Martin Schulz in der ARD-"Wahlarena" "Ich kämpfe jetzt einfach mal um Ihr Vertrauen"

Bürgersprechstunde? Würde Martin Schulz wohl am liebsten jeden Abend zur besten Sendezeit machen. In der ARD-"Wahlarena" kann der SPD-Kanzlerkandidat seine Stärken ausspielen - aber nicht alles gelingt.

Sozialdemokrat Schulz
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Er will gar nicht mehr aufhören zu reden. Und als die ARD-"Wahlarena" schließlich zu Ende ist - zwei Minuten über der Zeit - sieht man Martin Schulz noch einmal sehr zufrieden in die Kamera schauen.

"So was wie hier müsste ein Bundeskanzler einmal im Monat machen", ist sein letzter Satz an diesem Abend. Schulz würde als SPD-Kanzlerkandidat wohl am liebsten jeden Tag Bürgersprechstunden zur besten Sendezeit absolvieren, der direkte Kontakt zu den Menschen liegt dem Mann, der jahrelang Bürgermeister seiner rheinischen Heimatstadt Würselen war.

Aber mehr als drei Veranstaltungen in diesem Format gab es nicht im Wahlkampf, Amtsinhaberin Angela Merkel von der CDU und ihr SPD-Herausforderer durften jeweils bei RTL, ZDF und ARD die Fragen von Bürgern beantworten. Diesmal, wie bei Merkel vor einer Woche, wieder in der Kulturwerft Gollan in Lübeck, 150 Wähler aus der ganzen Republik wurden dazu repräsentativ ausgewählt.

Martin Schulz
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Martin Schulz

In wenigen Tagen wird gewählt, der Abstand der SPD auf die Union bleibt deutlich in den Umfragen, auch der Vorsprung von Merkel im direkten Vergleich mit Schulz. Aber der Sozialdemokrat hofft weiter auf die vielen Unentschlossenen im Land. Und er hat sich noch zentrale Forderungen für den Endspurt aufgehoben. In Lübeck kündigt Schulz einen "Neustart" in der Pflege an: besseres Personal, bessere Bezahlung - und mehr Plätze.

Wie liefen die 77 Minuten in der ARD-"Wahlarena"?

Um diese Themen ging es: Staatsfinanzen, Problem der steigenden Mieten und Preise für Wohneigentum, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, Altersabsicherung für nicht berufstätige Mütter, Qualifizierung für Langzeitarbeitslose, Integration von Flüchtlingen, Dieselskandal - vor allem Schadensersatzmöglichkeiten/Stichwort "Musterfeststellungsklage", Umgang mit ausländischen Staats- und Regierungschefs wie Trump oder Erdogan, Krankenversicherung/Bürgerversicherung, Pflegemängel, Erwerbsunfähigkeit wegen Krankheit, Waffenexporte/Rüstung, Innovationsförderung, Bildung, Umgang mit übrig gebliebenen Lebensmitteln

Die beste Frage: Annett Hackebeil kommt aus dem Erzgebirge und bringt den SPD-Kanzlerkandidaten erst mal ziemlich aus dem Konzept. Die Sächsin will wissen, was Schulz dafür tun würde, Mütter im Alter ordentlich abzusichern. Sie sei nämlich Mutter von sechs Kindern, erzählt die Sächsin - und rattert ihre unterschiedlichen Jobs herunter: Taxifahrerin, Eventmanagerin, Köchin, Motivationstrainerin. "Und das alles ohne Wochenendaufschlag", sagt sie.

Zuschauerin Hackebeil
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Zuschauerin Hackebeil

Es dauert einen Moment, bis Schulz begreift, dass Frau Hackebeil damit ihre Aufgaben als Mutter beschrieben hat. Schließlich sagt er: "Ich war einen Moment aufgewühlt", denn die Schilderung erinnere ihn an seine Mutter. Diese habe auch fünf Kinder großgezogen - und später eine sehr kleine Rente bekommen. Sein Versprechen an die Fragestellerin: "Ich will Ihren Rentenbescheid ändern, um das klar zu sagen."

Schulz' bester Moment: Die Dame mit dem rötlichen Oberteil hat zu Hause einen krebskranken Mann, ein weiterer Familienangehöriger ist ebenfalls schwer krank. Sie ist der Meinung, dass die Politik sich um solche Schicksale zu wenig kümmere. "Wo bleibt denn da der Mensch?", fragt sie den SPD-Kanzlerkandidaten. Ihr Vorwurf: "Nur solange wir parieren, sind wir gut."

Es ist ein heikler Moment: Schulz wird ihr keine konkrete Antwort geben können, die sie befriedigt. Also versucht er es genauso emotional. "Sie mögen dieses Gefühl haben - und das verstehe ich auch", sagt er. Und räumt ein, dass er nicht 82 Millionen Einzelschicksale in Deutschland lösen könne. "Aber mir geht das nahe", sagt der SPD-Chef. "Ich kämpfe jetzt einfach mal um Ihr Vertrauen." Und fügt hinzu: "Glauben Sie es mir, Ihr Schicksal ist mir nicht egal." Auch wenn ihr das praktisch erst mal wenig hilft: Die Frau klatscht begeistert.

