SPD-Hoffnung Hannelore Kraft Last Woman Standing

Sie schlägt Gewinn aus der CDU-Sponsoring-Affäre: SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft kann plötzlich wieder auf einen Sieg bei der NRW-Wahl hoffen. Erobert sie das Stammland der Sozialdemokratie zurück, könnte sie eines der größten Probleme der Partei lösen - den Mangel an Promi-Politikerinnen.

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Hannelore Kraft: Gabriels Geheimwaffe
Berlin - Wenn Sozialdemokraten in diesen Tagen über Hannelore Kraft sprechen, sagen viele von ihnen nur zwei Worte: fünf Euro. Diesen Preis hätten neulich, beim Politischen Aschermittwoch im nordrhein-westfälischen Schwerte, 800 Genossen bezahlt, um die Spitzenkandidatin zu sehen. Freiwillig!

Was ihre Anhänger verschweigen: Die eigentliche Attraktion an jenem Abend war Parteichef Sigmar Gabriel. So ist es immer ein bisschen mit Hannelore Kraft: Stets steht sie im Schatten der Großen in ihrer Partei. Doch das könnte sich bald ändern. Denn wenige Wochen vor der Landtagswahl bewegt sich was an Rhein und Ruhr.

Jahrelang schien Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) unangreifbar. Ein Konservativer mit dem Blick fürs Soziale - wie kein anderer in seiner Partei wilderte er im sozialdemokratischen Lager. Doch seit bekanntwurde, dass seine Partei Exklusivgespräche an Premiumkunden verhökerte, ist Rüttgers' Ruf als Mann der kleinen Leute dahin. Plötzlich hat Hannelore Kraft wieder Aussichten auf die Düsseldorfer Staatskanzlei. Drei Prozent trennen Rot-Grün von Schwarz-Gelb in der jüngsten Umfrage. Ohne Berücksichtigung von Rüttgers' Sponsoring-Affäre wohlgemerkt.

SPD-Zukunft in ihren Händen

Ein bisschen liegt die Zukunft der Sozialdemokratie jetzt in ihren Händen. Denn wie es mit Kraft am 9. Mai ausgeht, könnte viel Einfluss darauf haben, wie es mit der SPD insgesamt weitergeht.

Nicht nur weil ein Machtwechsel in NRW die schwarz-gelbe Bundesratsmehrheit gleich mit kippen würde. Nicht nur weil ein Sieg im einstigen Stammland der Sozialdemokratie ein großer Schritt im Versöhnungsprojekt mit der verschreckten Kernklientel wäre. Sondern auch deshalb, weil ein Erfolg Krafts eines der ganz großen Probleme lösen könnte, das die SPD derzeit hat: das Frauen-Problem.

Abgesehen von Kraft hat die SPD an vielversprechendem weiblichem Personal erschreckend wenig zu bieten. Die "Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen", einst die Säule sozialdemokratischer Emanzipation, ist längst zu einem Verein weitgehend unprominenter, ältlicher Damen geworden, die mit moderner Weiblichkeit jedenfalls nicht mehr allzu viel zu tun haben. Ex-Ministerinnen wie Ulla Schmidt, Heidemarie Wieczorek-Zeul oder Edelgard Bulmahn sitzen zwar noch in der Bundestagsfraktion, können aber in der Neuaufstellung der Partei allein schon wegen ihres Alters keine große Rolle mehr spielen. Aus den Ländern kommt so gut wie gar nichts nach, allenfalls die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen hat sich mit konsequent linker Schulpolitik ein gewisses Profil erarbeiten können. Wenn auch eines, das selten jenseits von Mainz wahrgenommen wird.

Sicher, die 35-jährige Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern hat Gabriel jüngst zu einer seiner Stellvertreterinnen gemacht. Und die 39-jährige Andrea Nahles hat als Generalsekretärin ebenfalls einen Top-Posten. Doch Nahles wird selbst in der eigenen Partei noch immer nicht als Sympathieträgerin angesehen, zudem ist sie in den letzten Wochen weitgehend abgetaucht. Und Schwesig stammt aus einem derart unbedeutenden Landesverband, dass ihre mediale Durchschlagskraft sich in engen Grenzen hält.

