Sozialpolitik Zivildienstleistende sind ersetzbar

Wie wichtig ist der Zivildienst für Deutschland? Kritiker fürchten gravierende Folgen für das Sozialsystem, sollte der Dienst ausgesetzt werden. Doch die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer sieht nach SPIEGEL-Informationen keine Probleme: Zivis könnten unter anderem durch Freiwillige ersetzt werden.

Zivildienstleistender im Uni-Klinikum Jena: Das öffentliche Bild stimmt nicht mehr
dpa

Zivildienstleistender im Uni-Klinikum Jena: Das öffentliche Bild stimmt nicht mehr


Hamburg - Kindergärten, Altenheime und Krankenhäuser: In diesen Einrichtungen arbeiten häufig Zivildienstleistende. Der Einsatz dauert künftig nur noch sechs Monate, außerdem prüft Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Aussetzen der Wehrpflicht - und damit auch des Zivildienstes. Darüber ist in den vergangenen Monaten heftig gestritten worden. Einige fürchten, den sozialen Trägern breche eine wichtige Stütze weg.

Doch dem ist offenbar nicht so: Nach SPIEGEL-Informationen wird eine Aussetzung die soziale Infrastruktur in Deutschland nicht beeinträchtigen. Zu dieser Einschätzung kommt die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer in einer Stellungnahme für das Bundesfamilienministerium. In den meisten Arbeitsbereichen lasse sich der Wegfall "angemessen kompensieren".

Derzeit seien nur knapp 40.000 Zivildienstleistende im Dienst, 1999 habe die Zahl noch bei über 145.000 gelegen. "Offensichtlich ist es gelungen, die sozialen Dienstleistungen, die vor gut zehn Jahren von über 100.000 Zivildienstleistenden erbracht wurden, zu ersetzen", heißt es in dem Papier. Heute machten die Zivis nur noch gut ein Prozent der Beschäftigten in den Einsatzbereichen aus.

Überschätzt wird nach Meinung des Geschäftsführers der Zentralstelle, Peter Tobiassen, auch der volkswirtschaftliche Nutzen des Dienstes. Würden von den bisher für den Zivildienst vorgesehenen 567 Millionen Euro im Bundeshaushalt nur 170 Millionen an die Bundesagentur für Arbeit gegeben, könnten damit 15.000 Ersatzarbeitskräfte bei gemeinwohlorientierten Einrichtungen in Pflegehilfe und Betreuungsdiensten finanziert werden, die bisher Zivis beschäftigen.

Ohnehin stimme das Bild des Rollstuhl schiebenden jungen Mannes nicht mehr. Gerade 400 Zivis würden derzeit in der individuellen Betreuung Schwerstbehinderter eingesetzt. Solche Plätze könnten auch mit Freiwilligen besetzt werden.

"Unreflektiertes 'Weiter so'"

Angestoßen wurde die Debatte durch einen Vorschlag des Verteidigungsministers. Guttenberg will das Aussetzen der Wehrpflicht prüfen - mehrere Modelle stehen zur Debatte. Im Herbst soll entschieden werden. Auf die Kritik mehrerer CDU-Ministerpräsidenten Ende Juli entgegnete der Verteidigungsminister: "Mit einem unreflektierten 'Weiter so' riskieren wir, plötzlich alternativlos nicht nur ohne Wehrdienst, sondern auch ohne Zivildienst dazustehen."

Auch der Bundesbeauftragte für den Zivildienst, Jens Kreuter, hatte sich dieser Meinung angeschlossen: "Wird die Wehrpflicht ausgesetzt, muss auch der Zivildienst ausgesetzt werden", sagte er. "Es wäre mit gravierenden Auswirkungen auf die soziale Infrastruktur zu rechnen." Dem hat nun die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer widersprochen.

kgp



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
kdshp 07.08.2010
1. aw
Zitat von sysopWie wichtig ist der Zivildienst für Deutschland? Kritiker fürchten gravierende Folgen für das Sozialsystem, sollte der Dienst ausgesetzt werden. Doch die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer sieht nach SPIEGEL-Informationen keine Probleme: Zivis könnten unter anderem durch Freiwillige ersetzt werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710687,00.html
Hallo, könnte mannicht H4-ler den job für nen euro machen lassen? Da gibts genügend fachkräfte die nach einer schnellschulung alzen leuten den selbigen abputzen könnten. Es ist ein witz das sich hier eine ganze branche auf billigkräfte eingestllt hat.
mavoe 07.08.2010
2. Ja
Zitat von sysopWie wichtig ist der Zivildienst für Deutschland? Kritiker fürchten gravierende Folgen für das Sozialsystem, sollte der Dienst ausgesetzt werden. Doch die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer sieht nach SPIEGEL-Informationen keine Probleme: Zivis könnten unter anderem durch Freiwillige ersetzt werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710687,00.html
es gibt ja heutzutage nun genug Hartz4er welche zu solchen absolut unangemessen unterbezahlten Jobs zwangsverpflichtet werden können. Und das dann zeitlich unbeschränkt. Falls sie keine Beziehungen haben, welche ihnen einen besserbezahlten Job vermitteln können. Nein Zivis brauchen wir nicht mehr, also auch keine Wehrpflicht mehr. Das ist aber ein anderes Thema.
rkinfo 07.08.2010
3. Überschaubare Kosten.
Zitat von sysopWie wichtig ist der Zivildienst für Deutschland? Kritiker fürchten gravierende Folgen für das Sozialsystem, sollte der Dienst ausgesetzt werden. Doch die Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer sieht nach SPIEGEL-Informationen keine Probleme: Zivis könnten unter anderem durch Freiwillige ersetzt werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,710687,00.html
Das ist sicherlich ein genauso guter Ansatz wie Freiwillige beim Bund. Wenn die min. 1 Jahr dort tätig sind ergeben sich sogar (erste) Ansprüche für Arbeitslosengeld. Bei ca. 40.000 heutigen Zivistellen und Umstellung auf 8€/h oder 12-14€/h für den Sozialträger würde dies alles ca. 1 Mrd. Kosten/a bedeuten. Bei der Bundeswehr wird sogar nur von 30.000 Freiwilligen gesprochen wobei ggf. mehr Arbeitstsunden (48h je Woche ? ) anzusetzen wären. Wie http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1022059 kann man sogar 'freiwilligen Wehrdienst' und Zeitsoldat kombinieren. Aus beiden Pools an Freiwilligen ergibt sich natürlich Potential Leute auch länger ansich zu binden für Sozialträger oder den Bund.
Zephira 07.08.2010
4. Wunder geschehen
Ein Deutschland ohne staatlichen Zwangsdienst für Menschen mit dem falschen Geschlecht? Kaum vorstellbar. Kommen wir doch noch im 20. Jahrhundert an? Man darf gespannt sein!
shatreng 07.08.2010
5. Billigere Arbeitskräfte
Die Einrichtung in der ich Zivi mache könnte ohne Zivis und 1€-Jobber schließen. Die neoliberale Politik der letzten Jahre, wodurch Gesundheitseinrichtungen nach marktwirtschaftlichen Kriterien geführt werden müssen, hat großartige Früchte getragen. Die Zahl der Zivis ist von 8 auf 15 angestiegen, parallel sind Menschen im Bereich Küche und Logistik entlassen worden. Die Gärtner wurden bis auf einen durch 1€-Jobber ersetzt.
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