Schulz' schwächster Moment: Kurt Koch ist der Meinung, dass es Deutschland sehr gut gehe, der Staat dafür aber zu wenig Schulden tilge. Was also werde Schulz in dieser Hinsicht tun? "Klare Antwort", sagt der Sozialdemokrat - und bleibt dann doch eher unklar in seiner Antwort. Tatsächlich will Schulz nämlich deutlich mehr investieren als die bisherige Bundesregierung: vor allem in Schulen, Straßen, Breitbandausbau. Nach Meinung von Schulz würde das die Konjunktur so beleben, dass dadurch wieder höhere Steuereinnahmen generiert werden, der Staat also mehr Geld einnimmt. Aber zunächst kostet es Geld, das man sonst zum Schuldenabbau verwenden könnte. "Wir müssen investieren und Schulden tilgen", sagt Schulz. Herr Koch wirkt wenig überzeugt.

Antwort mit Streitpotenzial: Aus Bayern ist ein Mann in Anzug und Krawatte in die Kulturwerft Gollan gekommen, der von Schulz wissen möchte, wie der SPD-Kanzlerkandidat die Innovationskraft und Erfinderpotenziale in Deutschland besser fördern würde. Schulz' Antwort ist ein bisschen wolkig - an einem Punkt aber erstaunlich: Als Kanzler würde er dafür sorgen, dass Deutschland mehr Risikokapital bereitstellt. Also staatliches Risikokapital? Die Bedingungen für Risikoinvestoren zu verbessern, das könnte der Staat eventuell tun. Aber doch sicher nicht Steuergeld als Risikokapital einsetzen.

Fazit: Der Montag war ein guter Start in den Wahlkampfcountdown für Martin Schulz. Sollte er nach der Wahl noch weitere Bürgersprechstunden dieser Art zu bewältigen haben, sollte sich der Sozialdemokrat allerdings eines abgewöhnen: geografisches Heranwanzen à la "Sie kommen aus Malente? Ich kenne Malente…". Das hat kein Kanzlerniveau.



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insgesamt 158 Beiträge
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Erwan 19.09.2017
1. Im Wahlkampf ist es wie bei Beerdigungen.
Da wird am meisten gelogen und den Wählen das Blaue vom Himmel versprochen. Wenn man dann an der Regierung ist, heisst es oft, man habe für dieses und jenes ja gar kein Geld und könne es deswegen nicht oder erst in Jahren umsetzen. Wir einnern uns an einen Spruch der Merkel: "Mit mir wird es keine Maut geben", aber die Merkelregierung hat die ganzen Jahre auf die Maut hingearbeitet, nur ist sie von der EU offenabr noch nicht endgültig genehmigt. Glaubt jemand, daß der Schulz anders ist? Wir werden von allen belogen und betrogen und viele Medien thematisieren das kaum oder jedenfalls viel zu wenig.
pittsburgher 19.09.2017
2. Freibier
Es ja schön zu hören, dass Herr Schulz diesen armen in Not geratenen Menschen helfen will. Aber leider sagt er nicht, wer das letztlich bezahlen soll. Denn irgendjemand muß am Ende das Freibier bezahlen. Außerdem hat anscheindend kein Politiker den Mut den Leuten auch mal etwas von Eigenverantwortlichkeit zu erzählen. Wer nichts Anständiges gelernt hat und das ganze Leben im Niedriglohnsektor verbracht hat, kann wohl keine Chefarztrente erwarten. Übrigens kenne ich Bekannte in USA und China, die auch von ihren Kindern unterstützt werden, nachdem diese einen Beruf haben. Bei 6 Kindern sollte doch wenigstens eins dabei sein, das ein vernünftiges Einkommen hat. Diese Mütter berufen sich doch immer darauf, dass sie ihre ganze Zeit in die Kinderbetreuung investiert haben.
prologo 19.09.2017
3. Die Kurzfassung
Blah blah blah. Ohne Substanz und Hintergrund. Wenn ich dann, dann,,,,, Ich habe es mir angetan, das anzusehen und zu hören. Die SPD hat sich überflüssig gemacht. Ist auch gut so. Diese SPD muss sich erst mal selbst wieder finden. In der Opposition und ohne die Vernichter der SPD, den Seeheimer Kreis. Der Steinmeier hat sich schon gerettet, als Bundespräsident. Der Rest noch nicht. Die Rettung ist nur eine weiter GroKo mit der CDU. Und genau so kommt es,
Pollowitzer 19.09.2017
4. Na Schulzi dann kämpfe...
...mal um Vertrauen - wer Dir vertraut muß ein SPD-Parteibuch haben oder völlig meschugge sein - ich würde keinem Politiker vertrauen und einem der darum wirbt erst recht nicht. Vertraue mir Martin, Du wirst bei der Wahl einfach nur untergehen, aber sicher ist Dir das klar.
ellenbetti 19.09.2017
5. warum denn nicht ?
natürlich können die Regierungssender jeden Abend senden was und wie sie wollen. Es müssen noch die unentschlossenen Wähler berieselt werden. Ist halt für die Alten ( Heime ) damit die nicht auf dumme Gedanken kommen. Oder glauben Sie es wird dem Volkswillen überlassen ? Dann gäbe es auch Volksentscheide. Kennen Sie einen Volksentscheid ?
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