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05. Juni 2008, 10:26 Uhr

SPD

Adieu, du altes Trampolin!

145 Jahre hat sie sich wacker gehalten - jetzt scheint die SPD auf dem Weg des unaufhaltsamen Niedergangs: Die Sozialdemokratie ist nicht zu retten, meint Henryk M. Broder und empfiehlt den Kauf von SPD-Memorabilia - um wenigstens die Erinnerung an die einst stolze Partei zu retten.

Berlin - Die SPD ist im Begriff, das von der FDP angestrebte Traumergebnis von 18 Prozent zu erreichen, wenn auch aus der anderen Richtung. Das ist kein Grund zur Schadenfreude, denn ohne eine starke und funktionierende Sozialdemokratie kann eine soziale Demokratie nicht gut funktionieren; andererseits gibt es im Bundestag, mit Ausnahme der FDP, nur noch sozialdemokratische Parteien, die unter den Logos von CDU, CSU, Grüne und Linke firmieren, so dass mit der Auflösung der Ur-Marke SPD kein allzu großer Schaden verbunden wäre.

Mit wehenden Fahnen: Die SPD im Abwärtstrend
DDP

Mit wehenden Fahnen: Die SPD im Abwärtstrend

Die Gründe für den langsamen aber unaufhaltsamen Niedergang der SPD sind an dieser Stelle bereits analysiert worden, unter anderem von Franz Walter, der diese Entwicklung weise vorausgesagt hat. Sie ist so organisch wie das Aussterben der Dinosaurier oder der karibischen Spitzmaus. Angeblich verschwinden auf der ganzen Welt täglich 150 Tier- und Pflanzenarten. Jetzt ist eben die SPD an der Reihe. Immerhin hat sie sich 145 Jahre wacker gehalten, länger als jede andere deutsche Partei. Und wenn man überlegt, wie klein sie 1863 als der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV)" angefangen hat, kann man den Erben von Ferdinand Lassalle die Anerkennung nicht versagen.

Doch nun heißt es, Adieu sagen und sich auf eine Zukunft ohne die SPD vorbereiten. Für uns ältere Sozialdemokraten, die wir uns noch an Erich Ollenhauer, Karl Schiller, Herbert Wehner und Heinz Kühn erinnern können, die wir mit einem Fiat 500 zu viert von Köln nach Frankfurt gerast sind, um dort eine Vorlesung von Carlo Schmid ("Kater Carlo") zu stören und die wir mit der Ausrede vom "kleineren Übel" zähneknirschend zu den Wahlen gegangen sind, ist das trotz allem ein sentimentaler Moment.

Nur noch fleißige Ministranten

Wir haben den "Vorwärts" zwar nicht gelesen, aber aus Solidarität abonniert. Wir haben Günter Grass zugejubelt, als er uns zurief: "Ich rat Euch, SPD zu wählen!" Wir nahmen der SPD nichts übel, nicht einmal die Koalition mit der CDU unter Kiesinger, weil wir von der Notwendigkeit historischer Kompromisse überzeugt waren. Wir haben "Willy, Willy" gerufen und Gerhard Schröder sogar die Brioni-Nummer verziehen, weil wir keine knurrigen Spaßbremsen sein wollten. Und darüber haben wir übersehen, wie die SPD stückweise Harakiri beging, wie sie sich arrangierte, verbog und verzog, um es allen recht zu machen. Spätestens mit dem Umstieg von Gerhard Schröder aus dem Bundeskanzleramt in die Direktion der Gasprom hätte uns klar werden müssen, wozu die SPD am besten taugt: Als Trampolin in die Beletage der Gesellschaft, wo dicke Zigarren geraucht und fette Abfindungen ausgehandelt werden.

Und nachdem alle, die was können und was taugen, sich ins Privatleben oder in die Wirtschaft zurückgezogen haben, sind nur noch die fleißigen Ministranten übrig geblieben: Frau Ypsilanti, die ihren eigenen Wahlsieg vergeigt hat, Olaf Scholz, der mit dem Charisma eines Schalterbeamten agiert, Hubertus Heil, der beim Sprechen den Mund kaum aufmacht, und Kurt Beck, dem man es ansieht, dass er sich selbst nicht wählen würde, wenn man ihm die Wahl ließe. Gut, bei der CDU ist das Personal auch nicht besser, aber die haben wenigstens Angela Merkel, die allen anderen die Schau klaut, weil sie ihren Job professionell erledigt.

Alles aufkaufen, was im SPD-Shop angeboten wird

Alles, was wir ältere Sozialdemokraten derzeit machen können, ist das: uns darauf einstellen, dass wir unseren Enkelkindern eines Tages sagen werden: "Ja, wir haben die SPD noch erlebt, wir waren dabei, als Willy Brandt gestürzt und Gerhard Schröder gewählt wurde, wir können uns sogar an eine junge und ständig hyperventilierende Frau namens Andrea Nahles erinnern, die Franz Müntefering als Parteivorsitzenden abgeschossen hat, um anschließend zur stellvertretenden Vorsitzenden aufzusteigen. Wir wissen sogar noch, wer Rudolf Scharping war, bevor er der Vorsitzende des Bundes Deutscher Radfahrer wurde."

Wir sollten sofort damit anfangen, eine audiovisuelle Sammlung von SPD-Memorabilia anzulegen, indem wir täglich die "Tagesschau" und das "heute journal" aufzeichnen, um all die Statements der SPD-Politiker der Nachwelt zu erhalten, in denen sie uns versichern, dass es der SPD so gut geht wie nie zuvor.

Und wir sollten alles aufkaufen, was im SPD-Shop angeboten wird. "Stimmungsvolle Windlichter" aus Glas ("Hier geht Euch ein Licht auf!"), sechs Stück zu 29 Euro; einen roten SPD-Toaster für 27,60 Euro, der die magischen drei Buchstaben auch auf die Brotscheiben brennt; SPD-Windjacken, SPD-Badeschuhe, SPD-Basecaps, SPD-Thermoskannen, SPD-Pustefix, das SPD-Riesen-Seifenblasen-Spiel für Kinder- und Sommerfeste, SPD-Windmühlen aus Hart-PVC und SPD-Proviantdosen für den langen Marsch in eine entsorgte Zukunft. Alle diese Artikel werden eines Tages viel wert sein, wie die Devotionalien der SED oder die bunten Eierbecher aus dem VEB "Sonja Plastik", die heute unter Sammlern gehandelt werden.

Nehmen wir es mit Würde und mit Gelassenheit. Die SPD ist nicht zu retten. Retten wir also unsere Erinnerungen an die SPD.

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