Während die CDU mit Kanzlerin Angela Merkel und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wirkliche und mit Familienministerin Kristina Schröder potentielle weibliche Schwergewichte hat, fehlt der SPD seit Jahren eine weibliche Identifikationsfigur. Vor allem für die jüngere Generation. Die Letzte, die in der Lage zu sein schien, diese Lücke zu füllen, war die Hessin Andrea Ypsilanti. Ihr Wahlkampf, ein geschicktes Ensemble aus landes- und bundespolitischen Themen, sorgte in weiten Teilen der Partei für Aufbruchstimmung, das sollte man nicht vergessen. Doch dann wollte sie mit dem Kopf durch die Wand. Und zog die gesamte Partei in den Abgrund.

Verheerendes Frauenproblem

Wie verheerend das Frauen-Problem der SPD ist, zeigten Analysen der ARD nach der Bundestagswahl 2009. Nicht einmal jede vierte Frau entschied sich am 27. September für die Sozialdemokraten, den größten Absturz erlebte die Partei unter den 18- bis 24-jährigen Wählerinnen: Nur noch 18 Prozent votierten für die SPD, 21 Prozent weniger als bei der letzten Bundestagswahl. Hier wurden die Genossen gar von den Grünen überflügelt.

Hannelore Kraft ist daher so etwas wie Gabriels letzte Frau. Chancenlos ist die ehemalige Unternehmensberaterin nicht, das wird in diesen Tagen klar. Auch ihr Landesverband stärkte ihr am Freitag den Rücken: Bei ihrer Wiederwahl als Vorsitzende erhielt Kraft auf dem Landesparteitag der Sozialdemokraten in Dortmund über 99 Prozent der Stimmen.

Reichlich Erfahrung bringt sie mit. 1994 trat sie in die SPD ein, sieben Jahre später war sie im Kabinett von Wolfgang Clement Europaministerin, Peer Steinbrück machte sie 2002 zur Bildungsministerin. Jetzt will sie mit den Grünen Rüttgers stürzen. Sollten die wirren nordrhein-westfälischen Linken, die in Umfragen gerade so die Fünfprozenthürde kratzen, nicht in den Landtag schaffen, könnte es reichen.

Leicht wird das trotz der Probleme im Lager des Ministerpräsidenten nicht. Denn Kraft hat zwei Schwächen: Vom Typ her ist sie eher die weibliche Version eines Frank-Walter Steinmeiers als eines Willy Brandts - nicht unbedingt eine Wahlsieggarantie. Zudem fehlte ihr in den letzten Monaten mitunter das Gespür für die richtigen Themen. Anfang Januar versuchte sie sich auf die Seite der notleidenden Kommunen zu schlagen, indem sie die Aufbauhilfen für Ostdeutschland in Frage stellte. Weil sie den Vorstoß parteiintern nicht abstimmte, fiel ihr Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering in den Rücken, und Krafts Idee verpuffte. Ihr Gegner Rüttgers forderte wenig später eine "Generalrevision" von Hartz IV, startete so eine Debatte, in die die SPD-Politikerin jedoch erst spät einstieg.

Jetzt unternimmt sie einen neuen Versuch. Gemeinsam mit der Bundesspitze der Partei will sie die NRW-Wahl zur Abstimmung über die Kopfpauschale machen. Auf dem Parteitag der nordrhein-westfälischen SPD soll am Samstag eine großangelegte Unterschriftenaktion starten.

