Soyeon Schröder-Kim »Wir sollten den Datenschutz in der Krise begrenzen«

Soyeon Schröder-Kim repräsentiert die nordrhein-westfälische Wirtschaft in Südkorea. Hier erklärt sie, was Deutschland in der Coronakrise von ihrer Heimat lernen kann.
Ein Interview von Timo Lehmann
Soyeon Schröder-Kim: »Wenn jeder eine Maske trägt, schützt jeder jeden«

Soyeon Schröder-Kim: »Wenn jeder eine Maske trägt, schützt jeder jeden«

Foto: Klaus W. Schmidt / imago images

SPIEGEL: Frau Schröder-Kim, in Deutschland grassiert das Coronavirus so schlimm wie nie zuvor, in Südkorea war das lange Zeit anders, zuletzt aber sind auch dort die Zahlen wieder hochgegangen. Was läuft schief?

Schröder-Kim: Die Frage wundert mich ein wenig. Schauen Sie auf die Zahlen: Deutschland hat, Stand Donnerstag, insgesamt rund 1.24 Millionen Infektionsfälle, während die Zahl in Südkorea bei rund 40.000 liegt. Die Zahl der Todesfälle in Deutschlands beläuft sich auf mehr als 20.000, während es in Korea bisher nur etwa 560 Todesfälle gibt. Die Einwohnerzahl in Deutschland liegt bei 83 Millionen Menschen, Südkorea bei 52 Millionen. Es ist also offenkundig, dass das koreanische System trotz der leicht steigenden Zahlen, und zwar ohne Lockdown, besser funktioniert.

SPIEGEL: Welche Unterschiede stellen Sie beim Verhalten der Bevölkerung zwischen Deutschland und Südkorea fest?

Schröder-Kim: In Korea gibt es den Begriff »Be-ryo«. Es gibt kein vergleichbares Wort in der deutschen Sprache. Man könnte sagen, es bedeutet, dass jeder sich rücksichtsvoll, respektvoll und fürsorglich den Mitmenschen gegenüber verhalten muss. In Deutschland gibt es da eine andere Kultur. Nehmen Sie die Maskenpflicht. Für mich war es unverständlich, dass sich zu Beginn der Pandemie in Deutschland auch Ärzteverbände dagegen ausgesprochen haben mit der Begründung, dass man durch Maskentragen sich selbst nicht schützt. Wenn jeder eine Maske trägt, schützt jeder jeden und dadurch auch sich selbst. In Südkorea ist das eine Selbstverständlichkeit.

SPIEGEL: Ein anderer Grund war, dass es in Deutschland zu wenig Masken gab. Auch das ist in Südkorea anders, richtig?

Schröder-Kim: Südkorea hat es sicher geholfen, dass auch im Land Masken hergestellt werden. Maskentragen ist wegen des Smogs längst ein Teil unseres Alltags. Auch wer erkältet ist, trägt eine Maske. Das hat sicher auch bei der Pandemie geholfen, weil es bei uns keine Hemmungen gibt, eine Maske zu tragen.

»Niemand in Südkorea würde sogenannte Querdenker ernst nehmen«

SPIEGEL: Wie reagieren Deutsche, wenn Sie das ansprechen?

Schröder-Kim: Deutschland kennt Masken in der Alltagskultur bisher nicht. Wenn jemand sein Gesicht nicht zeigt, wird das eher mit Gefahren verbunden, etwa Kriminalität oder sogar Terrorismus. In diesem Fall schützt die Maske aber. Das erforderte ein Umdenken. Bei den meisten Deutschen ist das inzwischen angekommen.

SPIEGEL: Wie wird die Politik wahrgenommen in beiden Ländern?

Schröder-Kim: Niemand in Südkorea würde sogenannte Querdenker ernst nehmen. Die, die sich hier als Querdenker bezeichnen, sind nach meiner Auffassung Falschdenker, die die Wissenschaft ignorieren. Im Übrigen auch politisch, weil ihre Nähe zu Rechtsradikalen immer deutlicher wird. Nach meinem Empfinden steht die Mehrheit der Deutschen durchaus hinter den Entscheidungen der Bundesregierung. Aber hier wird eine kleine, lautstarke Minderheit stärker wahrgenommen als etwa in Korea.

SPIEGEL: Welche Auswirkungen haben die anhaltend hohen Infektionszahlen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Schröder-Kim: Deutschland ist wegen seiner Wirtschaftskraft und seiner Reformen und der Stützung seiner Wirtschaft in der Pandemiekrise in der Europäischen Union nach wie vor das interessanteste Land für Investitionen aus Asien, natürlich auch aus Südkorea.

SPIEGEL: Das sagen Sie natürlich auch als Interessenvertreterin für Nordrhein-Westfalen. Aber ist der Austausch in der Wirtschaft nicht massiv eingeschränkt?

Schröder-Kim: Einiges wird nur zeitlich verschoben. In Südkorea gibt es längst auch viel mehr Online-Video-Meetings als in Deutschland. Man hat dort allerdings ein stabileres Internet als hier. Immerhin, die Deutschen gewöhnen sich jetzt an Video-Konferenzen, das Format wird akzeptiert.

»Ich habe Verständnis für die Angst der Deutschen«

SPIEGEL: Auch in der Pandemiebekämpfung setzt Südkorea auf digitale Instrumente. Dazu gehört das Einsehen von Kreditkartenabrechnungen oder das Erstellen von Bewegungsprofilen. Fürchten Sie einen Überwachungsstaat?

Schröder-Kim: Ich habe Verständnis für die Angst der Deutschen. Die haben eine andere historische Erfahrung gemacht. Ich persönlich fürchte keinen Überwachungsstaat in Südkorea. Wir sind eine entwickelte Demokratie und haben nur eine andere Balance zwischen Datenschutz und Persönlichkeitsrechten.

SPIEGEL: Was könnte Deutschland von Südkorea lernen?

Schröder-Kim: Bewegungsprofile in Zeiten der Pandemie sind kein Problem. Damit können wir die Gesundheit der Menschen schützen. Etwas vereinfacht würde ich es so ausdrücken: Wir sollten den Datenschutz in der Krise begrenzen –  wenn uns das vor härteren Maßnahmen, etwa einem Lockdown, bewahren kann. Deutschland hat sich bislang stets dagegen entschieden, leider.

Soyeon Schröder-Kim und ihr Ehemann Gerhard Schröder

Soyeon Schröder-Kim und ihr Ehemann Gerhard Schröder

Foto: imago images

SPIEGEL: Haben Sie zu Beginn der Pandemie Rassismus in Deutschland erlebt?

Schröder-Kim: Ich selbst nicht, aber koreanische Freunde von mir. Da gab es Schimpfworte. Offenbar suchte man einen Sündenbock für Corona und schaute auf Ostasien. Diese erste Phase ist zum Glück vorbei, dafür schaut man jetzt mehr auf die Lösungen und fragt nicht nach dem Schuldigen.

SPIEGEL: Wie wird denn das Thema bei Ihnen zu Hause diskutiert, was sagt der Altkanzler?

Schröder-Kim: Sehr kontrovers. Wir diskutieren natürlich über die Balance zwischen Datenschutz und Lockdown. Mein Mann sieht aber inzwischen auch die Vorteile des koreanischen Systems. 

SPIEGEL: Sie haben Ihren Mann überzeugt?

Schröder-Kim: Ja, er war einsichtig.