SPD Der schwierige Aufstieg des Willy B.

Willy Brandt ist noch immer der Übervater der SPD, an dem sich auch heute noch die Parteichefs messen lassen müssen. Was viele dabei vergessen: Brandt brauchte Jahre, um zum angehimmelten Politstar zu werden. Zunächst galt er als politisches Leichtgewicht.

Von Franz Walter


Vogel, Engholm, Scharping, Lafontaine, Schröder, Müntefering, Platzeck. Nun Beck. Acht SPD-Vorsitzende in 19 Jahren. Der Vorgänger dieser acht, Willy Brandt nämlich, war dagegen allein noch auf eine Amtszeit von 23 Jahren gekommen. Und der Name von Willy Brandt fällt in schöner Regelmäßigkeit, wenn in der Sozialdemokratie wieder der eine von der Spitze der Partei abtritt, der andere dafür jäh aufrückt. Und immer wird dann mitleidig oder hämisch geraunt, dass wohl die Schuhe des großen Charismatikers einer - verklärten - Entspannungspolitik und der - überschätzten - inneren Reformen zu groß sind für denjenigen, der gerade in sie hineinzuschlüpfen versucht.

Vergessen dabei wird, wie schwer es auch und gerade Willy Brandt zu Beginn seiner Vorsitzkarriere hatte. Er war zunächst keineswegs der große Parteiführer, dem die Herzen schmachtender Jungsozialisten zu Füßen lagen. Im Gegenteil, Brandt brauchte einige Jahre, um sich durchzusetzen, um von der eigenen Partei vollauf akzeptiert, schließlich teenagerhaft angehimmelt zu werden. Zunächst jedenfalls waren die Sozialdemokraten in der Fläche alles andere als begeistert von "smiling Willy", wie Brandt von seinen Gegnern in der Partei bezeichnet wurde. Denn im Grunde war Brandt der Partei gegen ihren Willen aufgepfropft worden. Brandt brauchte drei Anläufe, um 1958 überhaupt nur in den Parteivorstand gewählt zu werden. Als ihn der Hannoveraner Parteitag 1960 zum Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten kürte, gaben ihm die Delegierten bei den Wahlen zum Parteivorstand derart wenig Stimmen, dass er lediglich auf dem 21. Platz landete.

Der innerparteiliche Rückhalt Willy Brandts war zu Beginn seiner bundespolitischen Karriere äußerst fragil. Ihm fehlten die Kontakte zu maßgeblichen Funktionären und Delegierten der SPD; eine Hausmacht besaß er nicht. Das machte ihn in den ersten Jahren abhängig von Herbert Wehner, dem bösartigen Drahtzieher und stalinistisch sozialisierten Zentraladministrator der Partei. Wehner galt bis Mitte der sechziger Jahre als intrigengestählter Königsmacher in der SPD, Brandt dagegen als politisch ahnungsloses, steuerbares Leichtgewicht.

Viel Skepsis über Willy Brandt

Daher wählten ihn die Sozialdemokraten 1964 ohne Enthusiasmus zum Parteichef. Die Skepsis über den neuen Mann an der Spitze war in der Partei weithin verbreitet. Zweifel herrschten insbesondere darüber, ob Brandt, der auch schon morgens gern dem einen oder anderen Gläschen zusprach, die Doppelbelastung von Regierungsamt in Berlin und leitender Parteifunktion in Bonn würde aushalten können. Anfangs schienen die Kritiker Recht zu behalten. Brandt hatte große Mühe, den Spagat zu realisieren: Er bekam weder die Partei in den Griff, noch hielt er 1964 den Berliner Senat zusammen. Durch die Doppelbelastung wirkte er schnell ausgebrannt und erschöpft. Er war nicht mehr der jugendfrische Kandidat, der 1961 noch als tatendurstiger "deutscher Kennedy" den greisen Bundeskanzler aus Rhöndorf selbstbewusst herausgefordert hatte. Brandt war 1964/65 eher eine Belastung für die Sozialdemokratie. Die Zustimmungswerte für den SPD-Spitzenkandidaten lagen jedenfalls hinter denen seiner Partei. Selbst unter sozialdemokratischen Wählern war nur gut ein Drittel der Überzeugung, Brandt habe das Zeug zu einem fähigen Kanzler. Laut einer Erhebung vom Sommer 1965 vermissten die Wähler bei Brandt politische Substanz. Sie hielten ihn für zu künstlich konstruiert, wie von außen gesteuert.

