Soziales Gefälle Armutszeugnis für Deutschland

Zweiter deutscher Armutsbericht: Jeder Elfte lebt an der Armutsgrenze, vor allem Kinder und Alleinerziehende.


Berlin - Zum zweiten Mal nach 1994 haben der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) einen Armutsbericht vorgestellt. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer wies bei der Präsentation am Mittwoch in Berlin darauf hin, dass Kinder in Deutschland in besonders hohem Maß von Armut betroffen sind: "14 Prozent der Kinder in Deutschland fallen unter die Armutsgrenze." Insgesamt, so die Studie, wachse sogar knapp die Hälfte der Kinder bis zu 15 Jahren in Deutschland in so genannten prekären Wohlstandsbedingungen auf, also in Haushalten mit einem Einkommen, das unterhalb 75 Prozent der durchschnittlich verfügbaren Einkommen liege. "Von ‚kinderbedingter' Armut sind besonders Alleinerziehende betroffen," erläuterte die DGB-Vize und verwies gleichzeitig auf das insgesamt höhere Armutsrisiko für Haushalte mit Kindern.

Die mit der Hans-Böckler-Stiftung erstellte Studie zeige, dass das Netz der Sozialhilfe Armut nicht in vollem Umfang beseitigen könne. Engelen-Kefer: "Auf jeden Hilfeempfänger kommt mehr als eine Person, die von ihrer Leistungsberechtigung keinen Gebrauch macht. Auch das Phänomen der ‚working poor', also der Armut bei Erwerbstätigkeit, existiert in größerem Umfang, als dies vielfach unterstellt wird", betonte die DGB-Vize. Sie forderte für die Zukunft, dass auf tariflichem oder gesetzlichem Weg Mindestlöhne häufiger festgelegt werden, um dieses Phänomen zu verringern.

Trotz wachsenden Wohlstands leben in Deutschland nach wie vor 9,1 Prozent der Bevölkerung - und damit jeder elfte Bundesbürger - unter der Armutsgrenze. Zu diesen Menschen zählen neben Alleinerziehenden, kinderreichen Familien vor allem Langzeitarbeitslose und überdurchschnittlich viele Jugendliche. Die Quote der so genannten Einkommensarmen liegt in Westdeutschland mit 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung etwas niedriger als im Osten mit einer Quote von 10,7 Prozent.

Als einkommensarm gilt, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zur Verfügung hat. Dieser Wert lag 1998 nach den Worten von Professor Walter Hanesch, dem Autor der Studie, für Alleinstehende bei 1038 Mark im Westen und bei 855 Mark im Osten. In der repräsentativen Studie, die den nationalen Armutsbericht für das vereinte Deutschland aus dem Jahr 1994 fortschreibt, blieben allerdings die Vermögensverhältnisse der Befragten unberücksichtigt.

Hanesch wies darauf hin, dass die Einkommensarmut in Deutschland trotz erheblicher Schwankungen zwischen 1985 und 1998 "relativ konstant" geblieben sei. In Ost und West sei Armut in der Regel "kein Dauerzustand", sondern trete vor allem zeitlich begrenzt auf. Durch staatliche Unterstützung wie die Sozialhilfe werde Einkommensarmut zwar um etwa zwei Drittel vermindert, nicht aber beseitigt.

Ursula Engelen-Kefer beklagte, auch in Deutschland gebe es das Problem der "arbeitenden Armen". Dazu trügen Beschäftigungsverhältnisse wie Scheinselbständigkeit, Leiharbeit oder befristete Jobs bei. Um dieses Phänomen und auch Lohndumping zurückzudrängen, forderte sie die generelle Festsetzung von Mindestlöhnen, die wie am Bau allgemein verbindlich sein müssten. Die DGB-Vize sagte, mit der Studie wolle man der Bundesregierung Anstöße zu dem von ihr für 2001 angekündigten ersten offiziellen Reichtums- und Armutsbericht geben.

DPWV-Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider wies darauf hin, dass fast 30 Prozent der Alleinerziehenden, gut 20 Prozent der Familien mit drei und mehr Kindern und 18 Prozent der Ausländer weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens hätten. Dass auch gut 14 Prozent der Kinder nach wie vor unter der Armutsschwelle lebten, sei "ein politisches Armutszeugnis", sagte Schneider und forderte eine "offensive Armutspolitik". Diese gelinge nicht "mit der Gießkanne". An die Union appellierte er, sich einer sozialen Grundsicherung im Alter im Rahmen der Rentenreform nicht zu verweigern.



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