Sparplan Krankenkasse zahlt Ärzten Prämie für Verschreibung von Billig-Arzneien

Millionen Patienten müssen sich auf neue Medikamente einstellen: In einem Rabattvertrag verspricht die AOK Ärzten dicke Prämien – wenn sie dafür Billig-Arzneien verschreiben. Patientenvertreter warnen vor Korruption, die Hersteller befürchten Lieferengpässe.


Hamburg/Berlin - Millionen von AOK-Versicherten müssen sich nach Informationen des SPIEGEL darauf einstellen, künftig Billig-Arzneien ganz bestimmter Hersteller verschrieben zu bekommen. Für chronisch Kranke könnte dies eine Umstellung von einem vertrauten auf ein neues Mittel bedeuten.

Medikamente beim Apotheker: 30 Prozent der Ersparnis für die Ärzte
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Medikamente beim Apotheker: 30 Prozent der Ersparnis für die Ärzte

Hintergrund ist ein neuer Rabattvertrag der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) in Baden-Württemberg mit bestimmten Herstellern. Wenn der Arzt ein Billig-Medikament verschreibt, soll er 30 Prozent der Ersparnis für sich behalten dürfen. Andere Krankenkassen könnten diesem Modell bald folgen.

Der Allgemeine Patientenverband kritisierte die Ärzte-Vergütungen. "Solche Kick-back-Geschäfte sind eine Verleitung zur Korruption", sagte Verbandschef Christian Zimmermann. "Das Geld sollte an die Patienten gehen." Geldprämien für die Verschreibung bestimmter Medikamente seien laut Berufsordnung der meisten Ärztekammern eigentlich verboten. Die AOK nutze jedoch eine Ausnahme: Die baden-württembergische Standesordnung verbietet nur, Vergünstigungen von Herstellern oder Händlern anzunehmen.

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte, der Gesetzgeber habe mit dem Arzneimittelsparpaket von 2006 den Weg zu hochwertiger und zugleich preiswerterer Medikamentenverschreibung geöffnet. Noch immer würden zu oft teure Arzneimittel verschrieben. Das belaste Beitragszahler und Wirtschaft

Dabei sehen selbst die Hersteller von Billig-Medikamenten die Regelung kritisch – wenn auch aus anderen Gründen. Der Verband Pro Generika warnt, dass es zu Lieferschwierigkeiten kommen könnte. Insgesamt ist der Rabattvertrag für 43 Wirkstoffe abgeschlossen worden. Zum Teil stammten die Produkte aber von exotischen Herstellern mit winzigen Marktanteilen, sagte Verbands-Geschäftsführer Hermann Hofmann der Nachrichtenagentur AP. Möglicherweise könnten die Hersteller nicht immer pünktlich und in ausreichender Menge liefern. Pro Generika erwartet deshalb, dass AOK-Versicherte bald zwei Mal zur Apotheke müssen, wenn der Apotheker die verschriebenen Mittel erst bestellen muss.

Weitere Kassen wollen folgen

Ziel der Rabattverträge ist es, die Ausgaben für Arzneimittel zu beschränken. Die Verträge gelten grundsätzlich nur für Mittel, die wirkungsgleich von mehreren Herstellern auf dem Markt sind. Grundsätzlich sind solche Rabattverträge zwischen Kassen und Herstellern schon seit Jahren möglich. Viele Kassen machen jedoch erst jetzt davon Gebrauch. So wollen nach dem Vorpreschen der AOK nun weitere Kassen folgen. Erst vor wenigen Tagen haben große Ersatzkassen Rabattverträge für wichtige Wirkstoffe ausgeschrieben. Kommen die Verträge zustande, sollen sie ab 1. April gelten.

Daneben gehen die Kassen auch andere Wege, um ihre Kosten zu senken. Teilweise haben die Versicherten sogar selbst etwas davon. Zum 1. April haben die Allgemeinen Ortskrankenkassen und die Deutsche Angestellten Krankenkasse neue Wahltarife angekündigt, mit denen Versicherte bis zu 600 Euro im Jahr sparen können. Es handele sich um Tarife mit Rückerstattungen, falls ein Versicherter keine oder wenige Leistungen in Anspruch nimmt, berichtet die "Bild"-Zeitung. "Jeder AOK-Versicherte kann sein individuelles Versorgungs- und Tarifangebot wählen", sagte der Chef des AOK-Bundesverbands, Hans Jürgen Ahrens, dem Blatt.

Wahltarife - ebenso wie zahlreiche andere neue Modelle - werden mit der am 1. April in Kraft tretenden Gesundheitsreform erstmals für alle Versicherten möglich. Fast alle Krankenkassen haben angekündigt, an der Umsetzung der neuen Modelle zu arbeiten.

wal/AP/ddp



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