SPD gegen Gabriel Selbstzerfleischungs-Partei Deutschlands

SPD-Chef Gabriel agierte zuletzt mehrfach unglücklich. Aber warum demontieren ihn ausgerechnet die lieben Genossen? Der entschlossene Kampf gegen den eigenen Vorsitzenden hat Tradition in der SPD - und ist ihr Problem.

Gabriel auf dem Parteitag 2013: Man weidet sich an seinen Defiziten
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Gabriel auf dem Parteitag 2013: Man weidet sich an seinen Defiziten

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Sigmar Gabriel hat einige Macken. Er kann in einer Weise aufbrausen, dass man sich als Betroffener am liebsten sofort in die Furche legen will. Er produziert eine Idee nach der anderen, weshalb mancher Gabriel-Satz am nächsten Tag schon wieder überholt ist. Und er geht gerade mit den eigenen Parteifreunden wenig pfleglich um.

Aber all das war bekannt, als die SPD Gabriel nach der Bundestagswahl-Pleite 2009 zum Vorsitzenden wählte und danach zweimal im Amt bestätigte. Und Gabriel hat es zwar nicht vermocht, seine Partei zu alter Stärke zurückzuführen - aber dafür gibt es nun wirklich auch ein paar andere Gründe als ihn selbst: die Linkspartei zum Beispiel. Und Angela Merkel.

Tatsächlich hat der Vorsitzende und Vizekanzler einiges geschafft: Seine Partei setzt als Juniorpartner im Bund ein sozialdemokratisches Projekt nach dem anderen um, führt neun Landesregierungen an (die CDU nur vier) und jagt der Union immer neue Großstädte ab.

Doch wer die Berichterstattung der vergangenen Tage verfolgt und sich in der SPD umhört, muss den Eindruck bekommen, der Parteichef sei eine Art Totalversager. Die deutsche Sozialdemokratie der jüngeren Vergangenheit, insbesondere ihre Funktionäre und Politiker in der zweiten und dritten Reihe, haben ein Problem: Sie weiden sich lieber lustvoll an den Defiziten ihrer Vordermänner, als "gemeinsam Seit' an Seit'" zu schreiten, wie es im Lieblingslied der Partei heißt. Sie verhalten sich, als stünde die Abkürzung SPD für Selbstzerfleischungs-Partei Deutschlands.

Ja, in der Griechenlandkrise zickzackt der Vorsitzende, beim Thema Vorratsdatenspeicherung machtwortete er wie Gerhard Schröder, an die Pegida-Bewegung wanzte er sich nach Meinung vieler Genossen unzulässigerweise heran. Und dann schrieb er auch noch ein "Ab in die Mitte"-Positionspapier. Na und? Als Vorsitzender hat er die Aufgabe, seine Partei zu führen - und ihr nicht nur nach dem Mund zu reden.

Die SPD hatte schon immer ein Problem mit Autoritäten, Helmut Schmidt kann eindrucksvoll davon berichten. Aber ebenso wenig passen ihr Vorderleute, die zu wenig führen (wie Kurt Beck) oder zu leise sind (wie Matthias Platzeck). Neun gewählte Parteichefs hat sie seit 1990 verschlissen (zwei im gleichen Zeitraum die CDU). Noch wackeliger als der SPD-Chefposten dürfte nur der des Trainers beim Hamburger Sportverein sein.

Auch deshalb sind die Sozialdemokraten vom Wiedereinzug ins Kanzleramt so weit weg wie der HSV von der Champions League. Dem Vorsitzenden vielleicht mal demonstrativ den Rücken stärken? Och nö. Selbst- oder fremdernannte Hoffnungsträger wie Arbeitsministerin Andrea Nahles oder der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz schweigen da lieber.

Sigmar Gabriel wird die SPD aller Voraussicht nach trotzdem als Kanzlerkandidat in die nächste Bundestagswahl führen. Mal ganz abgesehen von der Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens: Zu beneiden ist Gabriel auch wegen seiner Parteifreunde nicht.

Zum Autor
Jeannette Corbeau

Florian Gathmann ist Redakteur im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE in Berlin. Er beobachtet Joachim Gauck schon seit seiner ersten erfolglosen Präsidentschafts-Kandidatur 2010.

E-Mail: Florian_Gathmann@spiegel.de

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insgesamt 111 Beiträge
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silesian 10.07.2015
1. Kein Mitleid
die Partei ist auch nicht besser.
politicsprofiler 10.07.2015
2. So richtig nett,
So richtig nett für Linke .. Ists doch nur im Bett. Im Bett der Opposition. Ohne lästige Finanzzwänge, ohne lästigen Kompromiss mit Koalitionen, völlig losgelöst von realer Politik kann man schwelgen in Futurismen, kann jedem linken Frager gefällig auf die Anderen verweisen, ist herrlich bat jeder Verantwortung. Muss man Politik in einer Koalition erklären ist dies viel schwieriger und auch mühsam. Sich selbst zum noch sozialeren, noch besseren und fortschrittlicheren Sozialdemokraten zu stilisieren, greift man den eigenen Mann an. Kuck mal, dem hab ichs gegeben, denn ich bin linker und dit besser und darf das. Wie soll man denn sonst Profil gewinnen?
kraftmeier 10.07.2015
3. Es hat wohl eher
mit dem Parteivorsitzenden selber zu tun, ein für mich überheblicher und unsympatischer Mensch, und dann hat Er wenn schon mal eine Gute Idee da ist, nicht den A… in der Hose dieses auch bis zum Ende zu bringen, stattdessen kneift Er vor den Lobbyisten und natürlich vor Mutti Angela. Für mich ist solch eine Partei mit solch einem Vorsitzenden einfach nur ein Graus, und es wäre Heute das erste mal das Sie nicht meine Stimme bekommen würde. Ist wie mittlerweile wie alle zu einer reinen Lobbyvertretung geworden, und ich ärgere mich das ich es erst Heute merke. Allerdings sind andere noch mehr als Wirtschafts- anstatt Volksvertreter untewegs. Der nächste lucrative Posten wartet sicher schon wenn denn erst mal die Politische Kariere vorbei ist.
joha0412 10.07.2015
4. Ganz einfach:
SPD muss wieder SPD werden und zwar die SPD die Schröder und auch Gabriel zerstört haben und weiter zerstören. Deutschland braucht eine linke Volkspartei und keine weitere Anbiederungspartei für neokonservative und neoliberale Kapitalmarktanhänger. MEHR DEMOKRATIE WAGEN, nicht everybody´s darling sein. Die Gemeinsamkeiten mit der LINKEN suchen und sich nicht von Merkel vorführen lassen. Mit Gabriel, Steinmeyer und Konsorten geht das NICHT.
ADie 10.07.2015
5. Das hat Gabriel durchaus verdient
Wenn die Mitglieder über "Parteikonvente" oder ähnliche absurde Konstrukte bei der Willensbildung ausgetrickst werden, reagieren sie vollkommen zu Recht allergisch. Gabriel hätte sich die Demontage ersparen können, wenn er beispielsweise die Vorratsbespitzelung allen Mitgliedern zur Entscheidung vorgelegt hätte.
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