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Steinbrücks Nebeneinkünfte Der Millionen-Kandidat

89 Vorträge, gut eine Million Euro: Peer Steinbrück legt seine Nebeneinkünfte offen. Der SPD-Kanzlerkandidat sieht sich als Vorreiter in Sachen Transparenz und teilt gegen den politischen Gegner aus. Der schweigt - doch die größere Gefahr droht dem Sozialdemokraten ohnehin aus den eigenen Reihen.

Berlin - So ist das, wenn man seine Schatztruhe öffnet. Dann stürzt schon mal die Website ab. Peer Steinbrücks persönliche Homepage war am Mittag nicht zu erreichen. Zu viele Besucher. "Service Temporarily Unavailable." Bitte versuchen Sie es später wieder.

Man kann nicht sagen, dass Steinbrücks Internetauftritt in Berlin bislang als Renner galt, aber an diesem Dienstag ist das etwas anders.

Der Kanzlerkandidat der SPD hat auf seine Homepage den Bericht jener Düsseldorfer Wirtschaftsprüfer hochladen lassen, die er vor Wochen damit beauftragt hatte, seine Nebeneinkünfte zu durchleuchten. Steinbrücks Jahreskalender, seinen Organizer, seine Bürounterlagen und Akten seines Steuerberaters - alles sollten die Prüfer auswerten. Entstanden ist ein 19-seitiges Konvolut, das jeden einzelnen Honorarvortrag auflistet, den Steinbrück seit 2009 gehalten hat, inklusive Ort, Thema und Honorar. Das weckt Interesse.

Es ist, nun ja, ganz schön was zusammengekommen in den vergangenen Jahren. 89 Vorträge hat Steinbrück in dieser Legislaturperiode als einfacher Bundestagsabgeordneter gehalten. Vor Banken, vor Versicherungen, ja sogar in einem Möbelhaus hielt Steinbrück anlässlich der "Küchen-Kompetenz-Tage" eine Rede. 74 von diesen Auftritten wurden demnach mit dem, wie der Kanzlerkandidat es ausdrückt, "Standardhonorar" in Höhe von 15.000 Euro vergolten. Es gibt ein paar Ausreißer nach unten und nach oben. Unterm Strich erhielt der Sozialdemokrat rund 1,25 Millionen Euro. Brutto, versteht sich.

"Ein Beispiel, das andere aufnehmen sollten"

Der Millionen-Kandidat ist mit seiner Transparenz-Initiative zufrieden. Sehr sogar. "Ich gehe damit weit über die bisher geltenden Transparenzregeln hinaus", sagt Steinbrück, als er am Morgen im Willy-Brandt-Haus zu der Auflistung Stellung nimmt. "Mit meiner Veröffentlichung möchte ich ein Beispiel geben, das jetzt andere Parteien im Deutschen Bundestag aufnehmen sollten." Er sieht sich als Vorreiter in Sachen Nebeneinkünften. Jetzt ist alles raus, so die Botschaft des Sozialdemokraten, der für seine Nebeneinkünfte wochenlang in der Kritik stand.

Es ist ein recht typischer Steinbrück-Auftritt, den er da in der Parteizentrale hinlegt, trocken, kernig, wenn auch ein bisschen weniger forsch als sonst vielleicht. Er widerspricht dem Vorwurf, sich in eine Abhängigkeit zu seinen Auftraggebern begeben zu haben ("Das ist absurd"). Er verteidigt sich gegen Kritik, er habe sein Abgeordnetenmandat vernachlässigt ("Abwesenheit sagt nichts über politische Präsenz aus"). Und leicht grummelig räumt er ein, zwei Vorträge nicht ordnungsgemäß beim Bundestagspräsidenten angegeben, dies aber inzwischen nachgeholt zu haben ("Nachlässigkeit von mir, ich habe es einfach verschwitzt").