Der Versuch muss sitzen. Denn nur als Ministerpräsidentin würde sie das nötige Gewicht mitbringen, um das Frauen-Problem der Partei zu beheben.

insgesamt 981 Beiträge
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Seite 1
h.brentano 22.02.2010
1. Der darf das
Warum sollte Rüttgers anders sein? Wenn alle so handeln, darf der Rüttgers das auch.
Kurt2, 22.02.2010
2. #1
Zitat von sysop"Geschmäckle", "Korruption", "Prostitution": Die vom SPIEGEL aufgedeckte Affäre um käufliche Gesprächstermine für Sponsoren beschert Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers heftige Kritik. Sind die Vorwürfe gegen den Politiker berechtigt?
Es sind Kanallien dort in der NRW-CDU. Der Begriff Prostitution trifft es am Ehesten, nur dass wir es hier nicht mit Edelhuren zu tun haben, sondern nur mit Herrn Rüttgers, auch wenn die Preise anderes sagen.
Stefanie Bach, 22.02.2010
3.
Zitat von sysop"Geschmäckle", "Korruption", "Prostitution": Die vom SPIEGEL aufgedeckte Affäre um käufliche Gesprächstermine für Sponsoren beschert Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers heftige Kritik. Sind die Vorwürfe gegen den Politiker berechtigt?
Die Sache ist durch die Entschuldigung des Landes-Generalsekretärs ja sogar eingestanden. Ein Untersuchungsausschuss ist dennoch dringend erforderlich, damit das ganze Ausmaß des Skandals aufgedeckt werden kann. Gescheitert: Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/)
daslästermaul 22.02.2010
4. Vermutlich nicht !
Zitat von sysop"Geschmäckle", "Korruption", "Prostitution": Die vom SPIEGEL aufgedeckte Affäre um käufliche Gesprächstermine für Sponsoren beschert Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers heftige Kritik. Sind die Vorwürfe gegen den Politiker berechtigt?
Nach Lage der Dinge steht zu vermuten, dass hier ein übereifriger Parteisoldat in vorauseilendem Gehorsam eine Aktion gestartet hat, von der Rüttgers vermutlich nichts wußte. Wenn man ihm allerdings eines konkret zum Vorwurf machen kann, dann ist es dies, das sich die Landesorganisation seiner Partei hier offensichtlich verselbstständigt zu haben scheint. So ärgerlich dieses alles ist; es ist im Vergleich zu anderen Politikern, die mittlerweile von " jungen, gesunden und arbeitsfähigen Deutschen ....." sprechen vergleichsweise banal. Die Terminologie dieser Leute hingegen erinnert vielmehr an den Duktus der einstmals braunen Machthaber, die wir längst vergessen glaubten.
matula, 22.02.2010
5. Wahlkampf
Wahlkampf hat nichts aber auch gar nichts mehr damit zu tun, Inhalte zu präsentieren über die das Volk dann abstimmt. Es geht nur noch darum, den anderen in den Dreck zu ziehen! - inhaltlich, indem man dem gemeinem Wähler erklärt, was für schlimme Sachen der Gegner denn machen will// Man erklärt nur die Deutung von den Grausamkeiten des Gegners, man selbst sagt besser NICHTS mehr, denn das würde ja negativ vom Gegner ausgelegt. - -jeder spielt sich immer als der große Checker auf, der dem blöden Volk mal erklären muss was die da wollen. Und weil es der doofe Wähler nicht blickt, wird alles einfach 1000000000000000x wiederholt, bis es auch die letzte graue Gehirnwählerzelle glaubt. - vermeindliche Skandale werden immer regelmäßiger genau zur Wahlkampfzeit "aufgedeckt", auch wenn darüber vor ein paar Jahren bereits öffentlich debattiert wurde. In den allermeisten Fällen geht es um Belanglosigkeiten, die nur dazu dienen, den Gegner zu beschädigen. - Untersuchungsausschüsse eingeleitet (die alle immer nachher ergebnislos eingestampft werden müssen) Wahlkampf ist einfach nur unter der Gürtellinie! Es müssen Regeln her, z.B. zukünftig darf NUR über das eigene Programm geredet werden!!! Äußerungen über den Gegner Früher hätte man gesagt: Italienische Verhältnisse
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