SPD Die Auferstehung des Franz M.

Auf dem niedersächsischen Landesparteitag ist Franz Müntefering nur knapp der Heiligsprechung entgangen. Nahles-Anhänger mussten dagegen öffentlich Abbitte leisten.

Walsrode - Als Franz Müntefering eintrifft, stehen die 200 Delegierten schon und klatschen sich die Hände heiß. Unter rhythmischem Applaus bahnt der SPD-Chef sich den Weg auf die Bühne. In der Stadthalle im niedersächsischen Walsrode feiert die Partei die Wiedervereinigung mit ihrem Großen Vorsitzenden. Müntefering macht die Siegerdaumen und lächelt.

Eigentlich sollte auf diesem Landesparteitag nur ein Stabwechsel stattfinden. Der scheidende Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner wollte sein Amt an den 37-jährigen Ostfriesen Garrelt Duin übergeben. Doch "dann kam uns der Montag dazwischen", sagt Jüttner.

Am Montag hatte Müntefering seinen Rücktritt erklärt, weil der Parteivorstand seinen Kandidaten Kajo Wasserhövel nicht zum Generalsekretär wählen wollte. Das brachte Jüttner und seinen designierten Nachfolger Duin in arge Schwierigkeiten: Beide zählten zu den lautesten Unterstützern der Gegenkandidatin Andrea Nahles. Noch kurz vor der Kampfabstimmung hatte Jüttner im Radio erklärt, eine Niederlage Münteferings wäre "kein Weltuntergang".

Nun sitzen Müntefering, Jüttner, Duin und die Basis zum ersten Mal in einem Raum - ein explosives Gemisch. Die Basis, entsetzt vom Rücktritt Münteferings, hatte in zahlreichen Emails angekündigt, die Landesführung ihren Ärger spüren zu lassen. Gleichzeitig soll Müntefering die ganze Liebe der Partei erfahren. Ein "Signal von Walsrode" wollen die Delegierten senden, an die Partei und an die Öffentlichkeit. Der designierte Umweltminister Sigmar Gabriel und der künftige Generalsekretär Hubertus Heil, ebenfalls Niedersachsen und aktive Nahles-Unterstützer, wohnen dem Spektakel bei.

Die Anekdote von den langhaarigen Jusos

Müntefering dankt für den "freundlichen Empfang" und erzählt erstmal jene Anekdote, wie er und Peter Struck als langhaarige Jusos 1966 einen Protest-Brief an Herbert Wehner schrieben, weil sie die damals beschlossene Große Koalition für "Mist" hielten. Am Ende hätte Wehner Recht behalten, sagt Müntefering. Beide Parteien hätten in der Regierung gewonnen.

Die Basis saugt den vertrauten Münte-Sound regelrecht auf. Mit jedem Wort erscheint den Delegierten sein Rücktritt unverständlicher. Hinterher schwärmen sie ihm vor, dass er immer noch die "Mitte der Partei" sei, weil er wie kein anderer das "Herz und die Seele" anzusprechen wisse.

Müntefering nutzt die Gelegenheit vor dem wohlgesinnten Publikum, um seinen Kritikern noch einmal die Leviten zu lesen. Es sei nicht seine Schuld, dass er vor der Kampfabstimmung über den Generalsekretärsposten nicht offen mit dem Rücktritt gedroht habe. Er habe gelernt, auch in internen Sitzungen schweigsam zu sein. Sobald man etwas sage, "ist man in großer Gefahr, verquatscht zu werden". Es gebe kein Kommunikationsproblem, sondern im Gegenteil, es sei zu viel geredet worden. "Die Leichtigkeit und die Undiszipliniertheit, mit der in den Medien übereinander gesprochen wird, macht uns kaputt", warnt er.

Noch einmal verteidigt er den Personalvorschlag, der die Krise ausgelöst hatte. Wasserhövel sei kein unpolitischer Mensch, wie immer behauptet werde. Man dürfe nicht so tun, als ob die Hauptamtlichen "nicht politisch wären, als ob die nicht mitdenken könnten", sagt er verärgert. Grund für das Fiasko sei "ein Missverständnis", sagt Müntefering. Die Schwere des Problems, die Spannung zwischen Regierung und Partei zu regulieren, "war vielen nicht so klar wie mir".

"Ich werde ja nicht weg sein"

Jetzt müsse die Partei aber nach vorne schauen und Geschlossenheit demonstrieren, sagt Müntefering und bittet die Delegierten um gute Wahlergebnisse für seine niedersächsischen Widersacher. "So dramatisch" sei sein Abgang ja nun auch wieder nicht, beruhigt er die Genossen. "Ich werde ja nicht weg sein". Bei Mühle sei es auch so, erklärt der passionierte Mühle-Spieler, "dass man den einen oder anderen Stein opfert, damit man am Ende das Ganze gewinnen kann."

