Von der Leyens Reformvorschläge Wie familientauglich ist die Bundeswehr?

Tagesmütter in der Kaserne, Teilzeit für Soldaten: Ursula von der Leyen will die Truppe familienfreundlicher machen. Bundeswehrverband und SPD begrüßen den Coup der Ministerin. Was sagen Männer und Frauen in der Armee?

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Berlin - Durch die Pforte der Julius-Leber-Kaserne in Berlin gehen jeden Tag nicht nur Soldaten und Soldatinnen, sondern auch Mütter und Väter. Wie sie ihren Dienst mit ihrem Familienleben vereinbaren können, das hat die neue Verteidigungsministerin von der Leyen gerade zu ihrem ersten großen Thema gemacht.

Als sie noch Familienministerin war, verhalf sie Eltern zu einem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, jetzt will sie die Kinderbetreuung in den Kasernen ausbauen. Geht es nach ihr, soll Teilzeit auch für Soldaten und Soldatinnen selbstverständlich werden, wenn sie eine Familie gründen. Sie will Lebensarbeitszeitkonten einführen, auf die Überstunden eingezahlt werden können, und auch der "Pendlerarmee" sagt von der Leyen den Kampf an. "Das ist eine Agenda, die überfällig ist", meint die Ministerin. Sie wird unterstützt vom Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus. Auch dieses Jahr stiegen bei ihm die Beschwerden über die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Bundeswehr.

Die soll gerade für jüngere Arbeitnehmer wie Enis Chebbi attraktiv gemacht werden. Er arbeitet bei der Standortverwaltung in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin und hat sich für dreieinhalb Jahre verpflichtet. Mit seinen 17 Jahren ist Familie für ihn noch kein Thema, aber er denkt schon an die Zukunft: "Die ständigen Versetzungen der Eltern sind eine Zumutung für die Kinder, vor allem, wenn sie in die Schule gehen", sagt er. Für ihn ist klar, Familie und Dienst, das geht nicht gleichzeitig, sondern nur nacheinander.

"So stell ich mir meine Vaterrolle nicht vor"

Der Familienvater Lars Kade hingegen hat nie Probleme gehabt. Zum Geburtstermin bekam er frei und auch sonst könne er sich Urlaub nehmen, wann er wolle, sagt er. Und das liege nicht daran, dass er keine Uniform trage. Ein Kamerad von ihm sei bis vor kurzem noch auf einem Marineschiff stationiert gewesen - bis seine Frau sich von ihm trennte und er sich allein um das gemeinsame Kind kümmern musste. Es dauerte nicht lange, da wurde er in die Kaserne nach Berlin versetzt, wo er nun regelmäßige Arbeitszeiten habe. "Ich weiß nicht, was da noch familienfreundlicher gemacht werden soll", sagt Kade.

Marc Zdrenka fällt da so einiges ein. Er ist beim ABC-Abwehrbataillon Höxter und hat ständig Wochenenddienst. Vielleicht droht bald eine Versetzung, dann würde er wie 70 Prozent der Soldaten und Soldatinnen pendeln müssen, oft bis zu 700 Kilometer. Hätte er ein Kind, könnte er es wohl nur am Wochenende sehen - und selbst das sei nicht sicher, da es oft Sonderdienste gäbe. "So stell ich mir meine Vaterrolle nicht vor", sagt er.

Die meisten in Uniform sind nicht so offen wie Zdrenka. Einer, der beim Kommando für territoriale Aufgaben arbeitet und seinen Namen nicht nennen will, berichtet, er sei schon oft versetzt worden, Frau und Töchter seien immer mit umgezogen, das habe immer funktioniert. Außerdem wisse man ja, auf was man sich einlasse, wenn man zur Bundeswehr geht. "Wem das nicht passt, der kann ja auch gehen", sagt er.

"Die Bundeswehr muss sich anstrengen"

Eine Haltung, die sich die Bundeswehr angesichts ihres Nachwuchsproblems kaum leisten kann. Der Bund würde sich 15.000 Freiwillige im Jahr wünschen, doch es sind gerade mal 5000, die sich melden. Deswegen findet Silvia Sasse, Angestellte bei der Bundeswehr, die Vorschläge von der Leyens richtig. "Die Bundeswehr muss sich anstrengen, dass sie Leute kriegt, wegen des Solds kommt niemand mehr", sagt sie.

