Hochburg Gotha Wo die SPD noch siegt

Die SPD ist im freien Fall, bei der Wahl in Thüringen droht ein einstelliges Ergebnis. Doch eine Region trotzt dem Trend: In Gotha gewinnen die Sozialdemokraten noch Wahlen. Woran liegt das?

Martin Debes

Aus Gotha berichtet Martin Debes


Es ist einer dieser tropisch-heißen Sommerabende, an denen man am liebsten gar nichts täte. Doch das ist für Onno Eckert, dessen hohe Stirn rötlich-feucht glänzt, keine Option. Soeben hat sich die frisch gewählte SPD-Kreistagsfraktion hier in einem Hotel am Rande der Gothaer Innenstadt zum ersten Mal getroffen - und natürlich saß er, der sozialdemokratische Landrat, mit am Tisch.

"Wir haben viel vor", sagt Eckert, als sei dies eine Selbstverständlichkeit für die SPD. Dabei ist das Gegenteil richtig. Nach dem Desaster bei der Europawahl am 26. Mai scheint seine Partei mitten in der größten Krise ihrer Nachkriegsgeschichte in Schockstarre zu verharren, auf der Suche nach einer neuen Doppelspitze und dem künftigen Kurs. Inzwischen kommt sie im Bund in einigen Umfragen nurmehr auf zwölf Prozent, nicht mal halb so viel wie Union oder Grüne.

In Thüringen, wo am 27. Oktober ein neuer Landtag gewählt wird, sieht es sogar noch mieser aus. Hier sehen die Meinungsforscher die SPD nur noch bei zehn Prozent, Tendenz fallend. In Sachsen, wo schon am 1. September gewählt wird, ist die Landespartei in den Umfragen bereits einstellig.

In Gotha aber ist alles anders. In der thüringischen Stadt und ihrem zugehörigen Landkreis zwischen Erfurt und Eisenach boomt die Sozialdemokratie, und das schon seit Jahren. Die Wahlergebnisse der SPD liegen beständig über dem Landesschnitt, vor allem bei regionalen Abstimmungen.

Offenkundig hat das auch mit Leuten wie Onno Eckert zu tun, obwohl er nicht gerade so ausschaut, wie man sich einen typischen deutschen Landrat vorstellt. Vielleicht aber auch gerade deshalb. Eckert ist 34 Jahre alt und hat gerade eine Familie gegründet. Um sein linkes Handgelenk baumeln Eintrittsbänder von Heavy-Metal-Festivals, Wacken und Rockharz. Besonders gerne hört er Turisas, eine finnische Band.

Das hält die immer älter werdende Landbevölkerung nicht davon ab, für Eckert zu stimmen. Vor einem Jahr, als er erstmals als Landrat kandidierte, deklassierte der Neuling seinen Konkurrenten von der CDU in der Stichwahl mit 67 zu 33 Prozent. Noch klarer fiel die Entscheidung bei der zeitgleich abgehaltenen Oberbürgermeisterwahl aus. SPD-Amtsinhaber Knut Kreuch setzte sich gleich im ersten Wahlgang gegen drei Mitbewerber durch - mit stolzen 61,1 Prozent.

Am 26. Mai, bei den Kreistags- und Stadtratswahlen, die zusammen mit der Europawahl stattfanden, stürzte die Thüringer SPD im Landesdurchschnitt auf 13,4 Prozent ab. Aber nicht in Gotha: Sie kam auf 26,5 Prozent - ein Plus von 1,3 Punkten. Weil die örtliche CDU einbrach, stellen die Sozialdemokraten jetzt die stärkste Fraktion. Und auch im Stadtrat baute die Partei mit gut 30 Prozent ihre Vormachtstellung aus.

"Wir leiden zu gern an uns"

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Gothaer Sozialdemokraten? Profitieren sie davon, dass durch die Stadt noch immer ein sozialdemokratischer Gründungsgeist weht? 1875 schlossen sich hier die sozialdemokratische Arbeiterpartei mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zur Sozialistischen Arbeiterpartei zusammen. Aus ihr wurde wenige Jahre später die SPD.

