SPD-Bundestagsmandat Münte-Vertrauter Wasserhövel kämpft in eigener Sache

Münteferings rechte Hand Kajo Wasserhövel strebt in den Bundestag. Wie Steinmeier vor ihm muss der trockene SPD-Bundesgeschäftsführer die Arbeit als Volksvertreter erst üben. An der Basis in Treptow zeigte er, was er von Müntefering gelernt hat.

Von , Treptow


Berlin - Die meisten Stuhlreihen in der Aula sind leer, die Dekoration ist auf ein Minimum beschränkt: Am Geländer hängt eine SPD-Fahne, auf dem Tisch steht ein SPD-Wimpel. Das muss als Erkennungszeichen reichen. Am Tisch sitzen drei Herren. Sie wollen den Wahlkreis Treptow-Köpenick im Bundestag vertreten. Doch nur einer kann nominiert werden. Sie sind hier, um sich der Basis vorzustellen.

Der erste sagt, er sei vor 30 Jahren im Bezirk geboren worden und hier aufgewachsen. Er sehe die Zukunft des Bezirks in der Forschung und wolle sich im Bundestag als "Türöffner" betätigen.

Kajo Wasserhövel: Tritt aus dem Schatten Münteferings - und will seine eigene öffentliche Identität entwickeln
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Kajo Wasserhövel: Tritt aus dem Schatten Münteferings - und will seine eigene öffentliche Identität entwickeln

Der zweite sagt, er komme aus Soltau-Fallingbostel in Niedersachsen und habe daher Erfahrung mit zusammengelegten Kreisen, die keine gemeinsame Identität hätten. Als Abgeordneter würde er sich "für mehr Gemeinschaftsgefühl" in Treptow-Köpenick einsetzen.

Dann spricht der dritte: Er stamme aus Westfalen und habe "für und mit Franz Müntefering gearbeitet". Er glaube, dass es im Wahlkampf auf die Themen ankommen werde, die auch auf Bundesebene eine Rolle spielten. Und vor allem gehe es darum, Gregor Gysi das Direktmandat abzunehmen.

Da kommt zum ersten Mal so etwas wie Stimmung im Saal auf, spontan wird geklatscht. Kajo Wasserhövel, Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager der SPD, wirkt erleichtert. In gewisser Weise ist der Auftritt in der Grundschule in Schöneweide an diesem Dienstag abend seine bisher größte Bewährungsprobe. Schwieriger als das Duell um den Posten des SPD-Generalsekretärs vor drei Jahren, das er gegen Andrea Nahles verlor.

Denn es ist das erste Mal, dass Wasserhövel sich unter der schützenden Hand des großen Franz Müntefering hervorwagt. Als rechte Hand und Chefstratege war Wasserhövel dem Sauerländer in den vergangenen Jahren von Ministerium zu Ministerium, von Parteizentrale zu Parteizentrale gefolgt. Müntefering hat ihn zum Abteilungsleiter, Bundesgeschäftsführer, Wahlkampfmanager und Staatssekretär gemacht. Nun will Wasserhövel aus eigener Kraft Bundestagsabgeordneter werden und eine eigene öffentliche Identität entwickeln.

Der Ort für diese Verwandlung soll Treptow-Köpenick sein, weil der Bezirk im Berliner Südosten ein sicherer SPD-Wahlkreis war, bevor Gregor Gysi 2005 das Direktmandat für die Linkspartei gewann. Daran kann man anknüpfen, ist Wasserhövel überzeugt. Natürlich würde er nie zugeben, dass strategische Überlegungen den Ausschlag gegeben haben. Er sei von Genossen aus Treptow-Köpenick angesprochen worden, lautet die offizielle Version.

Dabei ist es üblich, dass für prominente Bundespolitiker ein Wahlkreis irgendwo in der Republik gesucht wird. Häufig fühlen die Ortsverbände sich geehrt - so war es bei Frank-Walter Steinmeier, der in Brandenburg mit offenen Armen empfangen wurde. Doch müssen externe Kandidaten auch gegen den Vorwurf kämpfen, sie benutzten den Wahlkreis nur als Sprungbrett für die eigene Karriere. Oswald Metzger weiß davon ein Lied zu singen: Der zur CDU gewechselte ehemalige Grüne ist bei der Wahlkreissuche in Baden-Württemberg bereits zweimal am lokalen Widerstand gescheitert.

