SPD-Castingmarathon Die Therapie-Tour

Halbzeit bei den SPD-Castings: Die Stimmung der Genossen ist so gut wie lange nicht. Die Partei arbeitet ihre Dauerkrise auf. Die Frage, wer sie künftig führt, scheint dabei fast nebensächlich.
Kandidaten Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken: SPD ehrlich empfunden

Kandidaten Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken: SPD ehrlich empfunden

Foto: Emmanuele Contini/ imago images

Gleich zum Auftakt wird klar, was an diesem Abend anders ist im Willy-Brandt-Haus: Die Stimmung sei "ziemlich bombastisch", ruft die Moderatorin bei der Begrüßung in der SPD-Zentrale. Das habe man "hier selten so erlebt". Es folgt nicht etwa Murren. Nein, die Genossen amüsieren sich, die allgemeine Reaktion ist ein befreites Lachen.

Auch wenn der Satz vielleicht nicht so schonungslos gemeint war: Er trifft ja zu. Die Stimmung bei öffentlichen Terminen in der Parteizentrale schwankte zuletzt zwischen tiefer Depression und Fatalismus. Vor allem nach Wahlen. Sei es die Europawahl oder die vergangenen fünf Landtagswahlen - die SPD hatte zuletzt keinen Grund zu feiern.

Nun also das: mehr als 800 Mitglieder bei der zwölften von 23 Regionalkonferenzen. 2500 Interessenten hatten sich laut SPD angemeldet - viele mussten auf Public Viewings ausweichen. Zur Halbzeit des Kandidatenrennens rattert der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel noch ein paar Zahlen herunter: 7500 Mitglieder hätten die Konferenzen bisher besucht, 226.000 sollen sie im Livestream verfolgt haben. Zudem verzeichne die Partei 3500 Eintritte.

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Schäfer-Gümbel wirkt sichtlich stolz. Auch sonst werden führende Genossen derzeit nicht müde zu betonen, was für ein Erfolg die Suche nach einer neuen Führung sei. Das wirkt auf den ersten Blick ein wenig merkwürdig. Schließlich ist die SPD nun bereits seit Anfang Juni mit der Nachfolge von Andrea Nahles beschäftigt. Und es dauert auch noch fast drei Monate, bis auf dem Parteitag Anfang Dezember die neuen Vorsitzenden gewählt werden.

Aber beim Halbzeittermin in Berlin zeigt sich, wie sehr die SPD sich danach sehnt, ihre Dauerkrise aufzuarbeiten, sich ihrer stolzen Geschichte zu erinnern und sich selbst starkzureden. Die Regionalkonferenzen erscheinen wie 23 Therapiesitzungen, die Genossen wollen ihre Traumata überwinden: Hartz IV, zehn Jahre GroKo und den Vertrauensverlust ehemaliger Stammwähler.

Interessant ist, dass die Frage, ob die Partei die Große Koalition verlassen soll, nicht die entscheidende Rolle auf den Regionalkonferenzen spielt. Zwar taucht sie immer mal wieder auf, aber den Basismitgliedern scheint es eher darum zu gehen, wer wie glaubwürdig für eine Rückbesinnung auf alte, sozialdemokratische Werte steht.

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SPD: Diese Genossen wollen Parteivorsitzende werden

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Fast ein wenig zur Nebensache gerät dabei die Frage, wer sich eigentlich durchsetzen könnte. Alle Kandidatenduos bekommen auch in Berlin freundlichen Applaus, insgesamt herrscht ein versöhnlicher Ton.

"Das habe ich diesem Mann zu verdanken"

Etwas stärker in den Vordergrund tritt mittlerweile das Team Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Der ehemalige Finanzminister von Nordrhein-Westfalen hat am Dienstag Geburtstag - und sorgt mit einem Dank an die Parteiikone für die Szene des Abends. Dass er mit 67 Jahren keinen Krieg erlebt habe, "habe ich diesem Mann zu verdanken", sagt Walter-Borjans und zeigt auf die 3,40 Meter hohe Bronzefigur von Willy Brandt, die im Atrium der Parteizentrale steht.

Oft wirkt es bemüht und wie auswendig gelernt, wenn aktuelle SPD-Politiker sich auf Brandt berufen. Doch Walter-Borjans gelingt der Verweis. Auch weil es nicht einstudiert klingt, sondern ehrlich empfunden.

Auch mit einer Attacke auf Vizekanzler Olaf Scholz kann Walter-Borjans an diesem Abend punkten. Er stellt die Politik des Finanzministers infrage, keine neuen Schulden aufzunehmen: "Wir brauchen einen handlungsfähigen Staat, der sich nicht mit der schwarzen Null stranguliert."

Diese Position teilen jedoch auch die anderen Teams - bis auf Scholz und Klara Geywitz. So richtig spannend werden dürfte die Kandidatensuche daher wohl erst in der möglichen Stichwahl. Sollte es bis zur Mitgliederbefragung bei sieben Duos bleiben, dürfte wohl keines auf Anhieb mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen. Die beiden bestplazierten Teams ziehen dann in eine Stichwahl ein.

SPD-Verfahren für den Parteivorsitz

Wie stark das Verfahren die Partei mobilisiert, zeigt eine weitere Zahl: Laut Schäfer-Gümbel haben sich bereits 130.000 der rund 425.000 Mitglieder für die Onlineabstimmung registriert. Die Parteibasis kann im Oktober aber auch analog per Brief abstimmen.

Zunächst einmal folgen aber noch weitere elf Regionalkonferenzen. Gleich am heutigen Mittwoch geht es weiter. Dann sind die SPD-Kandidaten zu Gast in Hamburg.

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