Sondierungsgespräche CSU trifft sich mit Kraftprotz-Truppe

Christsoziale und Freie Wähler treffen sich zu einem ersten Sondierungsgespräch. Doch eine Koalition wird daraus nicht entstehen, denn FW-Chef Aiwanger gibt den Kraftprotz - und die CSU will ihre verlorenen Wähler zurückerobern.

Von


München - Im indirekten medialen Gespräch stehen sie schon seit Monaten. "Die Politik der CSU ist korrupt und gekauft", attestierte einmal Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. "Die NPD-Methoden der Freien Wähler sind unerträglich", gab der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder das Kompliment der bürgerlichen Widersacher prompt zurück.

Bayerns FW-Chef Aiwanger: "CSU sucht Wege, um uns politisch zu entschärfen"
DDP

Bayerns FW-Chef Aiwanger: "CSU sucht Wege, um uns politisch zu entschärfen"

Soweit der bisherige Gedankenaustausch. Doch jetzt wollen sich CSU und Freie Wähler endlich mal an einen Tisch setzen. Genauer: Sie haben eine Verabredung zum Sondierungsgespräch im "Bayerischen Hof", Münchens Nobel-Hotel. Denn die CSU sucht seit ihrem 43-Prozent-Wahldebakel einen Koalitionspartner.

Liefen die ersten Gespräche mit der sehr willigen FDP am vergangenen Donnerstag an gleicher, nobler Stelle vielversprechend, so sind nun die Freien dran. Immerhin pumpte sich die bunte, aus Kommunalpolitikern bestehende Truppe gleich bei ihrem ersten Einzug in den bayerischen Landtag mit 10,2 Prozent zur drittstärksten Kraft im Land auf.

Und so werden an diesem Dienstagabend wieder die schweren BMW- und Audi-Limousinen der CSU-Noch-Connection vorm "Bayerischen Hof" vorfahren: Noch-Parteichef Erwin Huber, Noch-Ministerpräsident Günther Beckstein, Noch-Fraktionschef Georg Schmid und Noch-nicht-Chef-und-Ministerpräsident Horst Seehofer.

Freie Wähler: "Nicht krampfhaft in die Regierung"

Hubert Aiwanger unterdessen, der 37-jährige Agraringenieur mit dem Bauernhof, den 20 Milchkühen und den 50 Zuchtschweinen im Niederbayerischen, wird wie immer im eigenen Wald-und-Wiesen-Kombi-Audi ankommen. Aiwanger ist bodenständig. Auch deshalb das zweistellige Ergebnis bei der Wahl.

Begleitet wird er von den Vize-Vorsitzenden seiner neuen Fraktion: Eva Gottstein, Michael Piazolo und Bernhard Pohl. Außerdem kommt der frühere Freisinger Landrat Manfred Pointner mit.

Aiwanger erwartet nicht viel von dem Gespräch: "In eineinhalb Stunden dürfte das Wesentliche besprochen sein." In der CSU heißt es, man gebe mit dem Gespräch ein Signal an jene Wähler, die am vorletzten Sonntag zu den Freien Wählern übergelaufen sind: Man nehme ihre abweichende Wahl ernst, wolle sie zurückgewinnen. Rund 230.000 vormalige CSU-Sympathisanten liefen zu den Freien über, insbesondere in den ländlichen Regionen.

Die CSU werde die Freien abtasten, sie werde Wege suchen, "um uns politisch zu entschärfen", weiß auch Aiwanger um die "strategische Ausrichtung" der Christsozialen bei diesem Sondierungsgespräch.

"Lass uns noch einmal lügen"

Er müsse "nicht krampfhaft in die Regierung", sagt Aiwanger zu SPIEGEL ONLINE. Und es sei ihm auch klar, dass für die CSU mit der FDP "eine billige Mehrheit" bereit stünde. Allerdings laufe der designierte CSU-Chef Seehofer in einem solchen Fall Gefahr, "dass wir uns in der Landespolitik verselbständigen und der CSU gegebenenfalls in die bundespolitische Suppe spucken".