Taugt ein Technokrat zur Galionsfigur?

Auch für Wasserhövel könnte es eng werden, wenn eine Stimmung gegen den Müntefering-Intimus aus der Zentrale entstünde. Danach sieht es jedoch bisher nicht aus. Wasserhövel sagt, er habe in den vergangenen drei Wochen gute Gespräche im Bezirk geführt. Die Berliner SPD-Landesspitze steht hinter ihm, weil sie sich einen direkten Draht zu Müntefering und Steinmeier verspricht - auch wenn der Landesverband sich offiziell in das Rennen nicht einmischen will.

Die Veranstaltung in der Aula ist die erste von drei Regionalkonferenzen. Am 5. Dezember dann soll eine Wahlkreiskonferenz den Kandidaten küren. Der Kreisvorsitzende erinnert die Genossen in Schöneweide daran, dass man auf der Suche nach einer neuen "Galionsfigur" sei.

Taugt ein Technokrat zur Galionsfigur? Das ist die Frage, die auch Steinmeier immer gestellt wurde. Wie Wasserhövel war der Außenminister lange Jahre der ergebene zweite Mann hinter einem anderen. Steinmeier hat es geschafft, aus dem Schatten Gerhard Schröders zu treten und zum Kanzlerkandidaten gekürt zu werden - auch wenn er bei seinen Auftritten immer noch wie eine Schröder-Kopie wirkt.

Auch Wasserhövel hat sich viel von seinem Mentor abgeschaut, das wird bei seinem ersten Auftritt als Politiker deutlich. Zackig wie Münte redet er, konzentriert, strukturiert und kämpferisch. Eindringlich betont er, dass ein erfolgreicher Wahlkampf mit dem eigenen Selbstbewusstsein beginne.

Wasserhövel versucht gar nicht erst, so zu tun, als wäre er im Bezirk verwurzelt. Er weiß, dass das unglaubwürdig wäre. Im Unterschied zu den beiden anderen wohnt er nicht mal hier - wie übrigens auch Gysi nicht. Stattdessen präsentiert er sich als Wahlkampf-Profi, der genau weiß, wie man den Wahlkreis für die SPD zurückerobern könnte. Darauf komme es an, lautet seine Botschaft. Und er spielt seinen größten Trumpf aus: Wenn man als Abgeordneter im Bundestag für seinen Wahlkreis etwas erreichen wolle, dann komme es darauf an, dass man die Wege und Zusammenhänge kenne. "Die Wege müssen kurz sein", sagt er. "Ich bin Bundesgeschäftsführer und damit in der inneren Parteiführung drin. Das halte ich für einen Vorteil".

Daneben wirkt die Konkurrenz lahm. Der geborene Treptower Oliver Igel kann zwar mit Ortskenntnis punkten, doch er scheint sich von seiner Funktion als ehrenamtlicher Fraktionsvorsitzender in der Bezirksverordnetenversammlung nicht recht freimachen zu können - so sehr bleibt er im Lokalen verhaftet. Der zugezogene Ralf Thies verliert sich in weitschweifigen Exkursen über die Großthemen Bildung und Armut. Und er druckst herum, als es um seinen Beruf geht: Im Auftrag einer Bank bringe er "Menschen zusammen, um Lösungen zu finden". Mit anderen Worten: Er ist Hauptstadt-Lobbyist - auf der sozialdemokratischen Beliebtheitsskala eher am Ende anzusiedeln.

Doch sollte Wasserhövel sich nicht zu früh freuen. Siegesgewissheit oder gar Arroganz können nach hinten losgehen, wie der Fall Metzger zeigt. Allerdings ist Wasserhövel ein ganz anderer Typ als Metzger: Kein schillernder Talkshow-Politiker, sondern unauffällig und bescheiden. Er sei "nicht in die bundespolitischen Zusammenhänge hineingeboren worden", sagt er fast entschuldigend.

