautstark Karneval feierte.

Der Bericht enthält neben Vorwürfen auch Hinweise, dass die Marine sowohl Kadetten als auch Besatzung vor dem Einsatz an Bord nicht ausreichend getestet hat. So gibt Königshaus wieder, dass ihm ein Marineteam mitgeteilt habe, man teste gerade "ein neues Prüfungsverfahren zur Verwendungstauglichkeit". "Bemerkenswert" sei das erste Testergebnis, demnach fielen "50 Angehörige der aktuellen Besatzung der 'Gorch Fock'" bei dem neuen Test durch. Die Soldaten wiederum beklagten, dass es keinen richtigen Eignungstest für das Schiff gebe.

Ein Kadett erhob bei den Gesprächen mit dem Königshaus-Team auch den Vorwurf der sexuellen Nötigung gegen die Stammbesatzung. Der Erinnerung des Soldaten nach, hätten ihn mehrere Männer der Besatzung im Hafen von Las Palmas in der Dusche angesprochen. Es sei "auf dem Schiff ähnlich wie im Knast, jeder Neue müsse seinen Arsch hinhalten". Daraufhin hätten sie eine Shampoo-Flasche auf den Boden geworfen und ihn aufgefordert, sich danach zu bücken - ein Ritual, das man sonst nur aus Filmen über die Zustände in Gefängnissen kennt.

In dem Bericht bleibt es nicht beim Vorwurf der sexuellen Nötigung des Offiziersanwärters. Demnach hätten die Besatzungsmitglieder ihm gedroht, sie seien Mitglieder des "Aryan Brotherhood". Diese rassistisch ausgerichtete Gruppe hat in den USA ein Netzwerk in Gefängnissen und ist für Morde, Erpressung und illegalen Drogenhandel in den Knästen verantwortlich. Nach einer Meldung durch den Soldaten ließ Kommandant Schatz die gesamte Mannschaft an Deck antreten. Ob es zu einer strafrechtlichen Verfolgung der Tat kam, ist nicht ganz klar. Der Soldat hörte nur als Gerücht, die Männer hätten wegen des Vorfalls Ärger bekommen.

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