Aiwanger, der Kraftprotz.

Es sei "zumindest nicht ausgeschlossen", dass die bisher als Verein organisierten Freien Wähler für die Bundestagswahl 2009 eine Partei gründen - und der CSU auch hier ihr 50-Prozent-plus-X-Ziel streitig machen, sagt der FW-Chef.

Während manch Christsozialer auf künftige Zerfallsprozesse in der Freien-Fraktion hofft und durch zwei, drei Überläufer auf eine Wiederkehr der absoluten CSU-Mehrheit spekuliert, will Aiwanger davon nichts wissen: "Das reden die sich gern ein, aber damit brauchen die nicht zu rechnen." Es könne übrigens genauso gut "ein CSUler zu uns überlaufen".

Dabei ist Aiwangers Truppe schon jetzt bunt genug. Ein Programm hat sie nicht, nur "Leitlinien". Unter den 21 Abgeordneten, die jetzt ins Maximilianeum einziehen, finden sich ehemalige CSU-Politiker, die sich nach kommunalpolitischen Enttäuschungen von ihrer alten Partei abwendeten. Oder Florian Streibl, der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Max Streibl (CSU), der in Oberbayern viele Stimmen sammelte. Oder die als Claudia Jung bekannte Chanteuse Ute Singer (letzte Single: "Lass uns noch einmal lügen") und die Ex-CSU-Rebellin Gabriele Pauli. Aiwanger ist sich sicher: "Beide Damen sind super integriert."

Pauli räumte bei der Landtagswahl im Bezirk Mittelfranken richtiggehend ab: Von Platz acht auf Platz eins wurde sie auf der FW-Liste nach vorn gewählt, sammelte sogar mehr Zweitstimmen als CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Und der will immerhin Ministerpräsident werden. Nur an Markus Söder kam Pauli nicht vorbei.

Die CSU wird sich auf eine Koalition mit den Freien nicht einlassen. "Mit der Stoiber-Mörderin Pauli und dem CSU-Fresser Aiwanger geht es einfach nicht", sagt einer aus der Führungsspitze der Partei. Längst sind bereits ernsthaftere Gespräche mit der FDP geplant: Am Donnerstag trifft man sich in der CSU-Zentrale, dem Franz-Josef-Strauß-Haus.

Das ist einigen in der Partei nicht ganz geheuer. Koalitionsgespräche in der 1978 errichteten Bastion des Parteipatriarchen? Vielleicht gebe es noch irgendwo eine Verfügung von Strauß, dass an diesem Ort nicht mit anderen Parteien verhandelt werden darf, witzelt eine.



