SPD in Engenhahn Web-Gemeinde spottet über "schlechteste Seite im Netz"

Das Örtchen Engenhahn im Hessischen ist plötzlich populär - dank des eigentümlichen Internetauftritts der dortigen SPD: krachbunt, unübersichtlich, ohne Parteilogo. Kritiker meinen, die schlechteste Seite im WWW entdeckt zu haben, die Sozialdemokraten selbst nehmen das Spektakel gelassen.
Screenshot der Internetseite der SPD Engenhahn: Grell und bunt

Screenshot der Internetseite der SPD Engenhahn: Grell und bunt

Hamburg - In Engenhahn ist die Welt der Sozialdemokraten noch in Ordnung: Günter F. Döring steht seit 1989 für die SPD als Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde Niedernhausen, mit Marius Weiss stellt die Partei nach eigenen Worten zudem einen Landtagsabgeordneten "zum Anfassen" - es läuft rund für die Genossen im hessischen Rheingau-Taunus-Kreis. Sie haben sogar ein eigenes Motto: "Es geht auch menschlich", heißt es auf der Website des Ortsvereins.

30 Mitglieder zählt die SPD in dem Ortsteil, das ist nicht sonderlich viel für die große Volkspartei, trotzdem sind die Engenhahner Sozialdemokraten jetzt zu einer gewissen Berühmtheit gelangt.

Beim Kurznachrichtendienst Twitter schafften sie es auf Spitzenrankings: Dem Hessischen Rundfunk zufolge war der Begriff Engenhahn in den deutschen Twitter-Trends zwischenzeitlich unter den Top 15. Zu normalen Zeiten würde die Seite zehn Klicks am Tag verzeichnen, sagt Ortsvorsteher Peter Woitsch, der den Internetauftritt betreut. Es sind gerade aber keine normalen Zeiten: 30.000 Zugriffe pro Tag seien es zuletzt gewesen.

Irgendjemand stolperte über den Auftritt der Engenhahner Genossen , fand ihn offenbar komisch, gruselig, schrill oder alles zugleich - schnell wurde aus der Seite, der jegliche Ordnung zu fehlen scheint, ein Renner. Weiß auf blau, rot auf lila, Schriftzüge in Regenbogenfarben, bewegliche Ticker ("Schnelles DSL für Engenhahn!") in Quietschpink. Es sind so viele Schriftarten durcheinander gewürfelt, dass man wohl von einem gewagten typografischen Experiment sprechen kann.

Nicht nur die Optik mutet eigentümlich an, auch der Inhalt ist, nun ja, ein wenig eigen. Das SPD-Rot und das Logo mit den drei Buchstaben? Gibt es auf der Engenhahner SPD-Seite nicht. Das Kürzel würde der Seite einen "sehr offiziellen Anstrich" geben, sagt Woitsch, man wolle aber für alle 1400 Bürger in Engenhahn ein Angebot machen. Also gibt es den Abfallkalender 2011 zum Download, dazu ein Bild eines gelben Plastiksacks mit aufgemaltem Gesicht, Terminhinweise zur Operette im Bürgerhaus und neueste Nachrichten zu Straßenbauarbeiten in der Umgebung ("Es tut sich etwas, !!! ENDLICH !!!", steht darüber in Knallrot, der Text dazu folgt in Mittelblau, Schwarz, wieder Rot, dann Nachtblau).

"MEINE AUGEN!!!!! MEINE AUGEN!!!!!", schreibt ein Twitter-User dazu. "Autsch! Haben wohl kein Geld für einen vernünftigen Webmaster, ist ja grauenvoll!", meint ein anderer. "Brutal", heißt es an anderer Stelle. Auch Erik Spiekermann, mehrfach ausgezeichneter Schriftgestalter und Typograf, meldete sich auf Twitter zu Wort: "Es gibt Milliarden von Web-Seiten da draußen, aber diese hier muss die schlechteste sein."

Mit dem Spott im Internet kann Woitsch gut leben: Der Publizist und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki habe einmal gesagt, dass kein Buch ein Bestseller werden könne, wenn es nicht verrissen werde. "Ich finde die ganze Aufregung sehr amüsant", sagt Woitsch - er hat auch schon auf seine Kritiker reagiert: Man freue sich über das plötzliche Interesse und habe nichts gegen die "höhnische Belächelung", heißt es inzwischen auf der Seite. Man bemühe sich weiter, "etwas gemustert bunt, ein wenig schrill und hausbacken, aber immer möglichst aktuell".

Der nächste Eintrag zum Sankt-Martins-Umzug soll schon bald folgen.

hen
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