SPD Bayern Die letzte Hoffnung ist aus Filz

Wir haben keine Chance - nutzen wir sie. Selten hat dieser Sponti-Spruch besser gepasst als auf eine kleine radikale Minderheit im Süden der Republik. Sozialdemokraten nennt sich das kleine chronisch erfolglose Grüppchen in Bayern. Nun wollen sie mit einem Wahlspot die übermächtige CSU das Fürchten lehren.

Von Lars Langenau


Hat dem Filz in Bayern den Kampf angesagt: Wahlspot der SPD

Hat dem Filz in Bayern den Kampf angesagt: Wahlspot der SPD

Hamburg - Am Donnerstag versammelten sich Bayerns Parlamentarier zur letzten Landtagssitzung dieser Legislaturperiode im Maximilianeum. Für mehr als 50 der 204 Abgeordneten bedeutete dieser Tag den endgültigen Abschied vom Landtag. Angesichts ernüchternder Umfrageergebnisse sind gerade die Sozialdemokraten ziemlich desillusioniert. Von der Wahl am 21. September erwarten sie nicht mehr viel. Manche haben schon jegliche Hoffnung fahren lassen.

So meint der 58 Jahre alte stellvertretende Vorsitzende im Agrarausschuss zwar, dass er nun "in einem guten Alter für einen Ministerposten" sei. Aber Gustav Starzmann ist auch Realist: Er erwarte nicht, dass die Regierungsverantwortung auf die bayerische SPD zukommt. "Die neuen Herausforderungen muss jetzt die nächste Generation angehen."

Für diejenigen, die in den Wahlkampf professionell eingebunden sind, wirken die Umfragewerte eher wie ein Signal, die Schlagzahl auf der Galeere SPD noch weiter zu erhöhen. Und das, obwohl sie seit Monaten schon bis zu 17 Stunden täglich für ihre Partei arbeiten. Doch nach der letzten verfügbaren Umfrage würden die Genossen gerade einmal bei 22 Prozent landen. Da hilft offenbar auch kein furchtbar netter Spitzenkandidat und keine eigens eingerichtete Wahlkampforganisation namens Kampa.

Die Bayern fühlen sich wohl, und so soll es bleiben. Warum sollte man sich also ernsthaft mit der Abwahl der Regierungspartei beschäftigen?

Derzeit liegen die Sozialdemokraten sogar noch deutlich unter ihrem Ergebnis von 1998: Mit Renate Schmidt im Dirndl und ohne Kampa erzielte man damals immerhin noch 28,7 Prozent. Doch vor fünf Jahren gab es auch noch Rückenwind aus Berlin, Schröder war immerhin ein frischer, unverbrauchter Kandidat für die kurz darauf folgende Bundestagswahl.

Doch diesmal scheint die Bundespartei nur Gewitterfronten auszusenden, die es möglich machen könnten, dass ihre Landesgliederung zur Splitterpartei wird.

Alles sieht danach aus, als könnten die Christsozialen ihren Vorsprung noch weiter ausbauen: Bei der letzten Landtagswahl landeten sie bei 52,9 Prozent, nun könnten sie gar 60 Prozent erreichen. Mit so einem Ergebnis wäre auch Franz Josef Strauß stolz auf Edmund Stoiber.

Oberstes Wahlziel: Schadensbegrenzung

Furchtbar netter Spitzenkandidat: Franz Maget
DPA

Furchtbar netter Spitzenkandidat: Franz Maget

Im Grunde geht es also den bayerischen Sozialdemokraten im Jahre 2003 nicht darum, einen Wechsel zu erreichen, wie es etwa CDU und Schill in Hamburg erfolgreich gegen eine verknöcherte SPD im Stadtstaat schafften. Oder eben die SPD im Bund gegen einen ausgelaugten Helmut Kohl.

In Bayern geht es nur noch um Schadensbegrenzung. An einen Wechsel glaubt selbst der SPD-Fraktionschef im Landtag und Spitzenkandidat Franz Maget nicht. Für Bayern komme es vielmehr darauf an, mit der Opposition auch die Demokratie zu stärken. Man will man in Bayern mittlerweile nur noch eine "Zwei-Drittel-Mehrheit verhindern", sagt Kampa-Chef Rüdiger Hahn zu SPIEGEL ONLINE.

Da sein Slogan "Bayern gewinnt" bei den potenziellen Wählern bislang nicht so gezogen hat, wie er sich das erhofft hat, greift Hahn die CSU nun an einer empfindlichen Stelle an. Zumindest würde das der aus Bonn an die Isar geholte Wahlkampfspezialist gerne glauben.

Mit einem letzen Quäntchen Hoffnung heißt es nun im einzigen Wahlfilmchen der SPD: "Viel Macht bringt viel Filz." Der Spot zeigt eine rote Schere, die sich durch das Dickicht der "Spezl-Wirtschaft" arbeitet, und fordert eine starke SPD als Korrektiv. Der Werbefilm soll in insgesamt 222 bayerischen Kinos gezeigt werden. Die SPD-Wahlkampfzentrale will damit über ein Viertel der bayerischen Bevölkerung erreichen. "Wir wissen, dass unsere Wähler öfter ins Kino gehen als die CSU-Wähler", meint Wahlkampfmanager Hahn.

SPD-Spitzenkandidat Maget selbst taucht in dem Werbefilm nicht auf. "Ich glaube nicht, dass die Wähler erfreut wären, wenn ich ihnen im Film eine Rede halte", sagt er.

Gleichzeitig erscheint ein 121 Seiten umfassendes Buch im Filzeinband unter dem Titel "Filzgeschichten": Mit 26 Berichten über Amigos wie Karlheinz Schreiber und Holger Pfahls versucht das kleine Büchlein, dem "blonden Fallbeil" Edmund Stoiber die Durchschlagskraft zu nehmen.

Doch auch einem Ministerpräsidenten Strauß hingen schon unglaublich viele Skandale und Skandälchen an. Geschadet hat ihm das nie. Viel Feind - viel Ehr', meint der Bayer und wählt unverdrossen CSU. Vielmehr scheinen solche Vorwürfe und selbst nachgewiesener Filz schon immer den bajuwarischen Trotz gestärkt zu haben. Offenbar kam verschrobene Volkstümlichkeit ("Laptop und Lederhose") schon immer den Amtsinhabern entgegen.

Und was kann schon ein Wahlspot in einem Land verändern, in dem etwa Dachauer CSU-Kommunalpolitiker Hunderte Wahlzettel zu Gunsten ihrer Partei manipulieren, ihr Tun allerdings öffentlich wird und die Übeltäter tatsächlich verurteilt werden, die Wähler dann aber bei einer Wahlwiederholung der CSU trotzdem nur verschwindend geringe Stimmenverluste zufügen?

Eigentlich nichts. Es sei denn, die SPD hofft auf eine neue, noch nicht CSU-infizierte Wählergeneration. Doch die muss wohl erst noch gezeugt werden.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.