Gabriels Ortsverein Genossen stehen zu ihrem "Megatalent"

Was wird aus Sigmar Gabriel? Die SPD-Basis im niedersächsischen Goslar hält zu ihrem "Megatalent" und ist sauer auf Martin Schulz. Ein Besuch bei Sozialdemokraten in Gabriels Heimatstadt.
Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel

Foto: Amir Cohen/ REUTERS

Nein, um die GroKo soll es nicht gehen, sagt Giovanni Graziano zu Beginn des Abends. Graziano ist Vorsitzender der Abteilung "Altstadt" des SPD-Ortsverbandes in Goslar, an diesem Mittwoch ist Jahreshauptversammlung im Büro der Sozialdemokraten. Graziano möchte Anträge besprechen, Termine festlegen, einen neuen Vorstand wählen. "Was sollen wir zur GroKo auch noch sagen?", fragt eine Genossin resigniert. "Interessiert das überhaupt noch jemanden?"

Die SPD-Basis sehnt sich nach Ruhe. Nach Normalität. Doch das ist in diesen Tagen eine Illusion. Bis zum 2. März stimmen mehr als 460.000 Mitglieder darüber ab, ob ihre Partei ein neues Bündnis mit der Union eingehen soll oder nicht. Auf die Genossen kommt es an - die Entscheidung hat Folgen über die Parteigrenzen hinaus: Lehnt die SPD die Koalition ab, steht das Land vor chaotischen Zeiten, vermutlich wird es rasch Neuwahlen geben.

Und so überrascht es nicht, dass im Goslarer Ortsverein am Ende der Sitzung natürlich doch über die Große Koalition gesprochen wird. Goslar, 51.000 Einwohner, Unesco-Weltkulturerbestadt im Süden Niedersachsens, ist die Heimat Sigmar Gabriels. Die Frage, ob ihr prominentester Genosse doch noch Außenminister bleiben kann, beschäftigt die Mitglieder besonders.

Sigmar Gabriel in der Kaiserpfalz in Goslar (im August 2016)

Sigmar Gabriel in der Kaiserpfalz in Goslar (im August 2016)

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Es sei "peinlich", was Martin Schulz veranstaltet habe, sagt einer. Den Rücktritt des einstigen Hoffnungsträgers vom Parteivorsitz halten alle hier für die richtige Konsequenz. Schließlich habe Schulz mit seiner Entscheidung, in das Kabinett Merkel einzutreten, Wortbruch begannen. Das hatte der Vorstand des Ortsvereins der SPD-Bundesspitze auch in einem Brief geschrieben. Schulz habe die "wertgeschätzte Verantwortung der SPD in schwieriger Lage durch eine persönliche Vorteilsnahme" desavouiert, heißt es darin.

Was die Goslarer Sozialdemokraten in dem Brief nicht schrieben: Schulz habe auch "ihren" Außenminister ausgebootet. Sigmar Gabriels Chancen, der neuen Bundesregierung anzugehören, stehen schlecht. Das treibt die SPD-Basis hier um.

Oft sitze er hier im Konferenzraum und diskutiere mit den Parteifreunden, erzählen die Genossen stolz. In Goslar begann einst Gabriels politische Karriere, in den Neunzigerjahren saß er hier im Stadtrat. Im Hinterzimmer liegen noch alte Wahlplakate von Gabriel. Das etwas in die Jahre gekommene Parteibüro mitten in der Innenstadt ist inzwischen auch sein Wahlkreisbüro.

"Wir kennen die menschliche Seite von Gabriel, die auf Bundesebene fehlt," sagt der Ortsvereinsvorsitzende Jens Kloppenburg. In seinen Erzählungen verwandelt sich der oft mürrisch wirkende Bundespolitiker in eine nahbare und empathische Persönlichkeit. Er sei immer erreichbar, komme zu vielen Veranstaltungen und kümmere sich auch um lokale Angelegenheiten, zum Beispiel um Nachhilfe für syrische Flüchtlinge. Gabriel sei "das Megatalent" der Partei, sagt Kloppenburg: "Wir verschenken etwas, wenn wir unseren besten Mann nicht in die Regierung bringen."

Jens Kloppenburg, SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Goslar

Jens Kloppenburg, SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Goslar

Foto: privat

Später am Abend sitzen nur noch die Vorstandsmitglieder des Ortsverbandes zusammen. Wie Kloppenburg hoffen alle, dass Gabriel in der neuen Regierung eine Rolle spielen wird. Aber glauben sie auch daran? "Wir wollen uns nicht an den Personaldebatten beteiligen", ermahnt Kloppenburg die Runde. Gert Kannenberg von der Abteilung Nord wirft dennoch ein, dass Gabriel sich über die Zeit nun mal viele Feinde gemacht habe. "Er hat keinen Rückhalt mehr", sagt er enttäuscht.

Die Partei ist verunsichert. Das zeigt sich an diesem Abend deutlich. Bei der Frage, ob man in eine Große Koalition eintreten soll oder nicht, gehen die Meinungen auseinander. Die Genossen geben sich Mühe, ihre Argumente sachlich vorzutragen, doch schnell entwickelt sich eine emotionale Diskussion. Die Stimmen werden lauter, einer haut mit der Faust auf den Tisch. "Bei Neuwahlen versinken wir in der Bedeutungslosigkeit", ruft einer. Ein anderer entgegnet: "Die Wähler haben uns keinen Regierungsauftrag gegeben." Jemand beklagt: "Das Verhandlungsergebnis ist nicht gut genug."

Erst die Personen, dann das Land

In einem Punkt sind sich alle am Tisch einig: Die SPD muss sich dringend erneuern, sie müsse wieder glaubwürdig werden. "Wir an der Basis machen einen guten Job", sagt die stellvertretende Vorsitzende Anette Eine. Den Parteifreunden in Berlin dagegen seien die Sorgen der Bürger egal: "Die denken erst mal an sich und dann an das Land." Das merke man an den aktuellen Personaldebatten, aber auch am Umgang mit der Basis auf Parteitagen.

Die Lokalpolitiker fordern neue Inhalte, neue Visionen, ein neues Miteinander. "Der zwischenmenschliche Umgang innerhalb der SPD ist schrecklich", sagt Ulrike Wunder. "Dafür ist nicht nur Schulz verantwortlich, sondern der ganze Vorstand." Olaf Scholz und Andrea Nahles werden als Politiker zwar geschätzt, sie stünden aber nur bedingt für einen Neuanfang.

"Wir als Basis wurden von der Bundespolitik unterschätzt", sagt Kloppenburg am Ende des Abends. 14 neue Mitglieder seien dem Ortsverein in den letzten zehn Tagen beigetreten. Kloppenburg sagt, er spüre keine Resignation, sondern einen Aufbruch. Nie hätten sich die Mitglieder des Ortsverbandes so intensiv mit der SPD und ihrer Politik beschäftigt.

Den neuen Mitgliedern möchte Kloppenburg das Parteibuch persönlich vorbeibringen. Er hofft, dass sie nach dem Mitgliederentscheid nicht gleich wieder austreten, sondern sich an der Arbeit im Ortsverein beteiligen. Nur so könne die Basis ihre Bedeutung auch über den Mitgliederentscheid hinaus behalten.

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