In der Tat: Brandt war - wie kein anderer Politiker jemals zuvor - von Beratern nach demoskopischen Vorgaben in alle möglichen Rollen hineingesteckt worden, ob sie nun zu ihm passten oder nicht. Das kostete Brandt beinahe die politische Karriere: Er wirkte unecht, stilisiert, hölzern, verkrampft. Brandt erlebte 1965, wohin es führt, wenn Politiker sich zu sehr Imageberatern und Marketingbübchen anvertrauen, wenn sie sich zu sehr Masken aufsetzen und Rollen zuweisen lassen: Sie ruinieren sich, verlieren Autorität und Authentizität. Gewinnen werden sie jedenfalls nicht. Am Abend der Bundestagswahlen 1965 schien Brandt am Ende, ein Mann ohne Fortune, ein Verlierer. Brandt selbst war psychisch angeschlagen, von Depressionen befallen, resigniert. Er erklärte nach den Wahlen, als Kanzlerkandidat künftig nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Dann aber erlebten Partei und Republik die überraschende und kraftvolle Renaissance des Willy Brandt. Von 1966 bis 1969 entwickelte er sich zum unumstrittenen Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie, kraft eigener Autorität und nicht durch das machtstrategische Kalkül von Herbert Wehner. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum Kult der SPD und zum Kanzler der Republik wurde Brandt paradoxerweise deshalb, weil er nicht mehr Kanzlerkandidat sein wollte. Der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur befreite Brandt von einer Bürde, die ihn gehemmt und belastet hatte. Danach trat er gelöst und befreit auf, sehr viel offener als in den Jahren zuvor. Er stilisierte sich nicht mehr wie zuvor, gab die gespreizte Würde der frühen sechziger Jahre auf, stolzierte nicht mehr wie ein peinliches Kennedy-Imitat durch die politische Landschaft. Brandt spielte jetzt keine der ihm vom politischen Marketing geschriebenen Rollen mehr. Brandt war jetzt er selbst.

Denn er hatte nun seine politische Mission gefunden, die ihn originär und stark machte und ihm eine politisch ergebene Gefolgschaft verschaffte. Willy Brandt wurde zum kühnen Protagonisten einer neuen Deutschland- und Ostpolitik. Die betrieb er ab 1966 ähnlich entschlossen wie Konrad Adenauer in den frühen fünfziger Jahren seine Westpolitik. Das war dann auch bei ihm Quelle des Charismas, Treibstoff seiner Führungskraft. Willy Brandt brachte mit seiner außenpolitischen Konzeption nun - und erst zu diesem Zeitpunkt - auch die Parteiaktivisten der mittleren und unteren Ebene hinter sich.

Zumutungen für die SPD

Die Sozialdemokraten hatten im Laufe der sechziger Jahre viele Zumutungen ihrer Führung wider Willen ertragen müssen. Sie hatten den drastischen Anpassungskurs der Parteispitze an den Kurs und das Vokabular der Union zwar hingenommen, aber politisch-mental nicht wirklich akzeptiert.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre verlangten die sozialdemokratischen Funktionäre unterhalb der Spitzenebene nach einer Politik des Kontrasts zum politischen Gegner, nach einer echten sozialdemokratischen Alternative. Willy Brandt gab ihnen das - jetzt. Mit seinen deutschland- und außenpolitischen Perspektiven konnten sich die Sozialdemokraten kämpferisch identifizieren und von der ungeliebten Union absetzen. In der Großen Koalition, die für viele sozialdemokratische Aktivisten nur schwer auszuhalten war, verfolgte Brandt seine außenpolitische Linie aus der Exekutive entschlossen weiter und geriet darüber in ständigen Konflikt mit Bundeskanzler Kiesinger. Der reale Konflikt in der Regierung festigte das sozialdemokratische Profil stärker als alle papierenen Parolen in den oppositionellen Jahren vor 1966. Es konsolidierte auch die Position Brandts in seiner Partei mehr denn je. Jetzt wurde er - sieben Jahre nach seiner ersten Wahl zum Kanzlerkandidaten, drei Jahre nach seiner Kür zum Parteichef - zum Helden der sozialdemokratischen Funktionäre und Delegierten.

Brandt und seine Sozialdemokraten fanden erst nach langem Fremdeln zusammen. Aus dieser Geschichte könnten Kurt Beck und all diejenigen, die noch kommen mögen, Hoffnung schöpfen. Indes: Brandt hatte es im Grunde nicht allzu schwer. Er verfügte mit der Entspannungspolitik, in einer dafür einmalig günstigen weltpolitischen Konstellation, über ein probates sozialdemokratisches Thema, das die Genossen mobilisierte.

Seither allerdings ist es weit schwieriger geworden, mit den identitätsstiftenden, integrativen, mitreißenden sozialdemokratischen Erzählungen. Eben deshalb scheitern die Parteichefs serienweise. Die großen Versprechen und mythenträchtigen Parteilegenden, die sozialdemokratische Anführer, August Bebel, Kurt Schumacher, Willy Brandt, trugen, sind seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr als ein Häufchen historisch erkalteter Asche. Exakt in diesem Verlust an Glut und Feuer gründet die chronische Führungskrise der Sozialdemokraten - nicht nur - in Deutschland.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.