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09. November 2012, 16:20 Uhr

Steinbrück unter Druck

Der angekratzte Kandidat

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Seine Sympathiewerte sinken, seine üppigen Honorare sorgen für Kritik, die Grünen distanzieren sich vom SPD-Kanzlerkandidaten: Peer Steinbrück ist unter Druck - und reagiert zunehmend gereizt. Die Affäre um einen seiner Auftraggeber ist noch nicht ausgestanden.

Berlin - Peer Steinbrück ist patzig. Im Bundestag spricht er zum Betreuungsgeld, gerade erzählt er von einem Treffen mit Erzieherinnen. Haha, Steinbrück, der Millionär, besucht eine Stadtrand-Kita? Aus dem Gegnerlager schallen Laute des Spotts. Der Redner unterbricht: "Ja, führen Sie diese Gespräche nicht?", raunzt er in Richtung Regierungskoalition. "Ist das für Sie etwa was Besonderes?"

Steinbrück ist für zwar für gelegentliche Poltrigkeit bekannt, doch in diesen Tagen reagiert er auf Angriffe noch gereizter als sonst. Die wochenlange Debatte um seine üppigen Vortragshonorare, die scheibchenweise Bekanntmachung seiner Nebeneinkünfte, all das hat Spuren hinterlassen. Das Wahljahr hat noch nicht mal angefangen, und Steinbrück musste schon durch diverse Schützengräben robben.

Zwar blamierte sich die schwarz-gelbe Koalition im Nebeneinkünftestreit mindestens genauso wie der SPD-Spitzenmann. Doch hängen blieb in vielen Köpfen eben auch das Bild vom feinen Vortragsreisenden, der damit erst eine Million verdient haben soll, später zwei, und dessen unentschlossenes Krisenmanagement wenig glaubwürdig wirkte.

Die aktuellen Umfragen scheinen den Kommentatoren recht zu geben: Steinbrück hat binnen kurzer Zeit ordentlich Sympathien bei den Wählern eingebüßt, mehr als zwei Drittel der Deutschen sind der Meinung, der Umgang mit seinen Nebeneinkünften habe Steinbrücks Image nachhaltig geschadet. Zuletzt ging auch der bevorzugte Koalitionspartner, die Grünen, auf Distanz.

Derart unter Druck schaltet der Angegriffene auf Attacke. In einem Radio-Interview kritisierte er die "Neidkomplex-Debatte" um seine Person. In seiner Betreuungsgeld-Rede geißelte er die Prämie, die wenig später vom Bundestag beschlossen wurde, in bissiger Manier. "Grundfalsch", "schwachsinnig", "Unfug" sei der Zuschuss, entstanden durch "ein Höchstmaß an Selbstverleugnung".

Die Pläne der Regierungskoalition passten "eher in die Biedermeieridylle", seiner Konkurrentin Angela Merkel (CDU) warf er "Machtpragmatismus" vor. Im Vorfeld der Abstimmung hatte Steinbrück, der sich ansonsten eher bei Europa- und Wirtschaftspolitik in Rage redet, vollmundig versprochen, er werde das Betreuungsgeld bei einer erfolgreichen Bundestagswahl "sofort abschaffen".

Die Promis und die Stadtwerke Bochum

Steinbrücks plötzlicher persönlicher Einsatz gegen das Betreuungsgeld kommt wohl nicht von ungefähr. Bei Männern kommt Peer Steinbrück gut an, doch junge Wählerinnen misstrauen ihm. Der Kanzlerkandidat hat das auch selbst erkannt und kündigte im Parteivorstand an, daran zu arbeiten - etwa, indem er in gesellschaftspolitischen Debatten präsenter auftritt.

Doch es ist fraglich, ob die neue Strategie den Streit um seine Honorare vergessen lassen kann. Steinbrück beschwor in den vergangenen Wochen, angegriffen von seinen Kritikern, immer wieder das eigene Bestreben nach Transparenz. Das ist ein schönes Wort und in der Politik gerade sehr in Mode. Doch zuletzt wurde Steinbrücks Name immer wieder mit den Stadtwerken Bochum in Zusammenhang gebracht - und die nahmen es mit der Transparenz anscheinend nicht ganz so genau.

Die Öffentlichkeit wurde wohl seit Jahren darüber getäuscht, dass horrende Honorare der exklusiven Gäste doch nicht gespendet werden sollten. 2008 hatten die Stadtwerke der klammen Kommune den "Atrium-Talk" ins Leben gerufen, der fortan zweimal jährlich vor einem exklusiven Publikum von knapp 170 handverlesenen Zuschauern stattfand. Die Redner - neben Steinbrück traten unter anderem Joschka Fischer, Joachim Gauck, Richard von Weizsäcker, Peter Maffay, Uli Hoeneß und Dietrich Grönemeyer auf - wurden sehr gut bezahlt, die Kosten jeder einzelnen Veranstaltung lagen bei etwa 87.000 Euro.

"Eine Katastrophe"

Noch im Jahr 2010 teilte die Stadtverwaltung mit: "Alle Honorare kommen wohltätigen Zwecken zu." Das aber war falsch, und vielleicht war es sogar gelogen. Ausgerechnet nämlich die Verpflichtung des designierten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der 25.000 Euro für eine knapp anderthalbstündige Plauderei über Gott und die Welt erhalten hatte, brachte die fragwürdige Großzügigkeit in der sozialdemokratisch regierten Stadt ans Licht.

Der "Atrium-Talk", so viel ist bereits klar, wird nicht mehr stattfinden. Und den Kunden der Bochumer Stadtwerke steht eine saftige Preiserhöhung bevor - natürlich bloß wegen der Energiewende.

Am Donnerstag gab Steinbrück sodann bekannt, sein Honorar freiwillig spenden und aus seiner Privatkasse noch ein paar tausend Euro drauflegen zu wollen. Doch sein prominenter Name bleibt mit der möglichen Stadtwerke-Affäre nun bis auf weiteres verknüpft. Ein zusätzlicher Makel im Wahlkampf des Kanzlerkandidaten.

Die Union wird jedenfalls nicht lockerlassen und das Thema immer wieder anheizen. "Ich habe in meinem ganzen Leben für Vorträge kein Honorar verlangt. Anders als Herr Steinbrück von den Stadtwerken Bochum oder von vielen anderen", stichelte Unionsfraktionschef Volker Kauder am Freitag im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Der Kanzlerkandidat und seine Partei seien "sehr mit sich selbst beschäftigt, während wir uns um die wirklichen Probleme in Deutschland und Europa kümmern".

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