Für den Lageoffizier Björn Jaar kommen von der Leyens Ideen zu spät. Er arbeitete bei der Panzerdivision. Sein Tag begann um 7 Uhr und endete fast nie um 17 Uhr wie eigentlich vorgesehen. "Das ist auch belastend für die Beziehung, denn in meinem Beruf ist man eigentlich nie zu Hause", sagt er. Jetzt ist er geschieden, sein Kind sieht er nur noch alle zwei Wochen.

Manche Verbände in der Bundeswehr berichten von einer Scheidungsrate von bis zu 75 Prozent. Dass seine neue Chefin daran etwas ändern kann, glaubt Jaar nicht: "Niemand nimmt das Geld in die Hand, um zu tun, was nötig ist."

Die Grünen schätzen, dass allein der Kita-Ausbau eine zweistellige Millionensumme kosten würde, doch von der Leyen meint, es gebe "genügend Platz" in den Kasernen. Ihr Sprecher sagte: "Wir müssen das innerhalb des bestehenden Etateinsatzes schaffen."

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kurswechsler 15.01.2014
1. Aufhören!
"Was sagen Männer und Frauen in der Armee?" Armee, welche Armee? Was wir da inzwischen als Bundeswehr unterhalten, ist doch keine "Armee" mehr. Wenn daraus jetzt noch eine Teilzeitverein wird, ist auch der letzte Ernst dahin. Die Abschaffung der Wehrpflicht war der erste Sargnagel. Die restlichen kommen Dank vdL, die halt nur Familienministerin kann, jetzt schneller, als gedacht. Bitte macht den Laden endlich zu und spart das Geld bzw. gebt es für nützlichere Dinge aus, als für einen Verein, der Konflikte/Kriege in Teilzeit familienfreundlich bedienen soll. Aufhören!
aliaxe 15.01.2014
2. Natürlich
Natürlich ist die Bundeswehr nicht familienfreundlich und auch in anderen berufen arbeitet man von 07-17:00 uhr und länger, aber um es mal auf den Punkt zu bringen: jeder, der als Soldat zur Bundeswehr geht weiß, was auf ihn zukommt. Jeder Offizier wird alle 2 Jahre versetzt und auf eine neue Herausforderung angesetzt. Dies ist Teil des Konzeptes der Führung. Und da immer mehr Kasernen schließen, macht dies die Sache nicht leichter. Die Ministerin wirft hier Dinge in den Raum, die an die Grundstruktur der Karrierefindung bei der Bundeswehr geht. Für mich ist das generell nur eine Platzpatrone von Von der Leyen. Umgesetzt werden kann es nicht.
angryoldman 15.01.2014
3. Klar,
Die nachwuchsprobleme der bundeswehr haben mit Problemen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Famillie zu tun. PTS, schlechte Ausruestung, Kriegseinsaetze in sinnlosen Kriegen haben damit ueberhaupt nichts zu tun. Nein, es ist die fehlende famillienfreundlichkeit... Wie weltfremd koennen unsere politiker noch werden ?
Randycalifornia 15.01.2014
4. Interessant
Wirklich interessant mal aus Sicht der Soldaten in dem Fall die Ideen der Ministerin zu hören. Ich persönlich kenne keinen Soldaten (außer zwei weit entfernte britische Soldaten,die man nicht vergleichen kann), aber das Statement wenn man bei der Bundeswehr arbeiten möchte, weiß man ja was auf einem zukommt, klingt logisch. So ist es in der Feuerwehr, Polizei, allg. Schichtbeschäftigten, Ärzten, Verkäufer (bis 20 Uhr arbeiten) usw. Es gibt eine Menge Berufe, wo es grundsätzlich wenige "familienfreundlichen" Arbeitszeiten gibt. Mal sehn, was die Mutti der Armee davon umsetzen wird.
hartwurzelholz 15.01.2014
5. abgesehen vom Familienfreundlich-Faktor...
Die Bundeswehr muss auch mit der Wirtschaft um fähige Köpfe konkurrieren. Und mit Geld kann sie die Leute sicher nicht ködern. Ich denke, Teil- und Elternzeit sind ein Schritt in die richtige Richtung. In anderen Ämtern gehts ja auch- Schulen, Polizei usw.. Und wenns mal zum großen Verteidigungsfall kommt, werden schon irgendwelche Ausnahmeregeln Daddy wieder zurück in den Dienst rufen. Von daher seh ich das durchaus positiv. In Amerika ist das schon seit Jahrzehnten gang und gäbe- da gibts richtige Soldatenstädte mit Kindergärten, Supermärkten usw..
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