Ski-Tragödie Althaus' Freunde eilen ans Krankenbett

Sie machten Urlaub in Österreich, einer hat den Unfall sogar mitlerlebt, bei dem eine Frau starb. Jetzt halten sie Wache im Krankenhaus: Die Freunde und politischen Weggefährten des thüringischen Ministerpräsidenten Althaus hoffen, dass er die Tragödie auf der Piste verarbeiten wird.

Aus Schwarzach im Pongau berichtet


Schwarzach - Seit 16 Jahren gehen ihre Familien gemeinsam Skifahren in der Steiermark. So viele Jahre. Und jetzt das. Gerhard Jünemann friert. Er zeigt auf die hell erleuchteten Fenster der Schwarzacher Unfallklinik. Irgendwo dahinter liegt sein bester Freund Dieter, der Ministerpräsident Althaus - noch immer im künstlichen Koma. Sie sind Gefährten, stammen beide aus dem katholischsten Teil Thüringens: dem Eichsfeld.

Der Neujahrstag, an dem Althaus mit Beata C. auf der Piste im Skigebiet Rinseralm kollidierte, sollte der Abschluss ihres Urlaubs sein. Am Freitag wollten sie nach Hause fahren. Aber jetzt steht Jünemann bei minus fünf Grad in diesem Krankenhaushof in der Nähe von Salzburg. Gerade haben die Ärzte erklärt, dass Althaus "noch nicht kontaktfähig" sei. Heißt: Er ist noch nicht aus dem künstlichen Koma aufgewacht, obwohl man die sedierenden Medikamente seit einigen Stunden langsam zurückgefahren hat. Es kann dauern. Vielleicht noch zwölf, vielleicht auch 24 Stunden, sagen sie.

Beata C., die vierfache Mutter, ist gestorben. Kurz nach dem Unfall, im Rettungshubschrauber. "Wie soll ich ihm das bloß sagen", fragt Gerhard Jünemann und schüttelt den Kopf. Er war in jener Ski-Gruppe, die die Verunglückten direkt nach der Kollision erreichte. "Ich fuhr über eine Bodenwelle, dann sah ich sie." Mit Althaus habe er noch reden können, bevor der ohnmächtig wurde. Man solle sich um die Frau kümmern, habe der Freund gesagt. "Wir haben sie dann in die stabile Seitenlage gebracht und den Unfallort abgesperrt."

Wache am Krankenbett

Jünemann ist nicht der einzige aus Althaus' Umgebung, der an diesem Freitag in Schwarzach erscheint. Da ist auch Franz-Josef Schwarte, Abteilungsleiter aus der Erfurter Staatskanzlei, ein enger Weggefährte von Althaus. Oder Gerold Wucherpfennig, Thüringens Bauminister. Er habe "ein enges Verhältnis zum Ministerpräsidenten", sagt er. Auch er macht gerade Skiurlaub in Österreich – zusammen mit Schwarte.

Sie verstehen sich hier nicht primär als Politiker aus Thüringen, sondern als enges Althaus-Umfeld. Das verleiht der Szenerie im Krankenhaus einen leicht bizarren Zug. Etwa wenn der Minister Wucherpfennig bei politischen Fragen auf die Regierung in Erfurt verweist und betont, er sei hier im Urlaub.

Er wolle möglichst häufig im Krankenhaus vorbeischauen: "Es wäre schön, wenn ich morgen schon Kontakt zu ihm haben könnte", sagt Wucherpfennig. Er hofft, dass Althaus bald aufwacht. Der sei ein Kämpfer und durchtrainiert.

Für Samstag hat sich bereits der nächste Polit-Partner angesagt: Der thüringische CDU-Landtagsfraktionschef Mike Mohring. Freundschaftlich sei er mit Familie Althaus verbunden, sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Er denke nun an Beata C., ihre Hinterbliebenen und "wir hoffen und beten, dass Dieter Althaus gesund wird". Ob der Regierungschef die Tragödie auf der Piste und den Tod der Beata C. verarbeiten könne? "Als guter Christenmensch hat man einen Glauben, aus dem man Kraft schöpfen kann."

Noch immer haben sich keine Zeugen gefunden

Mohring ist nicht der einzige, der dies über den Mann aus dem Eichsfeld sagt.

Es ist die Hoffnung, dass der Christ Althaus moralisch mit dem Geschehenen klarkommt. Juristisch, davon sind die Freunde überzeugt, hat er sich nichts vorzuwerfen. Schon oft sei man zusammen Ski gefahren, so Wucherpfennig. Nein, leichtsinnig sei Althaus dabei nie gewesen. "Er ist auf Sicherheit bedacht, er trägt ja auch schon seit Jahren einen Helm." Er gefährde "weder sich noch andere Personen".

Althaus sei "ein sicherer Skifahrer, nie habe ich ihn ohne Helm gesehen", erinnert sich Mohring. Und Gerhard Jünemann sagt, dass man in seiner Gruppe nie Alkohol auf der Piste getrunken habe: "Wir machen so was grundsätzlich nicht, beim Skifahren gilt absolutes Alkoholverbot."


Riesneralm bei Donnersbachwald in der Steiermark: Auf dem Berg direkt westlich des Endes der Bundesstraße verunglückte Althaus

Derweil grübelt die österreichische Polizei über den Unfallhergang. Wie konnte der Zusammenstoß geschehen? Die Sicht war gut, auf der Piste nicht viel los. Zudem ereignete sich der Unfall nicht im Zentrum der Kreuzung, sondern eher am Rand. Wie kamen Althaus und Beata C. dort hin? Noch immer haben sich keine Zeugen gefunden.

"Wir können ihn nicht über die Marktplätze scheuchen"

Während sich in Österreich die Freunde an Althaus' Krankenbett versammeln, steht die CDU in Thüringen unter Schock. Viele fragen sich, wie es weitergehen soll. Und vor allem: Wird Dieter Althaus im Spätsommer als Spitzenkandidat in die Landtagswahl ziehen können? Es gebe zwar keinen Plan B – aber sicherlich Leute, die dafür zur Verfügung stünden, heißt es in CDU-Kreisen. Doch noch setze man voll auf Althaus.

Immerhin gaben auch die Schwarzacher Ärzte eine vorsichtig optimistische Prognose: Die neurologischen Untersuchungen und Tests seien gut verlaufen, so der Ärztliche Leiter Reinhard Lenzhofer. Für die Maßnahmen zu Althaus' Rekreation müsse man "ein, zwei, vielleicht drei Wochen rechnen", sagt der behandelnde Arzt Hubert Artmann am Freitagabend. Zudem sei der Patient sicherlich schon früher nach Erfurt verlegbar.

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Die Wahrscheinlichkeit für einen CDU-Spitzenkandidaten Dieter Althaus ist also hoch. Allerdings könne nun der Wahlkampf ein anderer werden, sagt einer aus dem Regierungsumfeld. Man müsse Althaus als zentrale Figur anders präsentieren, könne ihn, den gerade Genesenen, möglicherweise nicht über Thüringens Marktplätze scheuchen.

Die Freunde im Krankenhaus wollen das nicht hören. Gerold Wucherpfennig wischt den Vorschlag beiseite: "Wir gehen davon aus, dass Dieter Althaus zu 100 Prozent wieder hergestellt sein wird, dass wir den Wahlkampf also so führen, wie wir ihn gegenwärtig planen." Aber klar sei auch: "Es wird für alle sehr schwer, dieses Ereignis zu verarbeiten."

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