Dennoch bleiben Fragen. Ein Genosse in Schöneweide ist skeptisch, ob die Kandidaten sich nach der Wahl auf die Wahlkreisarbeit konzentrieren könnten oder noch "Nebenjobs" hätten. Das zielt vor allem auf den vielbeschäftigten Wasserhövel. Thies und Igel versichern, sie würden sich voll und ganz auf ihre Arbeit als Abgeordnete konzentrieren. Wasserhövel sagt, er werde Bundesgeschäftsführer der SPD bleiben. Das sei aber kein Nachteil, sondern "ein Pfund". Die Wahlkreisarbeit werde nicht leiden, verspricht er.

Künftig wird er wahrscheinlich erst recht überarbeitet aussehen.



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Seite 1
SaJaSen 12.09.2008
1.
Sorry, aber hätte man nicht im alten Thread weiter diskutieren können? Zum Thema: Schaut man sich die vergangenen Erfolge der SPD unter Brandt, Schmidt und Schröder an, so war der Wechsel an der Parteispitze notwendig und mit Steinmeier und Müntefering sind die Chancen zur CDU aufzuschließen wieder gewachsen. Wahlen werden nicht durch eine Klientenpolitik gewonnen - wie es die Linke versucht - sondern dadurch dass man versucht die Mehrheit der Wähler politisch zu erreichen und anzusprechen. Es geht darum die Wechselwähler, die traditionell zwischen SPD, FDP und CDU wechseln politisch zu überzeugen, dass die Konzepte der SPD besser sind als die der konkurrierenden Parteien. Dies traue ich Steinmeier und Müntefering zu, da diese integrativ wirken und nicht wie die SPD-Linke und die Linke auf den Klassenkampf setzen, der in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist.
Coolie, 12.09.2008
2.
Zitat von sysopDer Kanzlerkandidat ist gekürt, Franz Müntefering ist zurück und sogar ex-Kanzler Schröder mischt bei der SPD wieder mit. Ist die Partei nun aus der Krise und gut aufgestellt für künftige Wahlkämpfe?
Nein. Jedenfalls ist bisher nichts in dieser Richtung zu entdecken. Wer gestern zufällig die Sendung "Maybritt Illner" gesehen hat, durfte feststellen, dass die Gräben zwischen den "Seeheimern" und den "Linken" in der Partei noch nie so tief waren. Wenn die SPD es nicht schafft, ein Wahlprogramm auf die Beine zu stellen, in dem der Schwerpunkt auf bezahlbare, soziale Gerechtigkeit liegt, dann siehts düster aus.
venicius 12.09.2008
3.
Zum erneuten Richtungswechsel der SPD hin zur Mitte (nach Rechts): MMn ist diese Wendung hin nach Rechts das einzig Vernüntige, was die SPD in dieser Situation tun kann. Sie hat große Anteile der Wählerschaft an die LINKE verloren. Die CDU ist unverändert stärkste Partei. In dieser Situation zu versuchen, von der LINKEN die alten Wählerschaften wieder zurück zu gewinnen würde an der Gesamtsituation nichts ändern, sondern nur innerhalb der Blöcke Verschiebungen bedeuten. Die rechtskonservative Mitte stünde dem unverändert stark gegenüber und bedeutete keine Veränderung innerhalb der Parteieinlandschaft. Einzig vernünftiger Weg kann für die SPD also nur sein, sich weiter zur Mitte (nach Rechts) zu begeben und zu versuchen, neue Wähler von CDU und FDP zu sich herüber zu ziehen, und so das konservative Lager zu schwächen. Ideal wäre die Herbeiführung einer Spaltung der CDU, wie es innerhalb der SPD geschehen ist. Der aktuelle Wahlkampf in Bayern und die vorgebliche Sozialdemokratisierung der CSU macht deutlich, dass dies nicht unmöglich ist. Der Kurs der SPD ist also daher vernünftig, weil mit der Rückeroberung der nun LINKEN Wähler weiterhin keine Wahlen/Macht zu gewinnen ist. Dies erscheint nur möglich durch Schwächung der CDU/FDP und vergrößerung der Rechts-SPD in diese Richtung. Dass die CDU diese Gefahr erkannt hat wird dadurch deutlich, dass selbst hier eine aus CDU-Kreisen zumindest kritisierte Sozialdemokratisierung stattgefunden hat. Die Stärkung