Probleme für den Wahlkampf? Sieht Steinbrück nicht. Er habe sich stets an die Regeln gehalten und sich für seine Reden weder von seinem Bundestagsbüro helfen, noch vom wissenschaftlichen Dienst des Parlaments zuarbeiten lassen, sagt er. Und außerdem könne er nichts Schlimmes daran finden, wenn Politiker den Kontakt zur Öffentlichkeit suchten: "Es ist die Aufgabe eines Politikers zu erklären."

Man kann das so sehen, aber auch Steinbrück weiß, dass die Sache für ihn im Wahlkampf noch unangenehme Folgen haben könnte - volle Transparenz hin oder her. Dass sich bei Lektüre des Berichts ein bisschen der Eindruck aufdrängt, als gehe Steinbrück - Stichwort Küchenstudio - überall hin, sofern der Preis stimmt, ist da vielleicht noch das geringste Problem.

Vertraut ihm die eigene Klientel?

Schwerer wiegt die Frage, inwieweit jene ihm als Fürsprecher "guter Arbeit" und einer gerechteren Verteilung des Reichtums vertrauen, für die er hauptsächlich Wahlkampf machen will: die sozial Unterprivilegierten. Für wie glaubwürdig ihn diese Wähler halten, wird entscheidend sein im Kampf um das Kanzleramt. Steinbrück sieht auch an dieser Stelle kein Problem. Er sei in beiden Welten unterwegs gewesen, sagt er. Er kenne auch Zeiten, "wo ich selber sehr wenig Geld verdient habe und wo ich übrigens auch arbeitslos gewesen bin".

Immerhin: Vom politischen Gegner dürfte er nicht mehr sehr viel Kritik zu erwarten haben. Jedenfalls vorerst. Kein Wort aus der Münchener CSU-Zentrale, keines aus dem FDP-Hauptquartier, Schweigen bei der CDU im Konrad-Adenauer-Haus. Allein Unionsfraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer (CDU) meldet sich rasch zu Wort - und zollt dem SPD-Spitzenkandidaten Respekt. Sein Vorgehen sei "gut und richtig", lobt er. Keine neuen Vorwürfe, Schwarz-Gelb zähmt sich selbst.

Das ist kaum verwunderlich, nachdem die ersten Attacken aus Union und FDP auf den SPD-Mann wegen seiner regen Vortragstätigkeit zum Rohrkrepierer geworden waren. Dass man sich erst über Steinbrück empörte, sich dann aber gegen eine künftige, allgemeine Offenlegungspflicht auf Euro und Cent sperrte, ließ sich schwer vermitteln. Nun zieht man die Lehre aus der verpatzten Debatte: Manchmal ist Schweigen die bessere Wahl - in der Hoffnung, dass das Millionensalär für sich steht.

Scharmützel mit dem Bundestagspräsidenten

Steinbrück macht es sichtlich Spaß, die Konkurrenz vor sich her zu treiben. "Nachdem andere versucht haben, mir einen Stein an den Kopf zu werfen", sagt er im Willy-Brandt-Haus, "trage ich nun gern dazu bei, dass daraus ein Bumerang wird, der an ihren eigenen Kopf zurückfliegt."

Und nicht einmal den Bundestagspräsidenten schont er. Zu Berichten, Norbert Lammert habe ihn wegen seiner Abwesenheiten im Parlament gerügt, sagt Steinbrück, er könne sich nicht daran erinnern und fügt spitz hinzu "Aber ich würde, wenn das der Fall gewesen wäre, den Bundestagspräsidenten bitten, dass er aus persönlichen Gesprächen - aus Vieraugengesprächen mit mir - nicht in einem journalistischen Hintergrundgespräch Auskunft gibt."

Der Bundestagspräsident ließ den - im Konjunktiv formulierten - Vorwurf der Indiskretion zurückweisen. Lammert habe sich nicht zum Fall Steinbrück geäußert, erklärte ein Sprecher.

Über die angebliche Ermahnung ist damit allerdings noch nichts gesagt.

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