SPD-Kandidat Maget "Wir profitieren vom bayerischen Hang zur Anarchie"

Er hofft auf eine "spannende Wahl": SPD-Spitzenkandidat Franz Maget will die Alleinherrschaft der CSU brechen - und setzt auf bajuwarischen Widerstandsgeist. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview schließt er eine Zusammenarbeit mit der Linken aus und spricht über eine Große Koalition.


SPIEGEL ONLINE: Herr Maget, CSU-Chef Huber will in einen Kreuzzug gegen die Linke ziehen - machen Sie mit?

Maget: Alle Kreuzzüge endeten erfolglos. Sie sind ein Zeichen von Intoleranz und ideologischer Verbohrtheit. Also typisch CSU. Die SPD beteiligt sich grundsätzlich nicht an Kreuzzügen. Es ist unglaublich, wie die CSU in die untersten Schubladen dümmlichster Demagogie greift.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Zusammengehen mit der Linken ausgeschlossen. Gleichzeitig sagen Sie, dass Sie nichts gegen Rot-Rot im Land Berlin haben. Erklären Sie mal diesen Widerspruch.

Maget: Das Land Berlin beweist, dass es kein Verbrechen ist, mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten. Die Demokratie geht dort deswegen nicht zugrunde. Aber erstens wird die Linke in Bayern nicht in den Landtag kommen. Und zweitens: Selbst wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde, käme für uns eine Kooperation nicht in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Linke eine extremistische Partei?

Maget: Nein. Deren Wähler sind zudem weder Kommunisten noch Mauerschützen. Darunter finden sich viele Protestwähler und manch enttäuschter Gewerkschafter. Es ist daher völlig falsch, die Linkspartei zu verteufeln, sie mit der NPD gleichzusetzen, wie das Herr Beckstein tut.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die Linke weiterhin vom Verfassungsschutz beobachtet werden?

Maget: Ich habe nichts gegen eine weitere Beobachtung. Denn die Linke ist natürlich auch ein Sammelplatz für einzelne Extremisten.

SPIEGEL ONLINE: Es nervt Sie, dass Sie dauernd nach der Linken gefragt werden.

Maget: Ja, es ist eine unsinnige Diskussion, die Zeit kostet. Wir sollten lieber über die Zukunft Bayerns reden.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft wachen Sie eigentlich nachts schweißgebadet auf und denken sich: 'Mein Gott, wenn die CSU verliert, muss ich tatsächlich den Ministerpräsidenten machen'?

Maget: (lacht) Ich schlafe nachts sehr gut und wache so gut wie nie auf, schon gar nicht schweißgebadet. Ich bin guten Mutes. Diese Landtagswahl wird spannender als alle zuvor. Die SPD ist einen großen Schritt weitergekommen. Schauen Sie: Es ist tatsächlich möglich, dass die CSU die absolute Mehrheit verliert. Ich habe keine Angst vor dem Tag, an dem ich Ministerpräsident werden könnte. Wir sind vorbereitet.

SPIEGEL ONLINE: Aber in Umfragen kleben Sie seit Jahren an der 20-Prozent-Marke.

Maget: Viele Leute werden der CSU diesmal ihre Stimme verweigern. Ein Teil dieser Menschen wird zu uns kommen. Wir profitieren da vom bayerischen Hang zur Anarchie.

SPIEGEL ONLINE: Bitte was?

Maget: Der Bayer wählt das, was er für richtig hält. Keinesfalls aber das, was ihm die Obrigkeit vorschreibt. Neulich hat Beckstein gesagt, ein anständiger Bayer wähle CSU. Wissen Sie, was da der anständige Bayer entgegnet? Der sagt: "Ich lasse mir gar nix vorschreiben." Da kann sich Herr Beckstein auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln.

SPIEGEL ONLINE: Noch einmal: Die SPD steht kaum besser da als bei der Wahl 2003, als Sie nur 19,6 Prozent holten.

Maget: Damals konnten wir unsere Sympathisanten nicht mobilisieren, der Streit um die Agenda-Reformen dominierte alles. Unser größter Gegner 2003 war die Bundes-SPD ...