Für diese Einsicht erhält Müntefering riesigen Applaus, ebenso wie für die Ankündigung, sich auf dem Bundesparteitag vom 14. bis 16. November als Vizekanzler wählen zu lassen - ein Vorhaben, das in Berliner Parteikreisen mit Befremden aufgenommen worden war. Noch nie ist ein Minister von einem Parteitag gewählt worden. Es gibt die Befürchtung, dass Müntefering sich mit dieser Legitimation als "heimlicher Vorsitzender" neben dem designierten Parteichef Matthias Platzeck aufspielen könne.

Die euphorische Reaktion auf Münteferings Auftritt ist ein Vorgeschmack darauf, was auf dem Bundesparteitag in gut einer Woche zu erwarten ist. Sehr kleinlaut präsentieren sich in Walsrode hingegen die Nahles-Unterstützer. Jüttner hatte seine Rede unmittelbar vor Müntefering im Büßerhemd gehalten. Er sei an der Entscheidung im Parteivorstand nicht beteiligt gewesen, sagt Jüttner, habe aber Ratschläge gegeben, "wahrscheinlich zu laut und zu oft", und trage deshalb Mitverantwortung. Das Gremium sei keine "Selbstfindungsgruppe", sondern ein Führungsorgan und habe eine falsche Entscheidung getroffen. Auch Wasserhövel vergisst er nicht zu loben: "Vielen Dank ins Willy-Brandt-Haus", so Jüttner, für die "technische Wahlkampfführung".

"Die SPD will dich, die SPD braucht dich"

Auch Duin, der später noch mit einem anständigen Ergebnis gewählt werden will, leistet Abbitte. Er habe zwar bei der Abstimmung für Wasserhövel votiert, aber vorher an der Telefonkonferenz der Nahles-Unterstützer teilgenommen, beichtet er. Das gebe ihm einen "Teil der Verantwortung". Für Müntefering hat er folgende Botschaft: "Die SPD will dich, die SPD braucht dich, und die SPD wäre stolz darauf, wenn sie dich als Vizekanzler in einer Großen Koalition hätte."

So viel Ergebenheit kann Sigmar Gabriel nicht ertragen. Der designierte Umweltminister stapft in der Aussprache als Zweiter ans Mikro, nachdem der stellvertretende Landeschef Hauke Jagau ihn auffordert, Position zu beziehen. Gabriel erklärt dem "lieben Hauke", was er im Parteivorstand gesagt habe, nämlich dass Nahles in die engere Parteiführung gehöre, aber nicht unbedingt auf den Generalsekretärsposten. Es habe keine Verschwörung gegeben, sondern es sei ein Unfall gewesen. "Ich habe nicht gedacht, dass du zurücktrittst, Franz", sagt Gabriel, ohne zu sagen, wie er selbst abgestimmt hat. Er verteidigt sogar den Buhmann des Tages, Wolfgang Jüttner, mit dem er in der Vergangenheit häufig über Kreuz lag. Der habe keine Einzelmeinung vertreten, sondern teilweise nur Beschlüsse des Landesverbandes vertreten. Es könne nicht angehen, dass man ständig über den "Kasernenhofton in der SPD" und die "Bastapolitik" jammere und sich dann beschwere, wenn diese Kritik in Anträge übersetzt werde, so Gabriel.

Damit gerät auch Gabriel ins Visier. Sich hinzustellen als der "unberufene Pflichtverteidiger von Jüttner" und sich nicht zu seiner eigenen Rolle zu äußern, das sei ein "starkes Stück", schimpft Stephan Weil, Stadtkämmerer von Hannover, und schließt gleich die Frage an: "Warum heißen die Netzwerker eigentlich Netzwerker und nicht Strippenzieher?" Wenn das die nächste Generation sei, sollte man die vielleicht übergehen. Das ist eine Breitseite gegen den künftigen SPD-Generalsekretär Heil, der Sprecher der "Netzwerk"-Gruppierung in der SPD-Bundestagsfraktion ist.

Doch am Ende bleibt es bei verbaler Kraftmeierei. Zu Abstrafaktionen kommt es nicht: Garrelt Duin wird mit 155 von 205 Stimmen zum neuen Landeschef gewählt. Er dankt den Delegierten, dass sie mit der schwierigen Situation "sehr souverän" umgegangen seien. Da ist der heilige Franz schon weg: Er muss in Berlin die Klausurtagung für morgen vorbereiten.

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