der LINKEN hat also zu einem Auseinanderreißen der SPD geführt. Die SPD musste sich, um künftig Aussicht auf Wahlerfolge zu haben nach Rechts wenden und hier Kompetenzen gewinnen. Um dem stand zu halten versucht die CDU sich gleichsam nach Links zu wenden, wogegen sich der rechts CDU-Flügel zu wehren versucht. Gleichsam wird der rechts CDU-Flügel versuchen, die Partei weiter nach Rechts zu ziehen, während der linke Flügel den konservativen Kompetenz-Angriff der SPD abzuwehren hat. Weitere Linkspolitik der SPD wäre also langfristig gesehen nicht produktiv. Die SPD könnte hierbei nichts gewinnen, sondern lediglich alte Verluste rückgängig zu machen versuchen, was die alten Verhältnisse mit einer moderat schwachen Linken gegenüber einer starken konservativen Mitte nur wiederherstellen würde. Ein möglicher Gewinn liegt für die SPD nur dort, wo sie die Konservative Mitte und damit CDU/FDP schwächen und für ihr eigenes Lager gewinnen kann. Daher ist die Wendung der SPD hin nach Rechts nur konsequent und einzig erfolgversprechend, daher einzig logischer Schritt. Ich bin ganz bestimm kein Anhänger der SPD, um das mal klarzustellen. Die Sympathien, die ich weiterhin in geringem Maße für sie hege, stammen eher aus ihren historischen Wurzeln und der Tradition. Vielleicht nennt man es bestenfalls Nostalgie. Ich nehme eben auch an, dass die hier gefällte Entscheidung für den Rechts-Kurs eine langfristige Strategie beinhaltet. Münte ist kaum noch an Regierung, Amt und Würden interessiert. Möglicherweise interessiert ihn sein historisches Ansehen und sein Platz in der Geschichte der Partei und der BRD. Dass die SPD-Führung nicht sehenden Auges und in vollem Bewusstsein unbeirrt dem Untergang ihrer Partei entgegengeht und damit dem absoluten Tiefpunkt und der entsprechenden historischen Bewertung ihres historischen Erbes und Ansehens anvisiert, sollte eigentlich jedem hier klar sein müssen.
tzscheche, 12.09.2008
4. No Future !
Zitat von sysopDer Kanzlerkandidat ist gekürt, Franz Müntefering ist zurück und sogar ex-Kanzler Schröder mischt bei der SPD wieder mit. Ist die Partei nun aus der Krise und gut aufgestellt für künftige Wahlkämpfe?
In der Geschichte nennt man sowas wohl Gegenreformation:-) oder besser:Konterrevolution:-)) Dass die abgewrackte und zerrissene SPD ihre alte Wahlkampfmaschine wieder rausholt ist im Grunde traurig, zeigt es doch, wie nachhaltig die Partei ausgeblutet ist. Erschreckend ist doch, wie wenig Zukunftsperspektive sich in diesen jüngsten "Entscheidungen" ausdrückt. Wenn jetzt Leute wie Struck von "Neuanfang" reden, klingt das für mich fast schon zynisch...
Henner Dehn, 12.09.2008
5.
Zitat von SaJaSenSorry, aber hätte man nicht im alten Thread weiter diskutieren können? Zum Thema: Schaut man sich die vergangenen Erfolge der SPD unter Brandt, Schmidt und Schröder an, so war der Wechsel an der Parteispitze notwendig und mit Steinmeier und Müntefering sind die Chancen zur CDU aufzuschließen wieder gewachsen. Wahlen werden nicht durch eine Klientenpolitik gewonnen - wie es die Linke versucht - sondern dadurch dass man versucht die Mehrheit der Wähler politisch zu erreichen und anzusprechen. Es geht darum die Wechselwähler, die traditionell zwischen SPD, FDP und CDU wechseln politisch zu überzeugen, dass die Konzepte der SPD besser sind als die der konkurrierenden Parteien. Dies traue ich Steinmeier und Müntefering zu, da diese integrativ wirken und nicht wie die SPD-Linke und die Linke auf den Klassenkampf setzen, der in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist.
Ausser einen abgetauchten Steinmeier bei den wichtigen Fragen konnte ich da bisher nichts feststellen.
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