SPIEGEL ONLINE: … so wie heute auch …

Maget: Falsch! Das ist ein himmelweiter Unterschied. Und die bayerische SPD ist heute sehr geschlossen, damals stand ich allein auf weiter Flur.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben heute nicht weniger Berliner Gegenwind als damals, die Bundes-SPD schwankt zwischen 20 bis 25 Prozent in den Umfragen.

Maget: Da sehen Sie mal, wie stark die Bayern-SPD mittlerweile geworden ist. Wir sind so selbstbewusst, dass wir nun die gleichen Werte in den Umfragen erzielen wie die Bundes-SPD.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber ein trauriges Selbstbewusstsein.

Maget: Uns hilft es auf jeden Fall, wir sind deutlich stärker.

SPIEGEL ONLINE: Das werten Sie als Erfolg?

Maget: Nein, aber wir haben uns von der bundespolitischen Entwicklung freimachen können. Früher lagen wir immer einige Prozentpunkte unter dem Bundestrend. Es spricht also für die Stabilität der Bayern-SPD, dass sie nun von einem gewissen Abwärtstrend nicht erfasst wurde.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen Sie werden Ministerpräsident. Was ändern Sie zuerst?

Maget: Alle arbeitslosen Lehrer einstellen, die Schulklassen verkleinern, das letzte Kindergartenjahr kostenfrei stellen. Ich werde die Studiengebühren abschaffen und eine Initiative zur Einführung eines Mindestlohnes starten, etwa über den Bundesrat.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie das dreigliedrige Schulsystem abschaffen?

Maget: Nein, zunächst nicht. Wir brauchen zuerst eine pädagogische Diskussion: Was bringt uns eine längere gemeinsame Schulzeit? Schulreformen darf man nie überstürzen. Ich glaube, dass ein gegliedertes Schulsystem genauso erfolgreich sein kann wie die Einheitsschule.

SPIEGEL ONLINE: Der Sozialdemokrat Maget will erstmal keine Gesamtschulen?

Maget: Zentral sind immer die Bedingungen, unter denen die Schulen arbeiten. Große Klassen und zu wenig Lehrer sind in beiden Systemen schlecht. Unser Plan: Erst alle Schularten besser ausstatten, dann die Diskussion über die aus meiner Sicht zu frühe Aufteilung der Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Nächste Woche treten Sie mit Franz Müntefering im Münchner Hofbräukeller auf. Seit seinem Abgang als Minister hat es die SPD beinahe zerrissen. Hoffen Sie auf ein Münte-Comeback im Bund?

Maget: Er wird sich ab September wieder politisch engagieren, aber ich glaube nicht, dass er eine herausgehobene Funktion übernehmen wird. Das braucht er übrigens gar nicht, denn sein Wort wird auch so gehört.

SPIEGEL ONLINE: Münte, die graue Eminenz der Sozialdemokratie?

Maget: Nein, aber Münte als erfahrener und beliebter Politiker, der Kultstatus hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie träumen in Bayern von einer Vierer-Koalition mit Grünen, Freien Wählern und FDP. Doch die Liberalen scheinen sich eher der CSU anzudienen …

Maget: … ja, oder die Freien oder die Grünen. Es wäre schon ein großer Vorteil, wenn die CSU überhaupt erst einmal die Macht teilen müsste. Das würde alle Demokraten in Bayern freuen. Und sollte sich eine Konstellation gegen die CSU ergeben, dann steht die SPD bereit.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich auch eine Konstellation mit der CSU vorstellen? Nach dem Krieg gab es schon einmal Große Koalitionen in Bayern.

Maget: Ich freue mich ja, dass Sie diese Frage stellen. Vor einiger Zeit hätte mich doch keiner nach einem Regierungseintritt der SPD in Bayern gefragt, da haben alle nur gelacht.

SPIEGEL ONLINE: Heißt also, mit der Linken schließen Sie eine Zusammenarbeit aus, mit der CSU nicht?

Maget: Eine CSU-SPD-Koalition in Bayern ist nicht wahrscheinlich. Ich hoffe aber, dass die CSU zumindest in die Not kommen wird, sich einen Koalitionspartner suchen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es wieder nicht klappt am 28. September, wechseln Sie dann in den Bundestag?

Maget: Das schließe ich aus. Ich mache mir wirklich keine Gedanken über das Danach. Bei der Wahl halte ich eine Sensation für möglich.

Das Interview führte Sebastian Fischer

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