Chefsuche bei der SPD Die Häme kam verfrüht

Das Verfahren, mit dem die SPD ein neues Führungsduo finden will, funktioniert. Ein klarer Favorit ist aber noch nicht in Sicht. Teams, Taktik, Aufreger - der Spielbericht zur vierten Regionalkonferenz.

SPD-Regionalkonferenz in Bremen: Drei Kandidaten-Duos für den Parteivorsitz
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SPD-Regionalkonferenz in Bremen: Drei Kandidaten-Duos für den Parteivorsitz

Aus Bremen berichtet


Spielstätte

Das Bürgerzentrum Neue Vahr im Bremer Osten. Der Stadtteil Neue Vahr wurde in den 60er Jahren als größtes Bauvorhaben in Europa am Reißbrett geplant und avancierte zum Inbegriff sozialdemokratischer Wohnungsbau-Politik der Sechzigerjahre. Heute kämpft der Stadtteil mit zahlreichen Problemen. Viele der knapp 20.000 Bewohner sind arbeitslos und leiden unter Armut, die Zahl der Hartz-IV-Empfänger ist exorbitant hoch. Rund 50 Prozent der Bürger haben einen Migrationshintergrund. Die große Idee vom schönen neuen Wohnen ist mit den Jahrzehnten, vorsichtig formuliert, arg verblasst. So ist das ja oft mit einst großen Ideen. Womit wir bei der deutschen Sozialdemokratie wären.

Ausgangslage

Dass die Partei nun in einem fünfmonatigen Prozess ein neues Führungsduo sucht, ist ihrer extremen Notlage geschuldet. Dass ganze sieben Teams und ein Einzelbewerber zur Wahl stehen und am Ende die Basis entscheiden darf, ebenfalls. Erst der buchstäbliche Kampf ums Überleben hat die Partei bewogen, einmal alles anders zu machen.

Vor Beginn der insgesamt 23 Regionalkonferenzen war der Spott gewaltig. Nach den ersten vier Veranstaltungen muss man sagen: die Häme war verfrüht. Die Veranstaltungen funktionieren, sie sind kurzweilig, erfrischend und lassen sogar Raum für ein paar Inhalte. Und die Basis beweist, dass diese Partei noch weit lebendiger ist als ihr blasses Führungspersonal zuletzt vermuten ließ. Nach Saarbrücken kamen 700 Genossen, nach Hannover 850, nach Bernburg (Saale) kamen weit mehr Interessierte als Stühle vorhanden waren - ins Bürgerzentrum Neue Vahr ebenfalls.

Aktueller Spielstand

Eine seriöse Prognose über den Ausgang des Rennens lässt sich nicht geben. Repräsentative Umfragen bei den rund 420.000 stimmberechtigten Genossen liegen glücklicherweise nicht vor. Man darf sich also ganz auf Auftritt und Inhalt der Bewerber konzentrieren. Auch das macht die Sache spannend und Interessant.

Die (sehr mutmaßlichen) Favoriten

In den ersten vier Regionalkonferenzen haben sich vor allem zwei Teams in den Vordergrund gedrängt, die zu Beginn nicht alle auf der Rechnung hatten. Michael Roth und Christina Kampmann sind nicht nur die jüngsten Bewerber im Feld, sie präsentieren sich auch so betont frisch und dynamisch, als handele es sich um eine Castingshow auf ProSieben. Für ältere Genossen mag ihre Dauergutgelauntheit verstörend wirken, habituell war die SPD schließlich lange chronisch griesgrämig unterwegs. Doch nicht nur die Jüngeren finden offenkundig Gefallen an dieser neuen Art. Kampmann und Roth erhalten viel Applaus. Zudem vermitteln die den Eindruck, wirklich siegen zu wollen. Kein zweites Paar scheint sich so Gagschreiber-mäßig auf die Auftritte vorzubereiten. Heraus kommen Pointen wie: "Die SPD ist ja der Claudio Pizarro der Parteienwelt" oder "Demokratie ist kein Pizzadienst".

Kandidaten-Duo Michael Roth und Christina Kampmann
Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Kandidaten-Duo Michael Roth und Christina Kampmann

Den lautesten Applaus erhielt (auch) in Bremen Karl Lauterbach für seine knallharte Absage an die aktuelle Bundesregierung. "Wir müssen raus aus der Großen Koalition. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren." Lauterbach und seine Mitbewerberin, die Umweltexpertin Nina Scheer, sind die einzigen Kandidaten, die die Basis noch Ende des Jahres über einen sofortigen Ausstieg abstimmen lassen und eine klare Ausstiegsempfehlung geben wollen. Damit scheinen sie nicht nur bei einer Minderheit einen Nerv zu treffen

Vizekanzler Olaf Scholz und Bewerbungspartnerin Klara Geywitz muss man ebenso auf der Rechnung haben wie die sächsische Staatsministerin für Integration, Petra Köpping, und Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius. Beide Polit-Paare zählen zum konservativeren Teil des Bewerberfeldes. Sie sorgen bei den Konferenzen selten für Jubelstürme. Man darf aber davon ausgehen, dass ihre Prominenz, ihre Unaufgeregtheit und die dadurch verkörperte Grundsolidität von vielen Mitgliedern der Basis geschätzt werden. Die wenigsten von Ihnen werden auch nur eine der 23 Regionalkonferenzen besuchen.