Landrat Eckert schüttelt den Kopf. "So etwas wie gewachsene Traditionen gibt es nicht mehr", sagt er. "Wir machen auch gar nicht so viel anders. Aber wir machen etwas." Gerade in der Kommunalpolitik gehe es doch darum, Dienstleister zu sein, vom Nahverkehr bis zur Müllabfuhr. Da müsse man vor allem liefern, das allein zähle, sagt Eckert.

Der zweite Punkt: "Wir haben erkannt, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können." Im Landkreis gebe es keine Grabenkämpfe mehr, keine Grüppchen und Untergrüppchen wie in der Landespartei oder anderen Kreisverbänden. Und drittens, sagt Eckert: "Die Leute vertrauen einem nur, wenn man das tut, was sie sagen."

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SPD-Hochburg Gotha: Authentizität, Einigkeit, Bürgernähe

Eckert kann so reden, weil er persönlich nur den politischen Erfolg kennt. Mitte der Neunzigerjahre zog er mit seiner Familie aus dem Ruhrgebiet nach Crawinkel, einem Dorf nahe Gotha. Nach Abitur, Zivildienst und Jurastudium fand er über sein Engagement in der Freiwilligen Feuerwehr in die SPD. 2009 kandidierte er für den Gemeinderat und half dabei, dass dort aus einer absoluten Mehrheit eine Zweidrittelmehrheit wurde.

Ein Jahr später trat er als Bürgermeister an und gewann mit 81,1 Prozent gegen seinen parteilosen Mitbewerber. Jetzt ist er Landrat. Eckerts Lehre aus seiner Biografie lautet: "Die SPD muss endlich wieder selbstbewusster werden", sagt Eckert. "Wir leiden zu gern an uns."

So sieht es auch Matthias Hey. "Wir brauchen mehr Mut", sagt er in seinem Büro im Landtag von Erfurt. "Das Jammern muss aufhören." Hey ist der Fraktionsvorsitzende der SPD - und der einzige direkt gewählte Parlamentarier seiner Partei im Land. Als die Thüringer Sozialdemokraten bei der Landtagswahl 2014 ein Drittel ihrer Stimmenanteile verloren und auf 12,4 Prozent abstürzten, hievte er das Zweitstimmenergebnis in seinem Wahlkreis auf 18,8 Prozent. Sein Direktmandat im Wahlkreis 15, Gotha II, gewann der Steuerbeamte mit 38,9 Prozent der Erststimmen.

"Wir müssen raus aus der GroKo"

Authentizität, Einigkeit, Bürgernähe: Heys Mantra klingt ganz ähnlich wie das von Eckert: Einfach machen. Klar, sagt der 49-Jährige, das sei alles nicht originell. Aber es gebe nun mal kein Patentrezept. "Wenn wir das besäßen, hätten wir es längst in Dosen gefüllt und an alle in der Partei verkauft."

Hey weiß, dass Imagepflege dazugehört. Privat fährt er noch seinen alten Trabbi, oder, wenn die Strecken länger sind, den Opel Corsa seiner Mutter. Er spendet einen guten Teil seiner Einkünfte für städtische Vereine und verteilt überall, wo er auftritt, die Produkte einer thüringischen Nougatfirma, die er stets in einem Beutel dabei hat.

Journalisten, die ihn nach seinem Erfolg fragen, erzählt er gern die Geschichte, wie er einmal, als die Behörden nicht wollten, auf eigene Faust und mit Muttis Corsa eine wilde Müllhalde abtransportierte. Der gesamte Straßenzug, sagt er, wähle seitdem SPD.

Eine schöne Anekdote, aber in der tristen Realität des Erfurter Landtags scheint dieses sozialdemokratische Paradies weit weg. Die rot-rot-grüne Koalition in Thüringen hat vor allem wegen des Niedergangs seiner Partei in den Umfragen schon lange keine Mehrheit mehr. Das wahrscheinlichste Szenario für die Wahl im Herbst ist deshalb ein Vierparteienbündnis aus CDU, SPD, Grünen und FDP. Auch deshalb, sagt Hey, müsse seine Partei zumindest im Bund den Koalitionszwängen entrinnen. "Wir müssen raus aus der GroKo", sagt er, "und das so schnell wie möglich."