insgesamt 175 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BerndSchirra, 04.10.2008
1.
Die CSU ist nur der Anfang.Die kommende Rezession,die Finanzkrise mit all ihren Konsequenzen wird die Parteien bis in die Grundfesten erschüttern. Statt einer Erfolgreichen Politik geht die grosse Koalition mit einem Zusammenbruch des Scheinaufschwungs in das Wahljahr 2009.Der Aufschwung mit seinen künstlich aufgeblasenen Arbeitsplatzzahlen platzten genauso wie der Finanzmarkt. Bayern war nur der Anfang. Deutschland steht vor einer neuen friedlichen Revolution via Stimmzettel.
forumgehts? 04.10.2008
2.
Zitat von sysopDramatischer Stimmenverlust für die CSU bei der Landtagswahl in Bayern. Die Partei steht vor einem Umbruch. Welche Auswirkungen hat dies auf die Bundespolitik? Diskutieren Sie mit.
Auswirkungen auf die Bundespolitik hat das keine, denn die Volksparteien heissen so, weil sie Politik am Volk vorbei oder gegen das Volk machen. Erwartungen haben die meisten Bürger an daher keine Partei mehr, aber sie sind in Watschenstimmung. Wenn davon eine Partei profitiert, sollte sie daher nicht der Täuschung erliegen, dies sei ihrer Politik oder ihren Versprechungen zu verdanken.
almabu, 04.10.2008
3. Es besteht die konkrete Gefahr, dass sich die Bevölkerung
vom sogenannten demokratischen Parteienspektrum ab- und den Demagogen von Links und Rechts zuwendet, da die etablierten Volksparteien abgewirtschaftet haben und bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verschmolzen sind. GroKo ist Gift für die politische Kultur. Die SPD ist reiner Etiketten-schwindel und politischer Wegbereiter des Finanz-Gaus den wir gegenwärtig erleben. Die Rechte wird zwar totgeschwiegen und hat keinen "Haider" stellt aber eine latente Bedrohung dar. Die Links hat demagogische Kleinkunst-Akteure wie Lafo und Gysi...
Iggy Rock, 04.10.2008
4.
Interessant das jetzt die Geier von der großen Schwesterpartei ankommen und fleissig weiter demontieren. Da fängt sich per Rückschritt zur Schröderlinie gerade erst die SPD, die seit 2005 von Chaos geplagt war, schon macht die Union fleissig bei sich selber weiter. War es nicht sogar Gerhard Schröder persönlich, der nach der verlorenen Wahl in vollem Übermut auch die Sonderrolle der CSU für diskussionswürdig hielt? Interessant ist aber durchaus die Tatsache, dass niemand anderes als Edmund Stoiber an den Chaostagen in Bayern den Brandstifter spielt. Die einen nennen es eine späte Rache, andere schütteln darüber nur noch den Kopf. Wenn jemand machtrunken total verrückte Dinge fabriziert, dann wohl er. Schröder kam insgeheim zurück, Stoiber nun auch, wie man lesen kann will er Seehofer ins Amt bringen, wie sich die Dinge ähneln. Ramsauer greift derweil schon mal die Kanzlerin bezüglich des Afghanistaneinsatzes an, das Chaos geht schon bis nach Berlin. Leider gehen diese parteiinternen Zankereien völlig am Wählerwillen vorbei, werden wohl nur zu einem führen: Wenn Zwei sich streiten..
VorwaertsImmer, 04.10.2008
5. Der Wähler rückt wieder mehr in die Mitte
Zitat von sysopDramatischer Stimmenverlust für die CSU bei der Landtagswahl in Bayern. Die Partei steht vor einem Umbruch. Welche Auswirkungen hat dies auf die Bundespolitik? Diskutieren Sie mit.
Die SPD hat die Mitte verlassen und ist Oskar Lafontaine hinterhergelaufen. Die Union hat die Gunst der Stunde genutzt und das Spektrum links der Mitte für sich beansprucht. Deshalb konnte die Union von der SPD profitieren. Jetzt ist die Union allerdings derart links abgedriftet, das der Union die bürgerlichen Leistunsträger davonlaufen. Daher sind in Bayern Wähler von der Union zur FDP übergelaufen. Wenn sich die FDP weg bewegt von der Partei der Besserverdienenden, etwas mehr zur "Partei der Arbeitenden" dann steht ihr auch auf Bundesebene eine Große Zukunft bevor. Die FDP könnte eine neue bürgerliche Kraft werden. Momentan ist sie allerdings noch ein wenig zu elitär um wirklich dauerhaft für die bürgerliche Mitte wählbar zu sein. Die SPD hat die Entwicklung in Bayern jedoch bereits vorweg genommen. Sie hat sich personell ebenfalls wieder mehr in der Mitte positioniert. Das hatte kaum Auswirkung auf die Bayern Wahl - wohl aber nur deshalb weil sich die SPD noch uneins ist im Kurs. Immerhin ist noch die Ypsilanti-Frage in Hessen offen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.