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27. August 2017, 20:17 Uhr

Sommerinterviews von Merkel und Schulz

Attackiert und ignoriert

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In einer Woche treffen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Schulz direkt aufeinander - diesen Sonntag zeigten ARD und ZDF eine Art Fern-TV-Duell: Was blieb hängen? Und welche Botschaften sandten die Kontrahenten?

Es ist zum Verrücktwerden. Jedenfalls aus Sicht von Martin Schulz. Fast jeden Tag setzte der SPD-Kanzlerkandidat vergangene Woche ein neues Thema, seine Wahlkampfveranstaltungen sind bestens besucht, die Stimmung auf den Markplätzen ist gut: Aber in den Umfragen kommt seine SPD trotzdem kaum vom Fleck, der Vorsprung der Unionsparteien bleibt deutlich, auch im direkten Vergleich liegt Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel weit vorn.

Die Demoskopen messen allerdings auch einen Wert, der die Wahl offener erscheinen lässt: Viele Bürger haben demnach noch nicht entschieden, welcher Partei sie ihre Stimme am 24. September geben wollen. Darauf hofft Schulz im Duell mit Merkel. Und auf die Chance, viele dieser Unentschiedenen noch von sich zu überzeugen in den verbleibenden vier Wochen.

Wenn er in genau einer Woche in einem Fernstudio im Berlin-Adlershof zum einzigen direkten TV-Duell auf Merkel trifft, werden bis zu 15 Millionen Bürger zuschauen. Der Abend soll aus Sicht der SPD-Strategen die Wende bringen. Diesen Sonntag durften sich die Wähler bereits in einer Art Fern-Duell ein Bild der beiden Kontrahenten machen: In der ARD war der SPD-Chef zum Sommerinterview geladen, im ZDF die Kanzlerin - die Zuschauer konnten sich beide Gespräche im Abstand von gut einer halben Stunde ansehen.

Wie lief der Probelauf für das große TV-Duell? Welche Botschaften standen im Mittelpunkt? Und welche Sätze blieben besonders hängen?

Die Kanzlerin erhielt beim ZDF ein bisschen mehr Zeit als ihr Herausforderer in der ARD: Merkel kam auf 19.30 Minuten, bei Schulz waren es genau 18.52 Minuten. Dafür versuchten sich am SPD-Kanzlerkandidaten mit ARD-Hauptstadtbüro-Chefin Tina Hassel und Vize Thomas Baumann gleich zwei Interviewer, bei Merkel durfte ZDF-Büroleiterin Bettina Schausten alleine ran.

Die Sommerinterviews der TV-Sender sollen ja ein bisschen lockerer daherkommen, weshalb sie am liebsten in der Heimat des jeweiligen Gesprächspartners aufgenommen werden, wenigstens aber unter freiem Himmel. Im Fall Schulz bedeutete das an diesem Sonntag: die Terrasse eines Bundestagsgebäudes oberhalb der Spree - und damit gewisse Probleme. Wegen des starken Windes mussten alle Beteiligten mit Hand-Mikrofonen agieren, was Schulz missfiel, dafür wurde die Frisur von ARD-Frau Hassel besonders zerzaust.

Merkel - nach zig Jahren Sommerinterview-Vollprofi und jedes Risiko vermeidend - ließ sich dagegen im ZDF-Foyer an der Straße "Unter den Linden" befragen. Dort war es null sommerlich - und absolut windstill.

Schulz hat nichts mehr zu verlieren - also setzt er immer mehr auf Attacke (auch wenn einiges dafür spricht, dass dies wegen der sympathischen Beliebigkeit Merkels eher kontraproduktiv ist). "Merkel hat keinen Plan" wirft Schulz der Kanzlerin mit Blick auf die Dieselaffäre vor, Merkel sei wegen der Wahlkampfführung ihrer Partei "abgehoben" und "entrückt" - unter anderem wegen des Umstands, dass sie dabei häufig Helikopter von Bundeswehr und Bundespolizei zu vergleichsweise niedrigen Preisen nutzt und Mitarbeiter des Kanzleramts per Minijob in der CDU aushelfen -, Merkel stehe wie Helmut Kohl in seinen letzten vier Kanzlerjahren für "Stagnation und Agonie". Schulz bringt diese Vorwürfe sehr gelassen vor - aber die Botschaft ist dennoch klar: Merkels Zeit ist vorbei, ich kann es besser!

Merkel dagegen nimmt, bevor sie von Interviewerin Schausten im letzten Teil des Gesprächs dazu gedrängt wird, den Namen ihres Herausforderers nicht einmal in den Mund. Ihre Botschaft: Vertrauen Sie mir auch weiterhin! In der Bildungsdebatte spricht sie von einem "Prozess". Wenn es um die drohenden Fahrverbote geht, die Merkel unbedingt verhindern will, kündigt Merkel ein Treffen mit Verantwortlichen der betroffenen Städte an: "Wir werden dann wieder einen Schritt weiter sein." In der Flüchtlingsdebatte sagt die CDU-Chefin mit Blick auf die Zusammenarbeit mit Staaten wie Libyen oder Niger: "Es ist eine komplizierte Aufgabe." Die aber natürlich, das die Sub-Botschaft, nur sie entsprechend anzugehen vermag. Probleme lösen wäre ihr dabei schon zu viel versprochen: Aber in Tippelschritten in die richtige Richtung - dafür möchte Merkel erneut gewählt werden.

"Sie werden sich bei mir daran gewöhnen müssen, dass ich Prinzipien habe", antwortet Schulz auf die Frage, warum er sich immer klarer gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stelle: Zuletzt hatte Erdogan die in Deutschland Wahlberechtigen türkischer Herkunft zum Boykott von Union, SPD und Grünen aufgerufen - darunter würde Schulz' Partei wahrscheinlich besonders leiden, weil die SPD in der Vergangenheit besonders stark bei türkischstämmigen Wählern war.

"Da ist viel Vertrauen verloren gegangen", sagt die Kanzlerin auf die Frage, ob die Automobilindustrie zu freundlich von der Politik behandelt worden sei. Für Merkel-Verhältnisse ist das ein deutlicher Rüffel an die Adresse der einstigen deutschen Vorzeigebranche. Die CDU-Chefin macht zudem deutlich, dass sie sich deutlich mehr Innovationen von den Autobauern wünscht.

Natürlich wird der SPD-Chef auch nach Vorgänger und Außenminister Sigmar Gabriel gefragt, der mitunter so sehr wirbelt, dass er Schulz in den Schatten stellt - beispielsweise kürzlich mit einem langen Interview im "Stern", in dem Gabriel eine Fortsetzung der Großen Koalition ausschloss. Diese Aussage missfiel vielen Sozialdemokraten bis in die höchsten Parteikreise, weshalb es unfreiwillig komisch wirkt, wenn Schulz nun sagt: "Das Interview ist übrigens klasse."

Merkels Gabriel heißt Horst Seehofer. Mit dem Unterschied, dass dieser Vorsitzende der CDU-Schwesterpartei CSU und also kein Parteifreund Merkels im eigentlichen Sinne ist - da CDU und CSU aber bei der Bundestagswahl gemeinsam antreten, ist das eigentlich auch wieder egal. Jedenfalls sorgt Seehofer immer wieder für Irritationen. So hat der bayerische Ministerpräsident nun, während Merkel am 24. September um eine vierte Amtszeit als Kanzlerin kämpft, eine fünfte Amtszeit der CDU-Chefin ins Gespräch gebracht. Darauf angesprochen sagt Merkel knapp: "Er weiß vielleicht sogar mehr als ich."

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