Ohnehin stört den Erfurter Fraktionschef, dass in seiner Partei gerade alles so lange dauert. "Wenn wir jetzt ein halbes Jahr damit verbringen, uns eine neue Spitze zu suchen, dann muss man das nicht mehr verstehen", sagt er. Auch die Idee, dass das Ergebnis der Urwahl am 26. Oktober bekannt gegeben werden soll, also ausgerechnet am Samstag vor der Landtagswahl in Thüringen, habe bei ihm zu "Schnappatmung" geführt.

Denn wenn Matthias Hey in Thüringen eines erfahren musste, dann, dass es für seine Partei immer noch ein bisschen tiefer bergab gehen kann. Die AfD von Björn Höcke steht stabil bei 20 Prozent, während die im Osten einst so schwachen Grünen in den Umfragen zweistellig werden.

Falls die SPD weiter verliert, könnte am 27. Oktober sogar das Wunder von Gotha ausbleiben.

insgesamt 17 Beiträge
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fragen oder antworten 08.07.2019
1. Und wieder sind Inhalte kein Thema!
Solange die SPD nicht erkennt, dass es um Inhalte der Politik geht, sondern meint, man müsse sich nur besser darstellen, wird die alte Tante weiter sterben! Macht doch einfach mal wieder Politik für Menschen, die sozial ist! Dazu gehört auch, Fehler der Vergangenheit zu benennen und zu ändern.
Traumfrau 08.07.2019
2. ich find es nur noch nervend ...
Zitat von fragen oder antwortenSolange die SPD nicht erkennt, dass es um Inhalte der Politik geht, sondern meint, man müsse sich nur besser darstellen, wird die alte Tante weiter sterben! Macht doch einfach mal wieder Politik für Menschen, die sozial ist! Dazu gehört auch, Fehler der Vergangenheit zu benennen und zu ändern.
ich find es nur noch nervend, wie ständig die SPD schlecht geredet wird. Wie kommen Sie nach diesem Artikel auf die Idee, dass es der SPD nicht um Inhalte ginge? Haben Sie und ihre Kollegen den Artikel überhaupt gelesen? Diese geistige Umweltverschmutzung nervt nur noch.
steffen.ritter 08.07.2019
3. Tja, das Erfolgsgeheimnis
Wenn ein SPDler CDU-typische Politik macht und auch noch die Bürger ernst nimmt, gewinnt er Wahlen.
kirschlorber 08.07.2019
4. Und wieder die Groko
Die Erfolge in Gotha sind wirklich erfreulich. Doch die Schlüsse sind die falschen. Wiedermal empfiehlt man den Genossen die Groko als Wurzel allen Übels. Doch wie man weiß hat es SPD schon lange vor Groko vermasselt. Gerade als SPD mit den Grünen Helfern allein regierte, hatte man es der eigenen Klientel mal so richtig gezeigt. Rentenkürzungen, Rentenbesteuerung, Zweiklassenmedizin, Niedriglohn usw. Die alten SPD Granden sind inzwischen abgetaucht. Die Jungen wagen es nicht aufzumucken.
turadot 08.07.2019
5. Schauen Sie sich doch ...
Zitat von fragen oder antwortenSolange die SPD nicht erkennt, dass es um Inhalte der Politik geht, sondern meint, man müsse sich nur besser darstellen, wird die alte Tante weiter sterben! Macht doch einfach mal wieder Politik für Menschen, die sozial ist! Dazu gehört auch, Fehler der Vergangenheit zu benennen und zu ändern.
... einfach mal an, was die Bundes-SPD in der jetzigen Legislaturperiode alles angestoßen und auch umgesetzt hat. Wenn Sie dann immer noch faseln, dass endlich "mal wieder Politik für Menschen, die sozial ist" gemacht werden sollte, dann ist Ihnen nicht zu helfen. Nur, und das ist das große Dilemma, wird die SPD momentan nicht an ihrer Politik bemessen, sondern an ihrem äußeren Erscheinungsbild, ergo, den Personen - sympatisch oder nicht sympatisch. Die Partei kommt momentan einfach nicht "rüber", obwohl sie inhaltlich absolut soziale Politik umsetzt, für die Menschen. Ich habe keine Erklärung, warum das so ist, aber ich kann dieses Gefasel wie von Ihnen nicht mehr hören, dass die SPD doch endlich wieder soziale Politik machen soll! Sie macht es, aber er merkt keiner!
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