Sachsens SPD-Wahlkämpfer Martin Dulig Kandidat der Herzen, Partei der Schmerzen

Die sächsische SPD nähert sich in Umfragen der Fünf-Prozent-Marke - von oben. Dabei ist Spitzenkandidat Martin Dulig beliebt und betreibt einen ungewöhnlichen Wahlkampf. Doch die Bundespartei fällt ihm in den Rücken.
SPD-Spitzenkandidat Dulig: "Der könnte sofort hier anfangen"

SPD-Spitzenkandidat Dulig: "Der könnte sofort hier anfangen"

Foto: Hendrik Schmidt/DPA

Am vergangenen Samstag in der Erzgebirgsstadt Aue verwandelt sich der stellvertretende Ministerpräsident des Freistaats Sachsen in einen Altenpfleger. Martin Dulig trägt Turnschuhe, dunkle Jeans und ein weißes Shirt mit der Aufschrift "Seniorenzentrum Brünlasberg".

Sieben Rentner versammeln sich im Gemeinschaftsraum des Altenheims, im Fernsehen läuft eine Telenovela. So laut, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten würde.

Dulig hat ein paar Joghurtdrinks in der Hand. Zweites Frühstück nennen sie die hier. Der SPD-Spitzenkandidat für die Wahl am kommenden Sonntag beugt sich zu einer Frau im Rollstuhl runter. "Darf ich Ihnen das schon aufmachen?", sagt er, sehr laut. Die Frau mit den dicken Brillengläsern nickt.

Die Verteilung der Joghurtgetränke ist die letzte Aufgabe des 45-Jährigen an diesem Tag. Um sieben Uhr am Morgen ist er als Praktikant in der Altenpflege gestartet, hat die Senioren in Aue angezogen, ihnen Essen gebracht.

Die Rentner loben ihn als "guten Pfleger", der die Lokalzeitung vorgelesen und eine Wespe erschlagen habe. Auch die 38-jährige Pflegerin Heidi Franke, die Dulig den Tag begleitete, ist angetan. "Der könnte sofort hier anfangen", findet sie.

"Ich will raus in die Realität"

Dulig, seit fünf Jahren Wirtschaftsminister in der schwarz-roten Sachsen-Koalition, nennt dieses Wahlkampfformat "Dein Kollege Dulig". Auch als Minister ist er immer wieder in verschiedene Rollen geschlüpft, arbeitete für einen Tag als Praktikant mit. Anfangs versuchte er dabei, unerkannt zu bleiben. So schleppte er schon Koffer aus Flugzeugen, putzte Toiletten oder schuftete in einem Supermarkt mit.

"Ich will raus in die Realität", sagt er. Politiker gingen oft in Unternehmen, ihm aber gehe es darum, dass nicht am Tag vorher nochmal durchgewischt werde und dass er die Arbeit mit seinen eigenen Händen tue. Mit den Menschen in Kontakt kommen, ihren Lebensalltag kennenlernen.

Eigentlich ein gutes Konzept. Nur: Es zündet nicht. So sagen die Rentner und die Pflegerin in Aue, die so begeistert sind von Dulig, nach dem Termin: SPD würden sie nicht wählen.

Martin Dulig im Altenheim Brünlasberg - Tat des Tages: Wespe für die Rentner erschlagen

Martin Dulig im Altenheim Brünlasberg - Tat des Tages: Wespe für die Rentner erschlagen

Foto: Timo Lehmann

Das ist das Problem der Sozialdemokraten in Sachsen. Dulig ist nach CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer der beliebteste Politiker im Freistaat. Doch so sehr er auch ankommt bei seinen Bürgern, an den Umfragen ändert es nichts. Seit Monaten wird die Partei zwischen sieben und neun Prozent gesehen. Die SPD war schon immer vergleichsweise schwach in Sachsen, hat hier nur ein paar Tausend Mitglieder. Doch diesmal rückt sogar die Fünf-Prozent-Hürde in gefährliche Nähe.

Vom Bauarbeiter zum jüngsten Fraktionsvorsitzenden

Dulig wuchs in einem christlichen Elternhaus auf. Zunächst arbeitete er als Bauarbeiter, später holte er ein Studium der Erziehungswissenschaft nach. Mit 16 wurde er Vater, mit 18 trat er in die SPD ein, mit 25 wurde er Juso-Vorsitzender und 2007 der jüngste Fraktionsvorsitzende.

Aus einer verstaubten und unmotivierten Gruppe machte Dulig eine regierungsfähige Partei - und es gelang der Eintritt in die Regierung. Kretschmer und Dulig setzten nach Jahren des Sparens auf neue Investitionen: in die Bildung, die Polizei, die Infrastruktur. Auch Christdemokraten sagen, die SPD habe in der Regierung einen guten Job gemacht.

Doch es hilft alles nichts. Der Wahlkampf konzentriert sich auf die Stärke der AfD, das Abschneiden der CDU und die Grünen im Aufwind. Die SPD? Kommt kaum vor.

Das Weitere erledigen die Genossen in Berlin. Seit Monaten beschäftigt sich die Bundespartei mit sich selbst. Auf die Genossen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg hat man bei der Suche nach dem neuen Führungspersonal keine Rücksicht genommen. Quasi führungslos ist die Partei in den Ost-Wahlkampf gezogen.

SPD setzt nun auf Kenia-Koalition

Immerhin: So langsam dämmert auch den politischen Kontrahenten in Sachsen, dass die SPD eben doch eine entscheidende Rolle spielt. Rechnerisch sieht es so aus, als brauchte es eine Kenia-Koalition - also ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD -, um sich gegen die AfD behaupten zu können. Bei einer knappen Mehrheit wichtig: das Wahlergebnis der SPD.

Dulig hat deshalb nun seine Strategie gewechselt. Er fährt nun in der letzten Woche vor der Wahl eine klare Zweitstimmenkampagne. Während Grüne, Linke, AfD, CDU auf Direktmandate hoffen, hat die Erststimme für die SPD keine Bedeutung mehr.

"Gibt es eine Mehrheit für CDU, SPD und Grüne. Oder rutscht dieses Land nach rechts und wird unregierbar?", fragt Dulig in einem neuen Video. Gewünscht haben sich die sächsischen Sozialdemokraten eine Kenia-Koalition nicht. Aber nun ist diese Farbkombination eine Chance. Dulig, der Realist, hat das erkannt.

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