Kontroverse der Partei

War auch in Bremen die Frage, welches Team eher in der Großen Koalition bleiben und welches sie vorzeitig verlassen will. Kurz nach Lauterbachs deutlicher Absage an das Bündnis, reagierte Boris Pistorius mit einer feinen Spitze. "Wir brauchen eine Fantasie, die weiter reicht als die Frage, ob wir ein Jahr früher aus der Großen Koalition aussteigen oder nicht." Auch diese Aussage kam im Publikum gut an. Während Ralf Stegner bekundete, dass sich eine Partei, die sich über Koalitionen definiere, klein mache, will Olaf Scholz den Verbleib von den anstehenden Verhandlungen über Klimaschutz und die Grundrente abhängig machen. Die K-Frage wird den Wettbewerb weiter prägen.

Kurzer Kassensturz

Alle Teams hatten prima Ideen für eine gerechtere Gesellschaft im Angebot. Mit der Gegenfinanzierung wollten sich die Kandidaten indes nicht groß aufhalten. Hätte es im Saal eine Registrierkasse gegeben, hätte diese andauernd gebimmelt. Und am Ende hätte eine Hunderte Milliarden schwere Rechnung gestanden.

Satz des Tages

Kam von Ralf Stegner, der an der Seite von Gesine Schwan bislang fest gewillt scheint, seine inoffizielle Rolle als Sinnbild des sozialdemokratischen Elends loszuwerden. Hätten Willy Brandt und Egon Bahr damals nur auf die Umfragen gestarrt, rief Stegner den Genossen in Bremen zu, dann hätte es die Ostpolitik der 70er Jahre nie gegeben. "Man muss das leidenschaftlich vertreten, was man wichtig findet." Für eine lange Zeit demoskopiegesteuerte Sozialdemokratie könnte dies ein Schlüsselsatz sein.

Aufreger der Partie

Boris Pistorius wurde aus dem Publikum gefragt, ob der Staat weiter die Kosten für Polizeieinsätze rund um die Spiele der Fußball-Bundesliga übernehmen soll. Die Stadt Bremen will diese Sicherheitskosten gern der Deutschen Fußball Liga (DFL) überlassen.

Pistorius hält nichts von dieser Idee. "Ich will jetzt mal ganz klar sagen: Der Fußball ist nicht die Melkkuh der Nation", sagte er und wurde ausgebuht. Angesichts von Millionengewinnen im Profifußball hielt sich das Mitleid der Genossen offenbar im Grenzen.

Nächstes Spiel:

Montagabend in Friedberg (Hessen). Stadthalle. Anpfiff: 18.30 Uhr.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.


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burlei 08.09.2019
1. Läuft doch!
Das Beste an der Sache - die SPD macht den anderen Parteien vor, wie Demokratie geht. Was ein Unterschied zur CDU und ihre angebliche Entscheidung für den geeigneten Parteivorsitz. Gegenüber der SPD und ihre Aktion eine stinklangweilige Casting-Show im Trash-TV. Meine Favoriten: Scheer/Lauterbach. Warum? Na, ist doch klar! Die beiden stehen für "Raus aus der GroKo!" und einen Neuanfang. Kampmann/Roth geben sich zwar (sogar glaubwürdig) jung und frisch, aber wofür sie genau stehen, ist wohl noch offen. Nun, jedenfalls können jetzt die Rechten und Marktradikalen wieder losgeifern. Aber auf diese ist die SPD und mit ihr die ganze Linke in der Republik nicht angewiesen. Außer Krawall haben diese Grüppchen ja sowieso nichts auf der Pfanne.
silikonfuge 08.09.2019
2. Nicht das Wie sondern das Was
Es ist nicht wirklich wichtig ob die Partei "lebendiger" wird. Auch diese Traumpaar Aktion dürfte nicht wirklich zu besseren Umfragewerten führen. Wichtig ist W A S die Partei will. Und für den normalo Arbeitnehmer kommt da leider nix.
schradinho 08.09.2019
3. Gutes Format
Am Freitag war ich in Hannover vor Ort. Ich war sehr positiv überrascht. Tolles Format. Und Kampmann/Roth haben dort klar gewonnen.
kraut&ruebe 08.09.2019
4. Nabelschau
Die sPD kümmert sich wieder mal nur um sich selbst. Das Prozedere kann einem eigentlich egal sein, solange die neue Führung nur die GroKo aufkuendigt. Danach kann die Partei einem egal sein.
andreowicz 08.09.2019
5. Unerträglich und überflüssig
Seid Jahres kommt die Partei aus den Personaldebatten nicht heraus und genau das ist unerträglich. Ob Single oder Duo, die SPD hat ein programmatisches Problem. Vielleicht wird auch keine Sozialdemokratie in einem Land mit Vollbeschäftigung mehr gebraucht. Die SPD braucht einen Plan. So wird das nichts.
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