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26. August 2019, 15:31 Uhr

Umstrittenes Cover

So isser, der SPIEGEL

Eine Kolumne von

Der aktuelle SPIEGEL-Titel "So isser, der Ossi" hat einige Empörung ausgelöst. Ich kann sie gut verstehen. Und dann auch wieder überhaupt nicht.

Die Zeitschrift, für die ich arbeite, hat sich in ihrer aktuellen Ausgabe der speziellen Befindlichkeit in Ostdeutschland gewidmet. Unser Dresdner Korrespondent Steffen Winter ist vor den kommenden Landtagswahlen durch die Provinz gereist, das Ergebnis seiner Recherche ist ein knapp elfseitiger "Blick in die ostdeutsche Seele" mit zahlreichen Abbildungen.

Es kommen besorgte und gänzlich unbesorgte Bürger zu Wort, Abgehängte und Erfolgreiche, solche, die der DDR nachtrauern und solche, die die Wiedervereinigung als Chance genutzt haben. Die Titelseite wirkt, wie es Titelseiten nun mal eigen ist, vergleichsweise weniger differenziert: "So isser, der Ossi", steht als Schlagzeile unter der Abbildung eines durch das Aufeinandertreffen eines ZDF-Teams mit dem später sogenannten Hutbürger berühmt gewordenen Anglerhuts in Schwarz-Rot-Gold. Die Unterzeile erläutert "Klischee und Wirklichkeit: Wie der Osten tickt - und warum er anders wählt".

Jetzt natürlich große Aufregung. Die wenigen Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Titel das Klischee in ironischer Stammtischsprache nur deshalb aufnimmt, um es, worauf bereits die Unterzeile hinweist, im Inneren zu dekonstruieren und zu widerlegen, verhallen praktisch ungehört. "Einfach mal was Plattes hinauskrähen und sich dann die Schenkel klopfen, wenn eine Debatte zündet. Heute: Auf Kosten von Ostdeutschland. So isser, der #Spiegel", kritisiert der Twitter-Nutzer @fernseh_heini.

Ein anderer Twitterer hat sich sogar die Mühe gemacht, das Cover mit einer Rasta-Strickmütze nachzubauen und die Zeile mit dem N-Wort abzuwandeln, um dessen vermeintlich diskriminierenden Charakter augenfällig zu machen. Ein rechtes Blog konstatiert "die Geschichte einer Radikalisierung", und der Medienjournalist Stefan Niggemeier stellt fest: "Alle reden über das missratene Cover, nur @DerSpiegel hat auch im Jahr 2019 noch keine Möglichkeit gefunden, sich an dieser Konversation zu beteiligen."

Man ließ dem Humor freien Lauf

Ich war weder an Gestaltung noch Diskussion des Titels beteiligt. Für "missraten" halte ich das Cover keineswegs. Aber die Aufregung kann ich trotzdem nachvollziehen. Denn es stimmt schon: So isser, der SPIEGEL.

Vor etwa vier Jahren sollte eine Titelgeschichte über Bayern erscheinen. Der hundertste Geburtstag von Franz Josef Strauß stand an, da wollte man sich mal ausführlich diesem seltsamen südlichen Freistaat widmen. Mir schwante Schreckliches. Häufig, wenn in der Redaktion über meine Heimat geredet wurde, musste ich althergebrachte Klischees mitanhören. Vermutlich, weil ich am Arbeitsplatz keinen Dialekt spreche, wähnte man sich unbeobachtet und ließ dem Humor freien Lauf. Wenn sie von meiner Herkunft erfuhren, wunderten sich Kollegen regelmäßig, dass ich in der Lage bin, akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen.

Im August 2015 erschien der Bayern-Titel. Das Cover war sogar noch schlimmer, als ich es befürchtet hatte. "Die spinnen, die Bayern!", lautete die Schlagzeile, abgebildet war eine groteske Ansammlung von Klischees: die Alpen, Manuel Neuer, Neuschwanstein, ein Steinbock, eine Kellnerin mit fünf Maß Bier, zwei schwule Trachtler, ein katholischer Würdenträger, Horst Seehofer mit einer Krone auf dem Kopf, Markus Söder im Shrek-Kostüm. Und über allem FJS. An seinen mit Gamsbart geschmückten Trachtenhut hatte man zusätzlich noch Enzian, einen Geldschein und ein Kampfflugzeug montiert. "100 Jahre Franz Josef Strauß: Der Freistaat und das verklärte Erbe eines korrupten Landesvaters" stand unter der despektierlichen Titelzeile.

Trotzdem angefressen

In meinem bayerischen Bekanntenkreis verklärt niemand Franz Josef Strauß. Selbst mutmaßlichen CSU-Wählern ist schon länger - und auch dank ausführlicher SPIEGEL-Berichterstattung - bewusst, dass der Mann nicht ganz sauber war. Trachten werden nur selten getragen, Bier wird nur in vertretbaren Mengen genossen. Kaum einer ist Fan des FC Bayern München. Das ganze Titelbild hatte wenig zu tun mit dem Landstrich, den ich kenne und liebe. Klar war das Cover ironisch. Angefressen war ich trotzdem.

Die Titelgeschichte im Inneren war ganz sicher hochdifferenziert, ich kann mich daran nicht erinnern und konnte mich auch nicht dazu durchringen, sie für diesen Text nochmal nachzulesen. Eine empörte Debatte über "missratenes Bayern-Bashing" ist mir allerdings ebenfalls nicht erinnerlich. Ich selbst habe auch intern keine angezettelt, warum auch? Das ist eben Pressefreiheit. Jeder bekommt mal sein Fett weg.

Ich habe mein eigenes Bild von Bayern. Ich weiß, wie divers, wie weltoffen der Freistaat ist, wie fern von Trachten-Klischees - und wie schön gerade deshalb auch seine Eigenheiten sind, sein Dialekt, seine Lebensart (und auch die Trachten). Die Hamburger Kollegen machen sich darüber gerne ein wenig lustig. Sollen sie. Mir käme es nicht in den Sinn, deshalb aus Protest, sagen wir mal, die CSU zu wählen.

Noch eine Titelidee

Und darum verstehe ich die aktuelle Aufregung über das Ossi-Titelblatt eben doch nicht. Wer seine Heimat liebt, der kann doch gelassen bleiben, wenn andere meinen, sich darüber ein wenig belustigen zu wollen. Wer seine Heimat kennt, der lässt sich doch nicht aus der Ruhe bringen von einem ironischen Seitenhieb. Gerade die stolzesten Ostbürger sollten so etwas doch souverän wegstecken können. Aber ich will hier keine Ratschläge erteilen. Jeder und jede soll so empfinden, wie er oder sie meint.

Naja, vielleicht dürfte ich doch einen Wunsch äußern. Dieses Hamburg ist mir nämlich schon lange ein Rätsel. Diese seltsame Liebe zu schlechtem Wetter, diese kindische Hingabe zum HSV. Das schnöselige Auftreten der Hanseaten, als wären sie etwas Besseres. Die unbegreifliche Beliebtheit von Olaf Scholz. All dem sollte man sich doch in einer Titelgeschichte mal ausführlich widmen: "Die blasierten Fischköppe. Das eigenartige Gebaren in einer überschätzten Hansestadt". Pfeffersäcke kann man sicher auch noch unterbringen auf dem Cover. Gleich mal der Chefredaktion vorschlagen.

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